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12. Januar 2015

Spitzentanz auf dem Drahtseil

Die professionelle Seiltänzerin Katharina Dröscher folgt ihrem Weg mit Beharrlichkeit und Ideenreichtum – bis an die Mailänder Scala.

Katharina Dröscher auf dem Stahlseil
Bei Auftritten verwendet Katharina Dröscher ihr eigenes Stahlseil, ...

«Und jetzt bitte eine Drehung und dabei direkt in die Linse schauen.» Fotografin Vera Hartmann erteilt Seiltänzerin Katharina Dröscher (24) genaue Anweisungen fürs perfekte Bild. Die Artistin steht einige Sekunden still auf dem Stahlseil, das sich in zwei Meter Höhe durch den Raum spannt, sammelt sich und dreht sich dann blitzschnell um die eigene Achse. «Das war eine Herausforderung», erklärt sie später. «Normalerweise ist mein Blick fest aufs Seilende fokussiert, als Fixpunkt, an dem ich mich mit den Augen festhalte, wenn der Körper in Bewegung ist.» Ein Spagat auf dem Seil, ­ eine statische Figur, sei vergleichsweise einfach.

Das Wort «einfach» im Zusammenhang mit Seiltanz zu verwenden, das kann sich nur ein Profi wie Katharina Dröscher leisten. So mühelos ihre Sprünge, Schrittkombinationen und Drehungen in luftiger Höhe auch aussehen, man ahnt, dass jahrelange, harte Arbeit dahinter steckt. Die 24-Jährige lebt Seiltanz, seit sie als Viertklässlerin in den Ferien einen Workshop in der Jugendzirkusschule Marotte bei Seiltänzer Andreas Muntwyler besuchte. Beschwingt vom Gefühl, übers Seil zu fliegen, hat sie seither nie mehr aufgehört zu trainieren, zu proben und als Quertänzerin vom vorgezeichneten Weg auf dem Seil abzuweichen.

Jede Artistin macht sich ihre Schuhe selber
Es gibt keine typischen Seiltanzschuhe – jede Artistin macht sich ihre Schuhe selber. Auch dieses Paar mit Rille fürs Seil sind eine Einzelanfertigung.

So lag für sie als erfolgreiche Absolventin der renommierten Zirkusschule École Nationale de Cirque in Montréal nach drei Jahren harten Trainings ein Engagement beim weltbekannten Cirque du Soleil, der mit der Zirkusschule zusammenarbeitet, in greifbarer Nähe. Indes: «Da muss man immer gleich einen Zweijahresvertrag unterschreiben», sagt sie, «nein – zwei Jahre lang möchte ich mich zurzeit nicht binden.»
Korsetts mag sie nicht, weder im übertragenen Sinn noch real. «Kürzlich trug ich bei einem Engagement ein Korsett. Schwierig! Um die Balance zu halten, sind feinste Bewegungen entscheidend, im Korsett schien mein Oberkörper ständig an eine Wand zu stossen.»

An der Scala spaziert die Seiltänzerin auf einer Balustrade

Die Zürcherin hat ihren eigenen Stil, geprägt von Ballett und Akrobatik, mit rhythmisch-schnellen Schritten und elegant-verspielten Bewegungen. Über dem hellen Gesicht leuchtet immer ihr voluminöser Haarschopf. Im Gespräch fliegen die Hände, die erstaunlich rau aussehen und erst auf dem Seil zu den graziösen Händen einer Ballerina werden. Sie ist auch Handwerkerin und hantiert mit Stahlkabeln, Podesten, Stahlfedern, Abspannseilen.
«Der Kontrast zwischen dem industriellen, schweren Material und der Leichtigkeit des Tanzes ist für mich wahnsinnig faszinierend», sagt sie. Sie möge es, mit den Händen zu arbeiten; die Verankerungen für die Spannseile im Übungslokal, einer Halle des Zürcher Zirkus Chnopf, hat sie selber gebohrt.

Katharina Dröscher hat ihren Körper im Griff
Katharina Dröscher hat nicht nur ihren Körper im Griff – sie hat auch handwerkliches Talent.

Wann immer sie unterwegs ist, schaut sie sich ganz automatisch um nach Möglichkeiten, um ihr Seil zu spannen. Nur ist das gar nicht so einfach. Auch an der Mailänder Scala, wo sie ab 17. Januar in der Oper «Die Soldaten» auftritt (siehe rechts), darf im frisch renovierten Opernhaus nicht gebohrt werden, und einen Traktor als Verankerungspunkt kann Katharina nicht auf die Bühne zaubern. An einen solchen band sie vor vier Jahren das Stahlseil, um eine Seiltanznummer für ihre – später preisgekrönte – Maturaarbeit zu filmen. In Mailand spaziert sie nun auf einer Balustrade, statt wie geplant auf dem Seil in sechs Meter Höhe über den Orchestergraben zu gehen.

Sie könnte auf jedem x-beliebigen Geländer herumturnen, ist aber in der Öffentlichkeit zurückhaltend. An diesem einen Mal, wo sie in London spontan auf einer Brüstung tanzte, wurde sie prompt von einem Polizisten heruntergeholt. Rekordjagden wie sie etwa die Spezialität des berühmten Schweizer Hochseilartisten Freddy Nock sind, reizen sie ebenfalls kaum: «Es ist unglaublich und beeindruckend, was er macht. Er geht immer an Grenzen. Das ist sein Ding. Bei mir ist es das Künstlerische.» Mit verbundenen Augen auf einem Seil spazieren, das mache sie zwar auch, sagt sie und lacht, «aber nur als Gleichgewichtsübung».
Lieber experimentiert sie auf dem Seil mit Ballerina-Spitzenschuhen und Stilettos. Oder sie bestückt ihr Seil mit Mikrofonen und macht es so zum Instrument, das auf ihre Schritte reagiert – diese Performance begeisterte ihre Trainer als Abschlussarbeit an der Zirkusschule.

Das nächste Projekt: Hab und Gut auf zwei Koffer reduzieren

Aktuell arbeitet sie mit einem Schlagzeuger zusammen an einem musikalisch-artistischen Projekt, und auch den besonders schwierigen Paartanz auf dem Seil möchte sie wieder zeigen. Obwohl sie bei einem Pas de deux den ersten Unfall in ihrer Karriere hatte: Auf einer Tournee mit dem Circus Monti musste sie im vergangenen Sommer nach einem Sturz mit Gipsarm pausieren. «Ein blöder Ausrutscher» sei das gewesen, sagt sie, und nennt den Unfall «Zwischenfall». Danach habe man eigentlich nur einen Gedanken: «Wann kann ich endlich wieder aufs Seil?» Ihren Eltern – die Mutter ist Pflegefachfrau, der Vater Maschinenbauingenieur – erzählt sie jeweils erst hinterher, wenn sie etwas besonders Gefährliches plant: «Meine Mutter hat manchmal Angst um mich, sie ist nämlich nicht schwindelfrei.»

Als selbständige Seiltänzerin ist Katharina Dröscher ständig unterwegs und wohnt nur sporadisch in einer WG in Zürich. Ihr nächstes Projekt ist deshalb ein ganz praktisches. «Ich möchte mein gesamtes Hab und Gut auf zwei Koffer reduzieren. Im einen sind meine Kleider und die Seiltanzschuhe, im anderen mein Seil.»

www.seilkunst.com

Autor: Karin Aeschlimann

Fotograf: Vera Hartmann