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21. November 2016

Spielplatz-Paradies für kleine Abenteurer

Spielplätze sind oft nicht mehr als eine lieblose Anordnung von Schaukeln und Rutschbahnen. Es gibt aber auch aufregende Orte wie den Spielplatz Hagberg in Olten: Hier können sich Kinder so richtig austoben und kreativ ausleben.

Duru lernt Scheite stapeln
Duru lernt, wie man die Scheite fürs Feuer stapelt.

Der Spielplatz Hagberg liegt, etwas versteckt, mitten im nebligen Stadtgrau von Olten SO – ein kleines Kinderparadies mit grossen Bäumen und vielen Büschen im Spätherbst. «Laurin, zeig den Gästen den Spili», sagt Selina Landolt (29), Mitarbeiterin und soziokulturelle Animatorin. Und schon springt der Neunjährige flink den wurzeligen Hang hoch, zeigt die Schaukel, die aus einem Kajak gebaut wurde, führt an Büschen und Hecken vorbei zum Kaninchenstall, zeigt das Wasserbecken und erklärt: «Hier kann man im Sommer Schiffchen fahren lassen.»

Danach geht es den Wall hinauf zu den Baumhütten, zur Seilbahn und dann weiter zum Tipi auf der Anhöhe, inmitten von Baumkronen. Hier stand vor Jahrhunderten eine Burg, übrig sind nur noch von Erde bedeckte Ruinen. Wo einst die ritterliche Herrschaft thronte, toben sich heute Kinder aus.

Heute Nachmittag haben sich trotz des trüben Wetters fast zwei Dutzend Kinder eingefunden. Auf dem Gemeinschaftsplatz stapelt Mitarbeiterin Vera Sidler (31) bei der gedeckten Feuerstelle mit Duru (7) einen kleinen Turm aus Anzündholz auf. «Ich mache gern Feuer», sagt das Mädchen mit dem türkisfarbenen Pulli. Wie auch Abdelwassa (8): Auf dem Robinsonspielplatz hat er gelernt, wie das geht. Heute sägt er dicke Scheiter zu Feuerholz.
Durus Schwester Nilay (11) ist ebenfalls da, sie bereitet auf der dicken Matte mit anderen Kindern eine Wrestlingshow vor. Daneben üben Isabelle (12) und Tabea (11) auf dem Fass ein Kunststück ein, denn diese Woche ist das Thema Zirkus angesagt. Mitmachen kann, wer will.

Ein Stück Natur für Stadtkinder

Der Robinsonspielplatz Hagberg entstand vor 43 Jahren. «Es war eine Initiative von Eltern», erzählt Selina Landolt. «Man wollte für die Kinder in der Stadt einen Ort schaffen, wo sie ein Stück Natur haben, sich austoben und ihrer Fantasie freien Lauf lassen können.»
Es sollte ein Ort werden, der mehr bietet als nur eine Schaukel und eine Rutschbahn auf ein paar Quadratmeter Gummiboden. Hier können die Kinder werken, bauen, mit Blättern und Ästen spielen, klettern, schaukeln oder lernen, Feuer zu machen. Beim Hauseingang hat es zudem eine Werkstatt sowie ein Bastel- und Malatelier.

Materiallager für alles: Basteln, Malen, Handwerken und, und, und ...
Materiallager für alles: Basteln, Malen, Handwerken und, und, und ...

«Die Kinder haben hier viele Möglichkeiten, sich auszuleben», sagt Selina. «Der Raum ist unstrukturiert, die Kleinen dürfen ihre eigenen Projekte verwirklichen, experimentieren, Abenteuer erleben.» Hier gibt es kein piepsendes Handy, kein Wi-Fi. Die beiden Leiterinnen haben auch keine Mühe, mit den möglichen Gefahren umzugehen. Es gibt kein Mindestalter für die Seilbahn. «Wenn ein Kind sich getraut, dann ist es alt genug.»

In der Schweiz gibt es rund 60 Abenteuerspielplätze, die meist «Robinsonspielplätze» oder «Robi» heissen. Sie kamen in den 1950er-Jahren auf, inspiriert von den sogenannten Bauspielplätzen in Dänemark. Man wollte den Kindern den Freiraum zurückgeben, der durch die Verstädterung verloren gegangen war. Das ideelle Vorbild: Robinson Crusoe. Wie dieser sollte sich der Nachwuchs in naturnahen Räumen ungezwungen seine eigene Welt schaffen können.

