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31. August 2015

Spezielle Schweizer Stadtrundgänge

Viele Schweizer Städte bieten Führungen an, die weit über das touristische Sightseeing hinausreichen. In Zürich etwa geben Peter und Ruedi Einblicke in ihren Alltag als sozial Randständige. Und Basel kann man als freiwilliger Rollstuhlfahrer ganz neu erfahren.

Spezielle Schweizer Stadtrundgänge
Beim Amtshaus in Zürich erzählt Peter die Geschichte eines Obdachlosen, der hier nächtigte.

Die Stadtführung mit Peter (50) und Ruedi (56) geht rasant los. Schon nach wenigen Minuten ist man in das bewegte und wechselhafte Leben der beiden Verkäufer des Strassenmagazins «Surprise» eingetaucht. Zügigen Schrittes geht es vom Hechtplatz in der Zürcher Altstadt zur ersten Station, der Herberge zur Heimat. «Sie wurde einst für fahrende Handwerker eröffnet und bot Platz für 90 Bewohner», erzählt Peter. «Es gab genau eine Toilette.» Die ganze Gästegruppe staunt und lacht.

Peter und Ruedi (rechts) zeigen das Café Yucca mitten in der Zürcher Altstadt. Ein Ort, wo Menschen am Rand der Gesellschaft willkommen sind.

Dann gibt Ruedi, dessen graue Haare wild und lustig unter seiner Kappe hervorgucken, eine erste Geschichte aus seinem Leben zum Besten, warum er als Glaceverkäufer ins Tessin ging. Er war in den südlichen Kanton verduftet, weil er Angst hatte, wegen seiner vielen unbezahlten Bussen «Staatsferien» antreten zu müssen.

Ruedi Kälin und Peter Conrath, die sich mit Vornamen vorstellen und ihre Gäste duzen, führen weiter zum Haus des Blauen Kreuzes, zum Hotel Schäfli, zu einem Würstchenstand an der Niederdorfgasse, zum langjährigen Schlafplatz eines Obdachlosen unter den Lauben beim Amtshaus, zum Caritas-Laden und zu anderen sozialen Einrichtungen in Zürichs Altstadt.

Geschichten mitten aus dem Leben

Sie erzählen, dass Alkoholiker Ende des 19. Jahrhunderts Armutstrinker genannt wurden. Und dass das Café Yucca und die Speak-Out-Gassenküche im Zuge der 1968er-Unruhen gegründet wurden. In Letzterer können Bedürftige vier Mal pro Woche gratis essen.

Hilfsbereit in jeder Situation: Peter packt an.

Ruedi berichtet, wie er sich im «Yucca» schon mal den Znacht «ertöggelte», und wie er vor ein paar Jahren mit einem Kollegen im «Speak Out» das Kochen übernahm, als die Köchin – ebenfalls eine Randständige – wegen übermässigen Alkoholkonsums noch während des Vorbereitens eingeschlafen war. Vor fast 50 wartenden, hungrigen Leuten.

Die beiden verweben die Geschichten der Institutionen mit denen ihres eigenen Lebens, geben mit viel Offenheit und Sinn für Situationswitz einiges aus ihrem Leben preis. Ein Leben, das bei Peter oft und bei Ruedi immer abseits üblicher Bahnen verlaufen ist und das ein gut verdienender Normalbürger keine zwei Tage aushalten würde.

Ruedi führt die Teilnehmer durch sein Zürich. Sein Markenzeichen: die wilden, weissen Haare.

Sie können aus dem Vollen schöpfen, an Erlebnissen, Geschichten und Anekdoten fehlt es ihnen nicht.

Vor dem Hotel Schäfli erzählt Peter, wie er einst, als er keine Wohnung hatte, ein Zimmer für wenig Geld im obersten Stock mieten konnte. Die Dusche war im Keller. Als er sich eingeseift hatte, kam kein Wasser mehr – der Jeton reichte nicht aus.

2.70 Franken pro verkauftes Heft

Ein besonderer Halt ist die Würstlibar an der Niederdorfstrasse. Hier lernten sich Peter und Ruedi vor fast zehn Jahren kennen. Ruedi war schon damals begeisterter «Surprise»-Verkäufer, Peter stand ab 17.30 Uhr bis spät in die Nacht am Bratwurststand. «Verkauf doch auch das Strassenmagazin, hast ja tagsüber nichts zu tun», hatte ihn Ruedi aufgefordert.

Seit 2007 ist auch Peter als selbständiger Verkäufer des Hefts unterwegs. «Ruedi ist ein Tüpflischiisser», sagt Peter während des Rundgangs mit einem Augenzwinkern. «Warum, hört ihr später.» Was er damit meint, löst Ruedi bei der zweitletzten Station auf: Er zeigt sein Buch, in dem er all seine Verkäufe fein säuberlich festhält. Er notiert jeden Tag genaue Anzahl Hefte, Zeit, Ort, Trinkgeld, Kafi- und WC-Pausen – und das Wetter.

Ruedi berichtet mit Schalk in den Augen, dass er im ersten Video des Schweizer Reggae-Sängers Dodo mitgemacht hat, wo er das «Surprise» verkauft. Das macht er oft 14 Stunden am Tag und verdient sich so sein Leben. An einem guten Tag verkauft er 25 Hefte, pro Heft verdient er 2.70 Franken.

