Archiv
05. September 2016

Sprachen lernen als Lebensschule

Drei Wochen in einem Sprachgebiet bringen Jugendlichen nicht nur wichtige Sprachkenntnisse, sondern auch wertvolle Lebenserfahrung. Zwei Jugendliche erzählen, wie sie ihren Aufenthalt in Frankreich und Irland erlebt haben – und im Video oben der Test, wie viel sie gelernt haben.

Sandro Aregger überlegt kurz, dann legt er, ohne zu stocken, los: «J’ai fait mon stage à Montpellier.» Er lächelt und parliert entspannt auf Französisch weiter: «J’ai été chez une vieille femme d’accueil qui s’appelle Marie Charlaud. Elle cuisinait très bien.» Der Schüler der Fachmittelschule Kanton Zug (FMS Zug) genoss es, dass seine Gastmutter, eine ältere Dame, sehr gut kochen konnte. Sie servierte ihm und seinen drei Mitstudenten schmackhafte Crêpes mit Schinken und Käse oder knusprige französische Croissants und vermittelte ihnen damit ein Stück französischer Esskultur.

Sandro Areggers kostbarstes Souvenir ist das Diplom der Sprachschule.
Sandro Areggers kostbarstes Souvenir ist das Diplom der Sprachschule: «Mein Ticket für die Pädagogische Hochschule.»

«Vor allem wollte ich zu jemandem, der viel mit mir spricht», sagt Sandro Aregger, «denn das ist der grösste Vorteil bei einem Sprachaufenthalt.» Und es hat offensichtlich funktioniert: Der 19-Jährige kann spontan ins Französische wechseln und von seinen Erlebnissen erzählen, hie und da noch mit etwas eigenwilliger Grammatik, aber immer sicher und flüssig. Vor allem die «mots familiers» haben es ihm angetan, die Worte, die man nicht aus Schulbüchern lernt, sondern mit Gleichaltrigen im Ausgang. «So merkt man, dass eine Sprache auch wirklich Spass machen kann.»

Für Frankreich hatte sich Sandro Aregger entschieden, weil ihm Französisch – anfänglich ungeliebt – nach einem früheren Aufenthalt in Lausanne zu gefallen begann. Und weil er fand, Englisch könne er auch sonst viel einfacher üben. Er schmunzelt. «Ausserdem hat Montpellier 300 Sonnentage im Jahr und liegt in Meeresnähe, und ein Viertel aller Stadtbewohner sind Studenten.»

Intensivkurse und Ferienfeeling
Das tönt fast mehr nach fröhlichen Ferien als nach intensivem Lernen. Sandro nickt. Aber nebst Ferienkleidern und Strandsachen hatte er Hefte und Schreibzeug in seinem Koffer dabei: Wochentags stand Französischunterricht auf dem Programm – ein Intensivkurs mit bis zu 28 Lektionen wöchentlich. Und weil in den Jugendkursen viele 13-Jährige sitzen, hatte die Schule ihn in den Erwachsenenkurs gebucht. «Leute aus 70 Ländern kamen da zusammen», erzählt er. Geschäftsleute aller Nationen sassen mit ihm im Klassenzimmer, und seine älteste Mitstudentin war eine 84-jährige Australierin, die endlich Französisch lernen wollte.

Faule Ferien waren das nicht. Aber die Erlebnisse ausserhalb der Schule gaben dem Schüler einen anderen Bezug: «Ich verbinde die Sprache jetzt auch mit Gerüchen, Bildern und Erlebnissen.» Sein kostbarstes Souvenir ist denn auch das Diplom seiner Sprachschule. «Monsieur Sandro Aregger, Niveau B2», steht darauf, und er wird es zu Hause bei seinen wichtigen Dokumenten ablegen: An der Pädagogischen Hochschule, wo er später sein Lehrerstudium aufnehmen will, sind solide Fremdsprachenkenntnisse ein Eintrittsticket.

Zur gleichen Zeit vor den Herbstferien verreisten auch die meisten Schülerinnen und Schüler seiner Parallelklassen an der FMS Zug: Der Sprachaufenthalt ist im zweiten Schuljahr obligatorisch, eine Woche geht auf Schulzeit, zwei auf Ferien. Je nach Vorliebe reisen die Jugendlichen auf die Britischen Inseln, nach Frankreich oder Italien.
«Das machen wir seit elf Jahren so, und es hat sich bewährt», sagt Susanne Köhler (51), Englischlehrerin und Verantwortliche für Sprachaufenthalte an der FMS. «Ich achte darauf, dass nicht mehr als sechs aus unserer Schule zusammen reisen, damit sie auch die Chance haben, viel in der Fremdsprache zu reden.»

Wer mag, kann die Reise selber planen oder bei einem der diversen Anbieter von Sprachreisen buchen. An der FMS Zug organisiert Susanne Köhler ein komplettes Paket für alle, die das wünschen, und das sind meistens vier von fünf Schülerinnen und Schülern. Darin sind Reise, ein Einzelzimmer bei einer Gastfamilie mit Halbpension und der Intensivunterricht an der Schule enthalten.