Der erste Robinsonspielplatz entstand 1953 in Zürich Wipkingen. Es folgten zahllose weitere, oft unterstützt und angetrieben von Alfred Ledermann, der von 1958 bis 1979 Zentralsekretär der Pro Juventute war. Der Robinson-Spili in Muttenz BL aus dem Jahr 1959 besteht noch heute. Er ist bekannt für seine Feuerspektakel, das sommerliche Kinderfest, die Sommerlager und die Fahrten mit der spielplatzeigenen Bahn. In der Zwischenzeit wurde er modernisiert, doch das ursprüngliche Flair ist geblieben.

In den 1970er- und 1980er-Jahren gab es eine zweite Robinson-Welle. Damals entstand Hagberg in Olten. Oder der Holzwurm in Uster ZH, der weitherum bekannt ist als Ort für Freiheit und Erfindergeist. Selbstgebaute Geräte und Skulpturen regen zu kreativem Spiel an, in verschiedenen Werkstätten können Kinder werken und basteln, im Hüttendorf an eigenen Häusern bauen, in der Metallwerkstatt Seraphine schweissen. Wenn immer möglich selbständig und eigenverantwortlich. Eine erwachsene Person ist immer erreichbar. Doch ständige Hilfe durch Eltern ist weitgehend unerwünscht.

Keine Abenteuer ohne Regeln: der Robi-Knigge
Keine Abenteuer ohne Regeln: der Robi-Knigge.

Damit der Betrieb funktioniert, sind die meisten Abenteuerspielplätze als Vereine organisiert, die von Freiwilligen unterstützt werden. Nebst Vätern, Müttern, Bekannten sind es nicht selten ehemalige Kinder, die sich heute für «ihren» Spielplatz engagieren und mit dabei sind, wenn neue Projekte umgesetzt werden. Das Konzept des fantasiereichen Freiraums fiel auch jenseits des Röstigrabens auf fruchtbaren Boden. Genf war Pionier mit dem ersten Jardin Robinson. In Lausanne VD wurde 1995 der erste Terrain d’Aventure eröffnet. Auch hier findet man einen vielfältigen, verspielten Ort mit unterschiedlichen Gestaltungselementen für Kinder.

Zwischennutzungen für Kinder

Derzeit erobert etwas Neues die Welt der kreativen Spielplatzkonzepte: Zwischennutzungen wie die Kinderbaustelle in Biel BE, die im Frühling 2015 erstmals für das Sommerhalbjahr eröffnet wurde, oder die Wyssloch-Brache in Bern. «Das ist der Lieblingsspielplatz meines Sohns», sagt Petra Stocker (34). Der Dreijährige findet immer wieder etwas anderes spannend hier. Das Konzept ist einfach: Ein unstrukturierter Raum mit Hügel, Wasser und Sand, eine Spielkiste mit Schaufeln stehen zur freien Verfügung. Petra Stocker schätzt an diesem Ort vor allem die Offenheit und das variable Gelände, das sumpfig, hügelig und sandig ist.

Die Wahlbernerin ist bei Pro Juventute für die Kampagne «Mehr Platz für Kinder» aktiv, die die schwindenden Kinderräume im städtischen Raum thematisiert und mobilisieren will, damit wieder vermehrt solche Räume geschaffen werden. Auch langweilige Spielplätze lassen sich einfach aufpeppen. «Ein paar lose Gegenstände, ein Baumstamm, der anregt zu spielen, darüberzuspringen oder zu balancieren, ein paar Steine – und schon hat man einen Ort, der die Kinder aufmuntert.»

Heute sind solche Räume wichtiger denn je. Sie müssen kreativ um ihre Aufmerksamkeit buhlen, um gegenüber der Konkurrenz von Games und Apps bestehen zu können: Fehlt der die Fantasie anregende Freiraum, bleiben die Kinder lieber im Haus.

Holz spalten kann Laurin besonders gut
Holz spalten kann Laurin besonders gut.

Holz spalten kann Laurin besonders gut.

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Holger Salach