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11. Februar 2013

Staatsaffäre Familie

Mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie hapert es in der Schweiz gehörig. Ein Verfassungsartikel soll Abhilfe schaffen und für Kinderbetreuungsplätze sorgen. Genauso hilfreich wären attraktive Arbeitsbedingungen für Eltern.

Sarah Joy mit Mutter Monica
Sarah Joy wird abwechslungsweise von ihrer Mutter 
Monica Heinzer, ihrem Vater und einer Tagesmutter betreut.


Zehn Expertentipps für das Gespräch mit dem Vorgesetzten, wenn man sein Pensum zugunsten der Familie reduzieren will: Wie sag ichs dem Chef?

Wie viel soll der Staat für Familien tun? Machen Sie mit bei unserer Umfrage in der rechten Spalte!

Zu Hause bleiben? Monica Heinzer (43) macht grosse Augen und schüttelt den Kopf. Die Vorstellung, ihren Job aufzugeben und sich ausschliesslich ihrem Kind und dem Haushalt zu widmen, scheint ihr fremd zu sein. Ein Teilzeitpensum in einem interessanten Job, das ist schon eher nach ihrem Geschmack. Als ihre Tochter Sarah Joy vor sechs Jahren zur Welt kam, reduzierte die Pflegedienstleiterin ihr Arbeitspensum. Zuvor arbeitete Heinzer 100 Prozent, heute noch 80. So weit nichts Besonderes — ausser, dass Heinzer Geschäftsleitungsmitglied war und es auch blieb. Sie ist Vorgesetzte von 250 Mitarbeitern, hat einen Tag pro Woche frei und kann einen halben Tag in Telearbeit leisten, also zu Hause arbeiten oder überall da, wo sie erreichbar ist.

Mit ihrem Arrangement hat die Kaderfrau, was nur wenige Frauen erreichen: Karriere und Kind. Viele schaffen es nicht mal, Beruf und Familie zu vereinbaren, ohne permanent Schuldgefühle zu haben. Das hat Konsequenzen: Gemäss einer aktuellen Umfrage der deutschen Stiftung für Zukunftsfragen halten nur 36 Prozent der Schweizer ihr Land für familienfreundlich — in Dänemark sind es 90 Prozent. CVP-Nationalrätin Lucrezia Meier-Schatz erklärte kürzlich, dass 80 Prozent der jungen Schweizer sich eine Familie wünschten, ein Drittel aber darauf verzichte, weil Beruf und Familie nicht vereinbar seien. Es fehlt an Kinderbetreuungsplätzen und präsenten Vätern, am Geld und an willigen Arbeitgebern.

Nun soll sich der Staat des Problems annehmen. Die Initiative des ehemaligen CVP-Nationalrats Norbert Hochreutener kommt am 3. März zur Abstimmung und sieht vor, dass die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit als Aufgabe des Bundes in der Verfassung verankert wird (Infos dazu in der Box rechts). Insbesondere sollen genügend Kinderbetreuungsplätze bereitgestellt werden.

Familienfreundlichkeit lohnt sich für den Arbeitgeber

Pflegedienstleiterin Monica Heinzer und Direktor Thomas Peterhans setzen sich im Pflegezentrum Reusspark für familienfreundliche Arbeitsbedingungen ein.
Pflegedienstleiterin Monica Heinzer und Direktor Thomas Peterhans setzen sich im Pflegezentrum Reusspark für familienfreundliche Arbeitsbedingungen ein.

Für Monica Heinzer war aber nicht die Kinderbetreuung die Herausforderung. Sarah Joy wird abwechslungsweise von ihr, ihrem Mann und einer Tagesmutter betreut. Heinzer wollte aber auch weiterhin einen anspruchsvollen Beruf ausüben. Möglich machte es ein familienfreundlicher Arbeitgeber, der Reusspark im aargauischen Niederwil. Seit einem knappen Jahr trägt das Pflegezentrum das Label «Best Practice», das die Fachstelle UND an familienfreundliche Betriebe vergibt. Damit rangiert der Reusspark auf der zweitbesten von fünf möglichen Stufen, was er unter anderem dem betriebseigenen Kinderhort verdankt, einem grosszügigen Vaterschaftsurlaub, Aus- und Weiterbildungsangeboten, Bemühungen um Chancengleichheit für Männer und Frauen — und den flexiblen Arbeitszeitmodellen.