Ein dreiwöchiger Aufenthalt kostet im Schnitt 2200 Franken. Familien, die das nicht bezahlen können, erhalten vom Kanton Unterstützung. Diese ist laut Susanne Köhler enorm wichtig, weil sie es einzelnen Jugendlichen überhaupt erst ermöglicht, einen Sprachaufenthalt zu machen. «Es geht um Chancengleichheit in der Ausbildung», meint sie. Und der Effekt des Aufenthalts sei offensichtlich: «Die jungen Frauen und Männer kommen viel selbständiger aus dem Ausland zurück, und sehr viel selbstbewusster im Gebrauch der Fremdsprache.»

Schritt in die Selbständigkeit
Einen grossen Schritt in die Selbständigkeit bedeutete der Aufenthalt für Michelle Abegg. Die 17-Jährige war drei Wochen zuvor an die FMS Zug gewechselt, kannte noch kaum jemanden und musste sich sogleich für ein Land entscheiden. Ihre Antwort kam spontan: «Irland, dorthin wollte ich schon immer!» So reiste sie mit zwei Mitschülerinnen und einem Mitschüler Richtung Dublin und von dort mit dem Bus nach Cork, einer Stadt in Südirland. Ein eindrückliches Erlebnis: «Ich war vorher mit meiner Familie in Österreich in den Wanderferien – und jetzt mein allererster Flug, ganz allein, in ein fremdsprachiges Land – ich war riesig aufgeregt!»

Michelle Abegg reiste mit zwei Mitschülerinnen und einem Mitschüler Richtung Dublin.
«Irland, dorthin wollte ich schon immer!» So reiste Michelle Abegg kurzerhand mit zwei Mitschülerinnen und einem Mitschüler Richtung Dublin.

Beim Busbahnhof und im kleinen, gemütlichen Haus lernte sie nach und nach ihre Gastfamilie kennen: vier Kinder und die beiden berufstätigen Eltern. Irgendwann standen in der Küche noch die beiden Studentinnen aus dem Dachstock. «Eine richtige irische Grossfamilie», erzählt Michelle Abegg. «Dank der Kinder fühlte ich mich sofort zu Hause, und es war immer etwas los: Die Älteste spielte Fussball, der Zweite ging in die Pfadi und die Dritte lernte gerade in der Schule Schreiben. Da gab es immer etwas zu schwatzen.»

Noch zu jung für die Pubs
Im Intensivkurs vormittags lernte sie Grammatik und Hörverstehen, am Nachmittag konnte sie sich in Diskussionsgruppen mit anderen Studierenden und mit 30- und 40-jährigen Geschäftsleuten messen. Die übrige Zeit staunte sie über das Leben auf der Insel: die Busfahrten zur Schule auf der linken Strassenseite, die je nach Verkehr mal eine Viertelstunde dauerten, mal eine Stunde. Das irische Essen mit den vielen, vielen Kartoffeln jeden Tag. Und zwischendurch genoss sie die Treffen mit ihren Klassenkollegen. An den Wochenenden machten die vier Ausflüge zu den Cliffs of Moher und nach Cobh, wo Michelle Abegg zum ersten Mal das Meer sah.

Gruppenbild der Irland-Sprachreisenden.
Gruppenbild der Irland-Sprachreisenden.

«Schade war, dass wir noch nicht volljährig waren und abends nicht in die Pubs durften. Die Livekonzerte dort hätte ich gern miterlebt.» Ein guter Grund, später wieder einmal nach Irland zu reisen.
Michelle Abeggs spricht tadelloses Englisch – ohne irischen Akzent – und ihren Schlusssatz könnte man unverändert in die Broschüre ihrer Sprachschule aufnehmen: «I have learnt a lot and I would recommend it to everyone – ich habe viel gelernt und würde das allen empfehlen!»


Sprachaufenthalt: Das sollte man bedenken

PLANUNG

Grundsätzliche Überlegungen:
Aufenthalt bei Verwandten oder Pauschalangebot mit einheimischer Gastfamilie?
Lebhafte Grossstadt oder überschaubarer Ort?
Wichtig: Orte wählen mit wenigen Deutsch Sprechenden

REISE

Wer kein Pauschalangebot bucht, muss an etliches denken: Flugbuchung, Flughafentransfer, gültiger Pass, gültiges Visum auch für England und Irland für alle, die keinen CH- oder EU-Pass besitzen.
Bei minderjährigen Reisenden: Bestätigung der Eltern, dass sie allein reisen dürfen.

GASTFAMILIE organisieren

SPRACHKURS buchen

TIPPS FÜR DEN AUFENTHALT

Sich an die Bräuche der Gastfamilie anpassen, offen sein für Neues.
Aufenthalt mithilfe von Tagebuch, Fotos und Souvenirs dokumentieren – das sind unvergessliche Erinnerungen.

Wichtig: Frei drauflosreden, Fehler spielen keine Rolle

ORGANISIERTE SPRACHAUFENTHALTE

eurocentres.com castles.ch linguista.ch inlingua.ch esl.ch efswiss.ch sprachaufenthalte.ch boalingua.ch
studylingua-sprachaufenthalte.ch
prolinguis.ch
experience-sprachreisen.ch

Autor: Claudia Weiss

Fotograf: Basil Stücheli