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30. Juli 2012

Sprung ins Olympiaglück

Schon als Bub träumte Werner Muff davon, Springreiter zu werden. In fünf Tagen startet er erstmals an den Olympischen Spielen. Seine Frau ist Motivatorin und Kritikerin zugleich.

Werner und Doris Muff
Werner Muff hat im Gut Heimenstein ideale Trainingsbedingungen. Frau Doris organisiert seine vielen Reisen. (Bild: Gerry Nitsch)

Am 27. Juli fällt der Startschuss zu den Olympischen Sommerspielen in London. Im Vorfeld porträtiert das Migros-Magazin vielversprechende Schweizer Athletinnen und Athleten und deren wichtigste Bezugspersonen: Zu den bisherigen Porträts

Am 4. August geht Werner Muffs (38) Bubentraum in Erfüllung: Der Schweizer Springreiter startet mit dem zehnjährigen Wallach Kiamon an den Olympischen Spielen. Seine Frau Doris Muff (39) wird seinen Ritt im Londoner Greenwich Park live mitverfolgen.

«Ich werde unglaublich nervös sein», sagt sie. Ihr Mann weiss, weshalb: «Es gibt niemanden, der mich so gut kennt wie sie. Sie weiss sofort, ob ich gut drauf bin oder nicht.» Doris ist seine grosse Liebe. Er schielte bereits in der Sekundarschule in Beromünster LU auf die Schülerin in der Parallelklasse. «Doch Doris hat mich keines Blicks gewürdigt», sagt er mit einem Lächeln. Mit seiner Hartnäckigkeit habe er ihr Herz doch noch erobert. Inzwischen sind sie seit 15 Jahren zusammen, seit acht Jahren verheiratet und dank Sohn Louis seit April 2004 Eltern.

Schon als Bub träumte Werner Muff davon, Springreiter zu werden. (Bild: Keystone)
Schon als Bub träumte Werner Muff davon, Springreiter zu werden. (Bild: Keystone)

Doris Muff ist für den Schweizer Olympiateilnehmer auch deshalb die wichtigste Bezugsperson, weil sie als einstige Regionalspringreiterin viel vom Pferdesport versteht. «Wenn wir am Montag nach einem Concours gemeinsam den Wettkampf meines Mannes auf Video analysieren, sage ich nicht einfach, er habe den Parcours super absolviert.» Sie ist gleichzeitig Kritikerin und Motivatorin.

Vom Bauernsohn über den Banklehrling zum Bereiter

Und Doris Muff ist Zeugin der steilen Reitkarriere ihres Mannes. Werner Muff wuchs als zweitältestes von vier Kindern in einer Bauernfamilie in Gunzwil LU auf. Dort unternahm er auf einem 24-jährigen Kavalleriepferd seine ersten Reitversuche und wollte unbedingt Springreiter werden. Doch vorher entschied er sich auf Wunsch der Eltern für eine Banklehre in der Nachbargemeinde Beromünster. Als Bankangestellter arbeitete er jedoch nie. Nach der Lehre setzte er auf seine Leidenschaft und bildete sich als Bereiter weiter, unter anderem bei Exspringreiter Thomas Fuchs. In dieser Zeit feierte er seinen ersten Grand-Prix-Sieg.

Nach dem Gang durch den Dreck endlich den Lohn einfahren

Im Jahr 2000 wagte er den Schritt in die Selbständigkeit. Es folgten für ihn und seine Frau, die als Pferdepflegerin arbeitete, harte Zeiten. «Wir fuhren durch die Nächte nach Italien, wo ich an Springkonkurrenzen teilnahm. Wenn wir den Aufwand gerechnet hätten, hätte die Bilanz desaströs ausgesehen.» Es gehöre eben dazu, durch den Dreck zu gehen und danach wieder aufzustehen. «Aber irgendwann wird gute Arbeit belohnt», sagt er in seinem Luzerner Dialekt.

Tatsächlich: Heute lebt die dreiköpfige Familie hoch über der Gemeinde Seuzach bei Winterthur als Mieter im Gut Heimenstein – umgeben von Weizen-, Mais-, Raps- und Sonnenblumenfeldern, Rebbergen, Wald sowie Trainingsplätzen. Im Stall stehen zwölf Springpferde, die alle dem Nationalmannschaftsmitglied Muff gehören. Die Pferde verschlingen in gut einem Monat rund zwei Tonnen Frischfutter, was fast 2000 Franken kostet. Drei Mitarbeitende unterstützen das Ehepaar im Betrieb. Die Familie lebt vom Kauf und Verkauf von Rennpferden sowie vom Reitunterricht. Doris Muff kümmert sich um den Haushalt sowie die Buchhaltung und die Organisation von Flügen und Anmeldungen an Springturniere.

Kiamons Stärke ist sein Löwenherz. Er fürchtet sich vor nichts; ein leistungsbereites Powerpferd.

Das beste Pferd im Stall ist Olympiateilnehmer Kiamon. Muff hat ihn bei einem Pferdezüchter in Hessen gekauft und reitet den Brandenburger Fuchswallach seit zwei Jahren nur noch an grossen Wettbewerben. «Seine Stärke ist sein Löwenherz. Er fürchtet sich vor nichts. Kiamon ist ein leistungsbereites, athletisches Powerpferd, das eine enorme Grundkraft besitzt.» Kiamon sei für das sportliche Megaereignis «brutal bereit» und realisiere aufgrund des veränderten Trainings, dass es bald um sehr viel geht.

«Brutal bereit» ist auch der Reiter, obwohl ihn noch vor wenigen Tagen Schmerzen in den Adduktoren plagten. Seit Kurzem kann Werner Muff jedoch wieder schmerzfrei reiten. Sein Ziel: «Ich möchte eine Mannschaftsmedaille. Der Parcours wird für Pferd und Reiter technisch sehr anforderungsreich sein. Wir müssen an unsere Grenzen gehen.» Die Schweizer Mannschaft fliegt am 31. Juli nach London. Am gleichen Tag wird Kiamon auf dem Landweg über den Kanal von Calais nach Dover gefahren, und drei Tage später fliegt Doris Muff ab. Bleiben Pferd und Reiter verletzungsfrei, wird sie ihren Mann und Kiamon mindestens dreimal im Einsatz sehen: Zuerst im Qualifikationsspringen und danach im ersten und zweiten Umgang des Nationenpreises. «Reiten ist einfacher als zuschauen. Ich lebe intensiv mit und kann nur die Daumen drücken, dass die Stangen oben bleiben», sagt sie.

Ein eingespieltes Team: Werner und Doris Muff.
Ein eingespieltes Team: Werner und Doris Muff.

Autor: Reto Wild