Sieben Jahre hat er als Obdachloser gelebt. «Ich habe immer alles zu einfach genommen», sagt er. «Das hat schon meine Mutter geärgert.» Er lebt also von Tag zu Tag? «Nein, von zwei Stunden zu zwei Stunden.» Peter hingegen hatte immer eine Wohnung, vor mehreren Jahren aber das Pech, dass er einem Freund zu sehr vertraute und sich wegen ihm verschuldete. Und doch ging es immer: Vom Sozialamt oder von der Arbeitslosenkasse haben die beiden nie Geld bezogen. Zurzeit hat Peter Glück: Er arbeitet 80 Prozent
in der Produktion eines Migros-Take-Aways; der Verkauf des «Surprise»
ist nur noch ein 20-Prozent-Job. Dazu kommen die Stadtführungen, die er liebt: «Ich bin gern unter Menschen. Je mehr, desto besser.»

Unterwegs mit dem Rollstuhl in Basel

Auch Chikha Benallal (49) kennt ihre Stadt Basel ganz anders als die meisten Menschen. Als Rollstuhlfahrerin weiss sie nämlich, wie es ist, wenn das Tram zu hohe Stufen hat, ein Café zu eng, die Toilette im Untergeschoss unerreichbar ist. «Man muss seine Plätzchen suchen und finden», sagt sie.

Seit drei Jahren arbeitet sie bei «Stolpersteine – Streifzug Behinderung». «Unsere Führungen werden immer von einer Person mit Beeinträchtigung und einer Begleitperson durchgeführt», erklärt Chikha Benallal. Ihre Begleiterin ist Simona Hofmann (24). Insgesamt gibt es vier Stadtführungsteams.

Am Rhein erzählen Chikha Benallal (im Rollstuhl) und Simona Hofmann über die Entwicklung behindertengerechter Anlagen.

Bei der Tramstation Kaserne geht es los. Eine Teilnehmerin setzt sich mutig in den Rollstuhl: Eine Rampe fühlt sich steiler an, als sie aussieht, und bald bremsen abrupt in den Boden eingelassene Schienen das Gefährt auf dem Kasernenplatz. Etwas später muss sie sich an Geholper gewöhnen: Unter ihren Rädern liegt das Kopfsteinpflaster des mittelalterlichen Klingentalquartiers.

«Im Mittelalter wurden Menschen mit Behinderung in der Familie integriert und von ihren Verwandten getragen», erzählt Simona Hofmann. Die Besucher des Stadtrundgangs diskutieren: Ist unser Bild, dass Behinderung eine Last ist, etwa eine Idee der Neuzeit? Höchstwahrscheinlich schon. Dank Behinderten und Bettlern konnten Menschen einst gute Taten «ansammeln». «Gab man ihnen Almosen, kam man dem Himmel ein Stück näher.»

Beim Basler Stadtrundgang können sich Teilnehmer in den Rollstuhl setzen und sich so den Tücken des «Rolli-Alltags» aussetzen.

Chikha Benallal kennt das: Als Kind erhielt sie in Liestal BL von einem alten Mann immer einen Fünfliber, wenn er sie sah. «Ich wollte das eigentlich nicht. Doch dann verstand ich, dass es dem Mann danach besser ging, also akzeptierte ich es.» So richtig lästig sei etwas anderes: wenn man sie als «es» anspreche, auch heute noch, mit bald 50 Jahren.

Danach wird es auf dem Rundgang richtig gefährlich: Auf dem Weg Richtung Rheinufer ist das Trottoir streckenweise viel zu schmal für einen Rollstuhl; Fahren auf der Strasse ist angesagt. Am sicheren Rheinquai flanieren Spaziergänger, Leute geniessen in den Cafés die wärmende Sonne. Am anderen Ufer breitet sich das Altstadtpanorama mit seinen herzigen Häusern aus. Wie ist es aber, wenn man als Sehbehinderter von der Umgebung nichts oder nur wenig sieht? Die «Stolperstein»-Teilnehmer erhalten Spezialbrillen, durch die man verschwommen, mit Tunnelblick oder gar nichts sieht. Die Randsteine werden zu Hindernissen, die Menschen zu einer bedrohlichen Masse.

Einfach fragen – es gibt kein Tabu

Am Rheinufer steht ein Relief – ein Stadtpanorama für Sehbehinderte. So gut es gemeint ist, so wenig wurde dabei an andere Beeinträchtigungen gedacht. Das Relief ist zu hoch und für Chikha Benallal unerreichbar. Doch sie quittiert wie so vieles mit einem Lachen. Sowieso liess sie sich von Hindernissen noch nie unterkriegen.

Holprig: Die Gruppe auf dem Kopfsteinpflaster des Klingentalquartiers.

Als Kind erkrankte sie an Kinderlähmung, ihr halbes Leben lang bewegte sie sich mühsam an Stöcken, mit Schienen und Korsett fort. Seit einer Rückenoperation vor 14 Jahren sitzt sie ganz im Rollstuhl. Und sagt dazu: «Der Rolli war eine gute Entscheidung.» Mit den Stöcken sei sie in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt gewesen.

Chikha Benallal arbeitet als Sachbearbeiterin beim Kanton Basel-Stadt, fährt ein speziell eingerichtetes Auto, trainiert ein Mal pro Woche Rollstuhltennis und ist seit über zehn Jahren Kampfrichterin im Rollstuhlsport. Immer wieder erlebt sie Stolpersteine am eigenen Leib, merkt aber auch, wie sehr sich die Gesellschaft gegenüber Menschen mit Behinderung geöffnet hat, jene ebenfalls mutiger geworden sind und sich viel bewusster in der Öffentlichkeit bewegen. Die Teilnehmer können alles fragen, was sie übers Rollstuhlfahren und Blindsein wissen wollen; die beiden Frauen beantworten jede Frage. Eine bereichernde Erfahrung – für beide Seiten.

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Daniel Ammann