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09. Mai 2016

Specialisterne: Spezialisten mit besonderen Fähigkeiten

Kinder, die heute die Diagnose Asperger-Autismus erhalten, sind morgen im erwerbsfähigen Alter und brauchen einen Job. Bei der Firma Specialisterne in Bern finden sie beste Rahmenbedingungen.

Thomas van der Stad, Geschäftsführer von Specialisterne
«Wir wollen keine geschützte Werkstatt sein», sagt Thomas van der Stad, Geschäftsführer von Specialisterne Schweiz.

Lucas Dietrich filtert täglich unzählige Radio- und Fernsehbeiträge – für ­Unternehmen, die wissen möchten, was über sie berichtet wird. Dazu muss sich der 45-Jährige äusserst konzen­trieren und sehr detailgenau arbeiten, was ihm leichtfällt. Schwierig dagegen wird es mit Menschen: Gesichter zu erkennen und Gesten zu interpretieren, bereitet ihm Mühe.

Lucas Dietrich ist Asperger-Autist. Die Diagnose hat er erst vor einem Jahr erhalten. Genauso lange arbeitet er bei Specialisterne. Das dänische Unternehmen, das in Bern seit fünf Jahren eine Niederlassung hat, beschäftigt Mitarbeiter wie ihn. Während seine akustische Sensibilisierung für Dietrich im Alltag eine Belastung ist, kann er sie im Job in einen Vorteil ummünzen.

Ein Teppich schluckt die Geräusche im Grossraumbüro in Ostermundigen. Die Schreibtische wirken aufgeräumt. Es ist leise, wer etwas zu sagen hat, flüstert. Wem es trotzdem zu viel wird, kann sich in den sogenannten Raum der Ruhe zurückziehen.

Ein Gewinn für jedes Unternehmen
«Es ist eine bewusst reizarme Umgebung», sagt Thomas van der Stad (51), Geschäftsführer von Specialisterne Schweiz. Die allerdings möglichst viel mit der realen Arbeitswelt gemein haben soll. «Wir wollen keine geschützte Werkstatt sein.» Deshalb wird auch auf geschlossene Einzelbüros verzichtet. Viele Mitarbeiter arbeiten bewusst in Teams. Sie schreiben Software, entwerfen Websites, verwalten Datenbanken und Netzwerke, übernehmen für Firmen Backoffice-Leistungen wie ­Projektadministration oder Buchhaltung. Die 16 Asperger-Autisten arbeiten mit 5 «Neurotypen» zusammen – wie in ihrem Slang Menschen ohne Autismus-­Spektrum-Störung genannt werden.

«Menschen mit Asperger-Syndrom haben besondere Fähigkeiten», sagt Thomas van der Stad. «Sie sind ein Gewinn für ­jedes Unternehmen – wenn man sichdarauf einlässt.» Betroffene Mitarbeiter brauchen klare ­Anweisungen und müssen Rahmen­bedingungen genau kennen, wie etwa die Zu­ständigkeiten innerhalb eines Teams – ­alles Dinge, die in Firmen oft nicht definiert sind. Unternehmen werden so gezwungen, Strukturen zu hinterfragen und effizienter zu gestalten. «Ein Asperger-Autist bringt also Ordnung ins Chaos.»

Gerhard Gaudard ist Projektleiter bei Specialisterne und Asperger-Autist. Eine seltene Kombination, bedingt doch eine Leitungsfunktion Führung und Empathie, «was bei vielen Betroffenen nur bedingt abrufbar ist», wie Thomas van der Stad sagt. Doch auch Asperger-Autisten sollen an Teamleitungen herangeführt werden. Oder Kundenkontakt übernehmen, wenn nötig unterstützt von einem Coach im Hintergrund.

