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08. August 2016

Staatsanleihen sind die neuen Zockerpapiere

Länder können mit ihren Schulden Geld verdienen. Das Problem ist: Wir alle sind über die 2. Säule von diesem Zinswahnsinn betroffen.

Kursentwicklung der Schweizer Staatsobligationen
Kursentwicklung der Schweizer Staatsobligationen mit 50-jähriger Laufzeit seit ihrer Ausgabe im Juni 2014. (Quelle: SIX)

Frage: Wie erzielt man einen Gewinn von 75 Prozent in nur zwei Jahren? Wenn Sie nun auf eine Zockeraktie oder ein spekulatives Hebelprodukt tippen, liegen Sie falsch. Die Antwort lautet nämlich: mit einer soliden Schweizer Staatsanleihe. Konkret handelt es sich um den 50-jährigen Eidgenossen mit einem Zinscoupon von 2 Prozent, emittiert im Sommer 2014 (siehe Grafik oben).
Aufgrund der gesunkenen Zinsen ist der Wert der langlaufenden Obligationen besonders stark gestiegen.

Genau hier liegt das Problem: Wenn selbst bei konservativen Schweizer Staatsanleihen solch extreme Kurs­ausschläge auftreten, so zeigt dies, in welch prekärem Zustand sich der Obligationenmarkt befindet. Wer besagten Eidgenossen zum heutigen Kurs kauft, verzichtet bis im Jahr 2064 (!) auf jegliche Rendite – zahlt aber trotzdem Steuern auf den Zinscoupon. Und falls Sie jetzt 1000 Franken in eine zehnjährige Schweizer Staatsobligation investieren, bekommen Sie am Ende im Jahr 2026 gerade mal 934 Franken zurück.

Für die Kassenwarte der Staatshaushalte dagegen sind paradiesische Zeiten angebrochen. Die Länder können mit ihren Schulden sogar noch Geld verdienen. Es spielt keine Rolle, dass zum Beispiel die Schulden Japans bereits 250 Prozent des Bruttoinlandprodukts betragen. Auch dort sind die Renditen der meisten Staatspapiere unter null gesunken.

Ein wichtiger Faktor für diese Entwicklung sind die Notenbanken. Die Europäische Zentralbank (EZB) und die Bank of Japan (BoJ) kaufen derzeit Anleihen für insgesamt 1800 Milliarden Dollar im Jahr. Das ist so gigantisch viel, dass bei manchen Staatsobligationen bereits Knappheit herrscht, trotz der negativen Renditen. In Japan sind schon 41 Prozent aller Staatsanleihen im Besitz der Notenbank.

Die Folge der extremen Geldpolitik sind massiv verzerrte Renditen auf den weltweiten Obligationenmärkten. Zu den Betroffenen dieses Anlagenotstands gehören vor allem die Vorsorgewerke und Pensionskassen, also letztlich wir alle. Allein über die zweite Säule haben die Schweizer 300 Milliarden Franken in den Obligationenmarkt investiert.
Viel Geld, das keinen Ertrag mehr abwirft. Damit wird es immer schwieriger, die laufenden und künftigen Renten zu finanzieren.

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Autor: Albert Steck