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23. April 2012

Spiel mit dem Feuer

Die 26-jährige Berner Feuerkünstlerin Milena Gross hat einen grossen Traum: Sie will einen Wanderzirkus aufbauen und mit dem Traktor auf Europatour gehen. Lebensgeschichte einer Frau, die niemals aufgibt.

Manchmal ist Milena Gross Zora Hypnotica, dann wieder Zora Sultana oder wie 
hier Zora Harlekina: Die Berner Feuerperformerin schlüpft auf der Bühne gerne in 
verschiedene Rollen.

Mit Handys kann Zora nichts anfangen, ebensowenig mit Computern. Dafür hat sie sich vor Kurzem einen Traktor angeschafft. Ausserdem übt sie gerade fleissig Klöppeln. Mit der alten Handwerkstechnik fertigt die junge Bernerin zurzeit ein Paar Epauletten an, die sie mit ihrem gehäkelten Bühnenkostüm kombinieren will. Die 26-jährige Künstlerin mit dem bürgerlichen Namen Milena Gross ist Feuerperformerin. Sie schluckt, speit und wirbelt Feuer. Dazu schlüpft sie in verschiedene Rollen und Kostüme und nennt sich mal Zora Hypnotica, mal Zora Sultana oder Zora Harlekina, je nach Anlass. Die geklöppelten Schulterpatten sind für Zora Torera gedacht.

Ein Hobby der Feuerkünstlerin ist Klöppeln. Die fertige Spitze arbeitet sie in ihre Kostüme ein.
Ein Hobby der Feuerkünstlerin ist Klöppeln. Die fertige Spitze arbeitet sie in ihre Kostüme ein.

Die Feuerperformerin ist gerade zurück von Auftritten in Rom und Mailand. Anfang Mai tritt sie in London auf und Ende Mai in Bern, als Opening Act eines Konzerts von Kutti MC. Zoras Lebenspartner Semih Yavsaner ist ebenfalls Künstler: Unter dem Namen Müslüm hat der Satiriker und Musiker gerade sein erstes Album aufgenommen. Ob die beiden bald gemeinsam auf der Bühne stehen? «Vielleicht», sagt sie geheimnisvoll.

Klöppeln erklärt das ganze Universum.

Zora sitzt im «Luna Llena», ihrem Stammlokal im Berner Breitenrainquartier, und demonstriert ihre neuste Leidenschaft, das Klöppeln: «Klöppeln erklärt das ganze Universum», sagt sie, während sie sorgfältig Fäden verschränkt und mit Stecknadeln befestigt, «es gibt stets Links und Rechts, und es braucht immer zwei für ein Ganzes, wie bei den Menschen.» Meditativ, ja, schon fast autistisch, findet Zora ihr neues Hobby.

Mit Dita von Teese kam die grosse Chance

Eine alte Leidenschaft hingegen ist das Feuer. «Das ist mein Element, es hat mich schon immer angezogen», erklärt die Bernerin. Als Siebenjährige spie sie erstmals im Kinderzirkus Feuer und lernte, mit Bärlappsporenpulver umzugehen, dem Puder, das oft für pyrotechnische Effekte eingesetzt wird. Später perfektionierte Zora die Technik autodidaktisch, guckte sich Tricks bei Profis ab und las Anleitungen — in Zauberbüchern, wie sie erklärt. Nach einer Reihe von Strassenauftritten mit einer namenlosen Gruppe kam vor drei Jahren die grosse Chance: Zora durfte in der Olympia Hall in London auftreten, und zwar als Opening Act der berühmten Burlesque-Tänzerin Dita von Teese. Engagements in Hamburg, Berlin und Istanbul liessen nicht lange auf sich warten.

Milena Gross: «Das Feuer ist mein Element, es hat mich schon immer angezogen».
Milena Gross: «Das Feuer ist mein Element, es hat mich schon immer angezogen».

So weit die Kurzfassung von Zoras Biografie. Die längere Fassung ist nicht ganz so gradlinig. In der Schule war Milena Gross eine Exotin: Sie fühlte sich eingesperrt und langweilte sich. Aufsätze schreiben ging gerade so. «Aber daran hat mich auch nur das Gestalten des Titels geflasht», erinnert sie sich, «dafür ging immer die ganze Lektion drauf.» Für den restlichen Unterrichtsstoff findet sie nur ein ratloses Kopfschütteln. «Man lernt in unseren Schulen nicht, wie man gesundes Essen zubereitet, einen Waldspaziergang geniesst oder Liebe macht», kritisiert sie. Trotz ihrer Ausbildungsdefizite kam Zora ins Gymnasium, doch mit 15 brach sie die Schule ab.

Die Eltern — ein Fussballmanager und ausgerechnet eine Lehrerin — baten sie, eine Lehre zu machen, liessen die Tochter aber gewähren. «Sie vertrauten mir schon immer», erklärt Zora. Damals als Teenager begann sie also zu jobben und zu modeln. Und Drogen zu konsumieren — bis zu jenem Tag, an dem sie fast an einer Überdosis starb. Über dieses gefährliche Spiel mit dem Feuer spricht Zora nur ungern. Sie sagt nur lakonisch: «Alles, was man erlebt, bringt einen weiter im Leben.»

Meine Eltern vertrauten mir schon immer.

Bei ihr führte die Krise zu einer kaufmännischen Lehre, und zwar bei einer Versicherungsgesellschaft. «Ich wollte herausfinden, wie man in einem System lebt, in dem sich alles nur um Geld dreht», erklärt Zora. Mit der Erkenntnis, dass der Kapitalismus nicht ihr Ding ist, kehrte sie ihm für immer den Rücken. Nach Abschluss des KVs.

Aber natürlich muss auch eine Feuerperformerin von etwas leben. Zora verdient zwar zwischen 1000 und 5000 Franken pro Show, doch da die Auftragslage stets etwas unsicher ist, pflegt sie einen bescheidenen Lebensstil: Sie wohnt günstig, kauft Lebensmittel beim Bauern, verzichtet auf TV und Radio und tauscht mehr Kleider, als sie kauft. Wenn dennoch mal Geld fehlt, ist sie sich für nichts zu schade: «Dann gehe ich auch mal putzen oder streichen», sagt sie achselzuckend, «oder ich fertige wie früher Hula-Hoop-Reifen an und verkaufe sie.» Auch die eigenen Utensilien stellt Zora selber her, sie schweisst Fackeln, schneidert Bühnenoutfits und stellt die passende Musik für ihre 15- bis 20-minütigen Auftritte zusammen. Gerade hat sie für diese Arbeiten ein neues Atelier in Bern bezogen. Aber nur dort leben und arbeiten, das will sie nicht.

Die Vagabundin in ihr setzt bereits neue Pläne um: Sie will ihre Strassenkünstlergruppe Sole   Confuso zu einem veritablen Wanderzirkus ausbauen. Mit drei Künstlerfreundinnen wird sie losziehen: einer auf Stelzen, einer, die wie sie mit dem Feuer spielt, und einer dritten, die fürs Administrative zuständig ist. Nach dem Zürcher Kulturfestival Theater Spektakel gehts also im Sommer mit «Sole Confuso» direkt nach Prag. «Wir wollen ganz langsam und gemütlich reisen, mit 30 Kilometer pro Stunde.» Und hier kommt dann der Traktor ins Spiel.

Milena Gross will ihre Strassenkünstlergruppe Sole Confuso zu einem veritablen Wanderzirkus ausbauen.
Milena Gross will ihre Strassenkünstlergruppe Sole Confuso zu einem veritablen Wanderzirkus ausbauen.

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Marco Zanoni