Die Kommunikation klappte nicht
Wie Lucas Dietrich hat auch der 40-jährige Gaudard die Diagnose erst im Erwachsenenalter erhalten. In seiner Kindheit war das Asperger-­Syndrom kaum bekannt. So schlug er sich bis zu seinem 35. Lebensjahr mehr schlecht als recht in der Welt der Neurotypen durch, erlernte einen Beruf, wechselte jedoch ständig die Arbeitgeber. Meist war die Kommunikation das Problem, weil er sich nicht erklären konnte, was Chef und Kollegen genau von ihm wollten, oder die Arbeitsbelastung zu hoch war. Irgendwann ging dann nichts mehr.

Gerhard Gaudard
Gerhard Gaudard erhielt die Asperger-Diagnose erst als Erwachsener.

Die Diagnose erlebte er als Be­frei­ung. «Endlich verstand ich, weshalb gewisse Dinge in meinem Leben so gelaufen sind.»
Einkaufen oder an laute Orte gehen ist schwierig für ihn, Licht und Lärm sind eine Belastung.

Der Mann mit den raspelkurzen Haaren ist eloquent und spricht in druckreifen Sätzen. Doch jede Mimik seines Gegenübers gleicht einem Code, den er mühsam knacken muss. «Vieles, was ich im Alltag brauche, habe ich einfach auswendig gelernt», sagt er. «Mit der Zeit bekam ich Übung darin, wie ich zu reagieren habe, was ich sagen muss. Aber jede unerwartete Situation stellt mich vor ein Problem. Das macht das Leben als Autist so anstrengend.»

Topjob statt Behindertenwerkstatt
Gerhard Gaudard ist froh, dass er die Diagnose erst als Erwachsener ­erhalten hat. «Sonst würde ich heute in einer Behindertenwerkstatt arbeiten», ist er überzeugt. «Hätte mir ­jemand als Kind gesagt: ‹du musst nicht›, ich hätte mich nicht angestrengt und mich nicht weiterentwickelt.»

Von Specialisterne möchte er nicht mehr weg, die Arbeitsbedingungen dort sind ideal. Geschäftsführer Thomas van der Stad wiederum hat ein Ziel vor Augen. Er wünscht sich, «dass Specialisterne nicht mehr nur mit Autismus in ­Zusammenhang gebracht wird», sondern dass es heisst: «Die sind gut in dem Bereich.» 

INFOS ZUM UNTERNEHMEN

Spezialisten mit Ausdauer und Akribie

Das dänische Unternehmen Specialisterne wurde 2004 von Thorkil Sonne, einem ehemaligen Nokia-Manager, gegründet. Er hatte bei seinem eigenen autistischen Sohn realisiert, dass dieser trotz seiner besonderen analytischen Fähigkeiten keine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben würde. Inzwischen hat Sonnes Firma Ableger in verschiedenen europäischen Ländern und den USA. «Specialisterne» ist dänisch und bedeutet «Spezialisten». Die Firma will die Fähigkeiten von Autisten nutzen, wie etwa ihre Ausdauer und Akribie bei eher repetitiven und monotonen Arbeiten.

Die Specialisterne Schweiz AG wurde 2012 von der Stiftung Autismuslink gegründet. Derzeit sucht die in Bern beheimatete Firma nach einem Investor. In Deutschland gelang es der dänischen Firma bereits, SAP als Partner zu gewinnen. Der grösste ­europäische Softwarehersteller hat es sich zum Ziel gesetzt, dass bis 2020 ein Prozent ­seiner fast 66'000 Mitarbeiter Autismusbetroffene sind.

Die Stiftung Autismuslink, die auch von Specialisterne-Schweiz-Geschäftsführer Thomas van der Stad geleitet wird, hat einen Leistungsvertrag mit der Invalidenversicherung. Sie unterstützt Jugendliche und Erwachsene mit Autismus-Spektrum-Störung bei der beruflichen Orientierung und Integration in den Arbeitsmarkt. Dazu gehören berufliche Abklärungen, Job- oder Wohncoaching.

Weitere Infos
www.autismuslink.ch
www.specialisterne.ch

Autor: Kristina Reiss