Dass sie Letztere würde nutzen wollen, wusste Monica Heinzer schon, als sie sich vor neun Jahren um den Job der Pflegedienstleiterin bewarb. «Ich liess mir die Option auf eine spätere Teilzeitarbeit vertraglich zusichern», sagt sie. Dazu brauchte sie das Einverständnis der fünfköpfigen Geschäftsleitung, inklusive jenes des Geschäftsführers Thomas Peterhans (56). Ihn kostete die Entscheidung etwas Mut, wie er zugibt. «Aber», sagt er, «ich wollte Monica im Team haben. Sie ist die Frau, die wir suchten.» Und er wisse, dass man sich dem demografischen Wandel anpassen müsse: «Die Zeiten sind vorbei, in denen Mütter zu Hause bleiben.»

Seine Einwilligung in Monica Heinzers Arbeitszeitmodell hat Peterhans denn auch nie bereut. «Sie ist stets erreichbar, sehr flexibel und kommt auch mal einen Tag extra zur Arbeit, wenn es nötig ist», sagt er und betont «ich denke und rechne unternehmerisch, das Arrangement muss sich also lohnen.»

Die Haltung gegenüber Familienanliegen muss sich ändern. – Monica Heinzer, Pflegedienstleiterin

Tatsächlich tragen die Bemühungen um individuelle Lösungen für Mitarbeiter — sie sind im Reusspark nicht auf die Teppichetage beschränkt — erste Früchte. Familienfreundlichkeit sei bei der Personalrekrutierung ein Riesenvorteil, sagt Peterhans, gerade in seiner Branche. «Es wäre zwar einfacher, Pflegepersonal aus Deutschland einzustellen, aber es macht volkswirtschaftlich gesehen einfach mehr Sinn, das brachliegende Potenzial der Schweiz zu nutzen» — sprich Mütter, die flexibel arbeiten wollen und können. Bereits wird Peterhans von Berufskollegen interessiert auf die attraktiven Arbeitszeitmodelle seines Betriebs angesprochen.

Im Geschäft bekommt Andersson Unterstützung von Chef René Müller.
Im Geschäft bekommt Andersson Unterstützung von Chef René Müller.

Familienfreundliche Arbeitsbedingungen herrschen auch beim Amt für Geomatik und Vermessung der Stadt Zürich (GeoZ) — wobei man nicht mal eine Familie haben muss, um davon zu profitieren. So hat Georg Andersson (37) schon von 100 auf 80 Prozent reduziert, bevor er Vater war. «Es ging mir einfach um die Work-Life-Balance», sagt der Geograf, «ich bin nicht der Typ, der sich über die Arbeit definiert, ich will etwas vom Leben haben.» Bei seinen Bewerbungsgesprächen stiess er auf wenig Gehör. Einer der potenziellen Vorgesetzten sagte: «Wissen Sie, ich gehe am Freitag auch manchmal schon um 18 Uhr nach Hause, das ist kein Problem.» Doch Andersson wollte mehr als den Feierabend mit der Familie verbringen. Seit er und seine Partnerin Esther Krähenbühl (39) Eltern sind, ist er jeden Freitag für Sohn Henrik (2) da, und seit Ende Januar auch für Baby Mirta.

Teilzeitpensen, Home Office und Vaterschaftsurlaub – ein Privileg

Am Arbeitsplatz ist Andersson in guter Gesellschaft: Im zwölfköpfigen Team, dem er angehört, arbeiten mehrere Männer und Frauen Teilzeit, das kleinste Pensum beträgt 40 Prozent. Nur zwei Kollegen haben keine Kinder. Alle können ihr Arbeitspensum jährlich neu festlegen. Arbeit im Home Office ist ebenfalls möglich, der bezahlte Vaterschaftsurlaub beträgt zwei Wochen. «Mein Pensum und der Familientag sind hier also kein Thema», so Andersson. Mit Blick auf sein erweitertes Umfeld wird ihm aber bewusst: «Ich bin in einer sehr privilegierten Situation.» Er weiss von Bekannten, die nur einen Tag bezahlten Vaterschaftsurlaub haben und von Teilzeitpensen nur träumen können.

