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23. März 2015

Mit Spürhund gegen Asiatische Laubholzbockkäfer

Sie reisen als blinde Passagiere im Verpackungsholz in die Schweiz ein. Doch Sandra Plattners drei Spürhunde sorgen auf Verladeplätzen im Auftrag des Pflanzenschutzdienstes dafür, dass der brandgefährliche Waldschädling sich nicht ausbreitet.

Sandra Plattner und ihr Spürhund Blikki
An der langen Leine hält Sandra Plattner ihren Spürhund Blikki bei seiner Arbeit am Hafen. Er soll den Asiatischen Laubholzbockkäfer (rechts) in den Holzverpackungen finden.

«Pino, suech Chäfer, suech!» Mit Trippelschritten, das Näschen steil in die Höhe gereckt, umrundet der Terriermischling einen Stapel Lattenkisten. Er lässt sich auch nicht ablenken, als ein Hubstapler unter Motorengedröhn weitere Kisten heranführt. «EPSD-Spürhund» steht auf dem leuchtgelben Brustgeschirr, das ihm Hundeführerin Sandra Plattner (41) auf den weissbraungefleckten Leib geschneidert hat. Pino ist im Dienst. Als Angestellter des Eidgenössischen Pflanzenschutzdiensts (EPSD) wird er heute zusammen mit seinen tierischen Kollegen Lara und Blikki am Rheinhafen Birsfelden BL eine Granitlieferung aus China auf Schädlingsbefall kontrollieren.

Der Asiatische Laubholzbockkäfer
Der Asiatische Laubholzbockkäfer.

80 Prozent der asiatischen Steinlieferungen – Randsteine, Kopfsteinpflaster, Stellriemen – reisen über den Rhein in die Schweiz ein. Abnehmer sind Steinhändler, Strassenbauer, Gartenbaufirmen. Als Verpackungsmaterial der schweren Fracht dient vor allem Pappelholz. Das wiederum ist der bevorzugte Lebensraum des Asiatischen Laubholzbockkäfers, ALB genannt. Und der ist ein Albtraum, gehört er doch zu den weltweit gefährlichsten Waldschädlingen.

Meist finden sich die Käfer oder ihre Larven im Verpackungsholz. Zwar wird dieses vor Reiseantritt jeweils entweder während 30 Minuten auf 56 Grad erhitzt oder mit Methylbromid begast. Dennoch überstehen immer wieder einzelne Exemplare die Prozedur.

Nach der langen Schiffsreise hat der ALB-Käfer erst einmal Hunger: Pappel, Ahorn, Platane, Weide, Rosskastanie – kein Laubbaum ist vor seinen Mundraspeln sicher. Irgendwann legt er dann seine Eier unter die Baumrinde ab, dort, wo der Saft fliesst. Aus den Eiern schlüpfen Larven, die sich weiter ins Holz fressen, verpuppen, als Käfer schlüpfen. Ein Zyklus, der zwischen zwei und drei Jahren dauern und den Wirtsbaum so schwächen kann, dass er schlimmstenfalls abstirbt.

Wann und wo der erste ALB in die Schweiz kam, weiss niemand. Erste Exemplare wurden 2011 in Brünisried FR entdeckt. Landesweit für Schlagzeilen sorgte sein Auftreten 2012 in Winterthur ZH. Ausgangsort waren Lattenkisten mit Randsteinen für den Strassenbau aus ostasiatischem Granit. Die Bilanz der kostenintensiven Bekämpfungsaktion: 140 Käfer, unzählige Larven und über 130 befallene Stadtbäume, die alle gefällt, gehäckselt und verbrannt werden mussten.
Eine ähnliche Aktion dann letzten Sommer in Marly FR: Diesmal wurden gleich mehrere Hundert Bäume gefällt. Quelle des Übels auch hier: eine Steinlieferung aus Ostasien.

Seit 2013 kontrolliert der Eidgenössische Pflanzenschutzdienst nahezu 100 Prozent der Steinproduktesendung aus Asien. Dazu wird jeder Schiffscontainer geöffnet, 2704 allein im letzten Jahr. Finden sich im Container Spuren vom lebenden ALB wie beispielsweise Bohrspäne, wird er von einer Spezialfirma begast. Anschliessend wird der Inhalt ausgeladen und die Lattenkisten vernichtet.

