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23. März 2015

Speedcubing: Die Zauberwürfelmeister

Der farbige Zauberwürfel ist zurück. Am kommenden Wochenende finden die ersten Schweizer Speedcubingmeisterschaften statt. Mit dabei: die flinken Finger der Schwyzer Brüder Robin und Lars Tschümperlin. Sie haben den Dreh raus. Das Porträt und das Video mit den Könnern in Aktion (oben).

Robin Tschümperlin (links) löst den 3x3x3-Würfel mit 9 Sekunden schweizweit am schnellsten, Bruder Lars ist dicht auf den Fersen
Robin Tschümperlin (links) löst den 3x3x3-Würfel mit 9 Sekunden schweizweit am schnellsten, Bruder Lars ist ihm dicht auf den Fersen.

D F2 R2 U' D L2 F2 D U' B R U B' L' U' R' F' U R U': Was sich wie eine chemische Formel liest, ist in Wirklichkeit eine Zugfolge für den Rubik’s Cube, den bekannten Zauberwürfel aus den 80er-Jahren. Down, front 2, right 2, upper inverted: ein Mal runter, zwei Mal nach vorne, zwei Mal rechts, ein Mal nach oben im Gegenuhrzeigersinn …
Fast 200 solcher Zugfolgen kennen Robin (14) und Lars (16) Tschümperlin aus Alpthal SZ auswendig. Sie haben das sogenannte Speedcubing für sich entdeckt: «Jeder kennt den Zauberwürfel. Aber nicht jeder kann ihn auf Tempo lösen», sagt Robin Tschümperlin. Er ist Schweizer Rekordhalter beim 3x3x3-Würfel: 9,09 Sekunden brauchte er an den Swiss Science Open 2014 für die Lösung. Der Weltrekord liegt übrigens bei 5,55 Sekunden. Zu Hause, wenn die Nervosität weg ist, schafft Robin es in 5,72 Sekunden, den Würfel vom farbigen Chaos in seine Ursprungsform mit sechs gleichfarbigen Seiten zu bringen.

Auch Bruder Lars ist schnell. Doch einen Konkurrenzkampf kennen die Geschwister nicht. Sie spornen sich lieber gegenseitig an. Wenn die beiden den Rubik’s Cube lösen, gibt es kein Stirnrunzeln, kein ratloses Wenden. Klack-Klack-Klack, die Finger wirbeln über die bunten Felder. In der Zeit, in der andere ein Mandarinli schälen, ist der Würfel fertig gelöst.

Zum Rubik’s Cube kamen die beiden durch Robin: Er fuhr früher Skirennen und gewann dort vor drei Jahren einen Zauberwürfel. Eine Zeit lang lag das Ding zu Hause rum, bis Vater Eugen Tschümperlin erzählte, er habe seinen Rubik’s Cube früher nie lösen können. Die Brüder fühlten sich vom Vater herausgefordert: Sie suchten im Internet nach Weltrekorden und waren überrascht, wie schnell Profis den Würfel lösen. Daraufhin schauten sie sich Youtube-Anleitungen an und lernten Zugfolgen auswendig.

Ein guter Speedcuber braucht Geduld

Das «Würfeln» ist nicht das einzige Hobby der Brüder: Sechs Mal pro Woche ziehen die beiden auf dem Einsiedler Sihlsee im Rudertraining ihre Bahnen. Polymechlehrling Lars Tschümperlin erklärt sein Zeitmanagement: «Direkt nach der Schule oder der Arbeit gehe ich ins Rudertraining. Abends komme ich heim. Wenn ich keine Husi habe, dann würfle ich.»

Selbst in der Schule unter der Bank oder im «Posti» wird fleissig gewürfelt. Sieben Stunden Würfeltraining pro Woche sind das Minimum. «Sonst wirst du nicht schneller», stellt Robin klar. Das Ziel der beiden: mehr Zugfolgen lernen und die Geschwindigkeit steigern. «Es ist ein cooles Gefühl, immer schneller zu werden», sagt Lars Tschümperlin. Ihr internationales Vorbild ist der Australier Feliks Zemdegs. «Der schaffts in 6,54 Sekunden!»
Was braucht ein guter Speedcuber? «Fingerfertigkeit, Geduld und ein gutes Gedächtnis», finden die Brüder.

Vor zwei Jahren nahmen Robin und Lars in München an ihrem ersten internationalen Wettkampf teil. Dort trafen sie zum ersten Mal ihre Youtube­Idole live. «All die guten Speedcuber zu sehen, motiviert unheimlich», sagt Robin. In der Schweizer Szene, die aus schätzungsweise 50 Speedcubern besteht, sind die beiden gut vernetzt. Mit ein paar anderen Würflern sind sie in einer Whatsapp-Gruppe, in der sie sich ihre neusten Rekorde schicken oder über Wettkämpfe informieren.
An Meisterschaften messen sich die Würfler auch in anderen Kategorien: Etwa im Blindfold, bei dem man sich den Würfel einprägt und ihn dann mit einer Augenbinde löst. «Darin sind wir aber noch ziemlich langsam», gibt sich Robin selbstkritisch. Mit «langsam» meint er vier Minuten.

Es gibt dümmere Hobbys, findet Papa

Der perfekte Würfel liegt gut in der Hand, lässt sich mit allen Fingern bedienen und verkantet beim schnellen Umdrehen nicht. Einer der grössten Rubik’s Cube hat 13x13x13 Felder und wird von einem Profi in etwa anderthalb Stunden gelöst. «Das ist schon ein bisschen lang», findet Robin. Ihre Würfel bestellen die Brüder im Internet. Ein normales Exemplar kostet um die 25 Franken, ein 7x7x7-Würfel schon mal 70 Franken.

Wenn Lars und Robin Tschümperlin würfeln, ertönt aus ihren Zimmern nur ein mechanisches Klappern. «Es gibt dümmere Hobbys», sagt Vater Eugen Tschümperlin. Beim gemeinsamen Familienabend vor dem Fernseher greift Mutter Priska Tschümperlin aber schon mal ein. «Das Geräusch stört. Würfeln können sie in ihren Zimmern.» Auch nachts ist das Klackern der Würfel manchmal zu hören.

Wer sich im Speedcubing versuchen möchte, recherchiert am besten online nach der Anfängermethode. Lars Tschümperlin erklärt seinen Trick: «Ich schaue auf Weiss oder Gelb. Dann forme ich ein Kreuz und löse ihn nach dem Algorithmus.» Alles klar?

Autor: Silja Kornacher

Fotograf: René Ruis