Dass das Teilzeit-Arrangement funktioniert, verdanke ich meinem Chef. – Georg Andersson, Geograf

Auch das GeoZ hat sich einer strengen Prüfung gestellt und dank seiner attraktiven Angebote das Label «Best Practice» der Fachstelle UND erworben. Human-Resource-Verantwortliche Marianne Kern sagt: «Man muss heute einiges bieten, um qualifizierte Leute zu bekommen und zu halten.» Im Gegenzug habe das GeoZ zufriedene, motivierte Mitarbeiter, die wenig krank sind und lange bleiben. Georg Andersson findet gar, dass er in der verkürzten Woche effizienter arbeitet als vorher. Er fügt an: «Dass das Arrangement funktioniert, verdanke ich meinem Chef.» Dabei ist René Müller (58) nicht gerade der, der die Teilzeitarbeit für Männer erfunden hat. «Meine Frau nennt mich ja einen Macho», gesteht er, halb amüsiert, halb verlegen. Natürlich stimme das nicht, fügt er rasch an, aber: «Ich gehöre schon eher der alten Schule an. Vor 30 Jahren herrschten noch andere Zeiten.» Will heissen: Ein Mann arbeitete 100 Prozent, mindestens.

Georg Andersson und Esther Krähenbühl teilen sich die Betreuung von Sohn Henrik.
Georg Andersson und Esther Krähenbühl teilen sich die Betreuung von Sohn Henrik.

Dennoch unterstützt Müller heute die individuellen Arbeitszeitmodelle seiner Mitarbeiter. Dafür muss das Budget jedes Jahr mit den gewünschten Stellenprozenten in Einklang gebracht werden und Aufträge, Projekte, Sitzungen und Ferien wollen sorgfältig geplant sein. Im Gegenzug, so Müller, habe er zufriedene Menschen um sich. Und, wenn er ehrlich sei, verstehe er den Wunsch nach Familienzeit: «Heute wünsche ich mir auch, ich hätte früher mehr Zeit für meine Kinder gehabt.» Im Hinblick auf die Abstimmung vom 3. März sind Andersson und Müller skeptisch. «Es ist ein Schritt in die richtige Richtung» sagt Andersson, «aber es genügt nicht, mit Gesetzen zu wedeln.» Für eine kinderfreundliche Gesellschaft brauche es vor allem ein Umdenken — auch in Männerköpfen.

Ähnlich sieht es Monica Heinzer. «Die Haltung gegenüber den Anliegen der Familien muss sich ändern», sagt sie und nennt ein Beispiel. «Früher fanden unsere Geschäftsleitungssitzungen jeweils morgens um halb acht statt. Das war mir zeitlich zu knapp, um meine Tochter gut in der Krippe abzugeben.» Die Sitzung ist nun später angesetzt. Dass solches Entgegenkommen nicht selbstverständlich ist, weiss Heinzer auch aus dem privaten Umfeld. Ihr Ehemann musste den Job wechseln, um sein Pensum von 100 auf 80 Prozent reduzieren zu können. Während der neue Arbeitgeber gerade die ersten Erfahrungen mit der Sonderlösung macht, gehen Monica Heinzer und Thomas Peterhans im Reusspark schon einen Schritt weiter. Sie arbeiten an einem Massnahmenplan, um Mitarbeitern mit Kindern noch mehr bieten zu können. Vermutlich wird der betriebseigene Hort neu auch Jungen und Mädchen ab Kindergartenalter aufnehmen und sogar ein Ferienprogramm anbieten. Das Ziel aller Bemühungen ist das Toplevel der Fachstelle UND. Und topmotiviertes Personal.