Die Hunde lieben das Suchspiel

Heikel wirds, wenn sich die Larven bereits vor der Reise verpuppt und drum keine Frassspuren hinterlassen haben. Da können dann nur noch Pino, Lara und Blikki helfen: Zwei- bis dreimal pro Woche schnüffeln Sandra Plattners Hunde auf Verladeplätzen und bei Steinimporteuren nach dem gefrässigen Gast aus Fernost. Was für die Pflanzenschutzinspektorin ein ernsthafter Job ist, ist für die drei Hunde vor allem ein spannendes Suchspiel.

Pino hat seine Suche abgeschlossen. Schwanzwedelnd setzt er sich neben seine Chefin. «Bisch en Feine», lobt ihn Sandra Plattner. Zur Belohnung gibt es Lachspaste aus der Tube. «Hätte er den Geruch von Eiablagen, Larven, Käfern oder auch Bohrspänen wahrgenommen, hätte er das mit heftigem Kratzen angezeigt», erklärt sie. «Die Ladung scheint sauber zu sein.»

Die gelernte Gärtnerin und begeisterte Hobbyhündlerin las vor vier Jahren in einer Gartenfachzeitung über die Ausbildung von ALB-Spürhunden in Österreich. Als die zwei eingeladenen Ausbildnerinnen gleich bei ihrer ersten Demonstration im Hafen Birsfelden lebende und tote Larven entdeckten, war auch für Sandra Plattners Chefs klar: Der EPSD braucht vierbeinige Mitarbeiter.

Pino atmet bis zu 300 Mal pro Minute ein.
Beim Schnüffeln atmet Pino bis zu 300 Mal pro Minute ein.

Kurz darauf reiste sie für eine zweiwöchige Schulung nach Kärnten. «Eigentlich sollte nur Lara ausgebildet werden, der kleine Pino wollte aber unbedingt auch mittun», erzählt sie. Heute arbeiten die beiden Hunde, die übrigens beide aus einem Tierheim stammen, perfekt Pfote in Pfote: Die elegante Lara (4), in deren Adern Schäferhund- und Huskyblut fliesst, ist die Frau fürs Grobe, sprich grosse Flächen: Wie ein Wirbelwind fegt sie durch die Kistenreihen. Pino (11) wiederum ist der Mann fürs Feine: Stur trabt er auf seinen kurzen Beinen zwischen den Kisten hin und her, wie ein Roboter.

Seit anderthalb Jahren wird das ungleiche Paar durch Blikki (2) verstärkt, Letzter eines Wurfs, der keinen Käufer gefunden hat. Sprungstark, schnüffelt der reinrassige Islandhund am liebsten ganz oben auf den aufgestapelten Lattenkisten herum. Sandra Plattner freuts: «Keiner wollte die drei, und jetzt sind sie unsere Geheimwaffen gegen den ALB.»

Der nächste Käfer ist im Anmarsch

Die Hundeführerin muss ihre Hunde sozusagen lesen können – und dementsprechend reagieren: «Zeigen sie durch Kratzen an, dass sie etwas gefunden haben, ordne ich umgehend ein Ausladen der betroffenen Charge an.» Was bei den Importeuren nicht nur auf Gegenliebe stosse, da jede Lieferverzögerung Mehrkosten generiere. Vor allem aber muss sie ihren vierbeinigen Mitarbeitern beim Einsatz Sicherheit vermitteln: Am Hafen ist es oft laut, dazu kommen die vielen Dieselpartikel in der Luft. Auch sonst ist der Job nicht ungefährlich. «In Hamburg kam vor ein paar Jahren ein Hafenarbeiter ums Leben», erinnert sich Sandra Plattner, «in einem Container hatte sich noch Restgas befunden.»

Diesen Sommer wird sie mit ihrem Mann und den drei Hunden in Norditalien Ferien machen. In der Region wurde vor ein paar Jahren der Chinesische Laubholzbock (CLB) entdeckt, ein Verwandter des ALB. Sandra Plattner schmunzelt: «ALB und CLB haben die gleiche Duftspur.» Ob das erholsame Ferien werden? 

Autor: Almut Berger

Fotograf: Basile Bornand