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03. November 2014

Spazieren und dinieren in Zürich

«100% Zürich – auf 3 Spaziergängen» heisst ein neuer Reiseführer, der im Herbstprogramm des deutschen Verlags Mo Media erschienen ist. Eine Buchbesprechung, angereichert mit aktuellen Restauranttipps von Reto Wild.

Utoquai am Zürichsee
In den Top 8 des Reiseführers wird ein Spaziergang entlang des Utoquais am Zürichsee aufgeführt (Bild: Zürich Tourismus).

In der Pressemitteilung des Berliner Verlags Mo Media steht über Zürich: «Die Stadt am Zürichsee ist viel mehr als Berge, Bankiers und Käsefondue. Sie überzeugt durch ihre Vielfalt – Kultur, Design, Natur, verschlungene Gässchen, malerische Kirchen und tolle Hotspots.» Für Autorin Marie-Hélène van Elten, die erst 2011 mit ihrem Mann nach Zürich gezogen ist, sei Zürich eines der bestgehüteten Geheimnisse Europas.

Für den Reiseführer «100% Zürich – auf 3 Spaziergängen» (zu beziehen via Ex Libris zu 12.70 Franken) sind das die Toptipps:

1. Ein Spaziergang am Zürichsee und den Blick auf die Alpengipfel schweifen lassen (der Limmatuferweg ist ebenfalls sehr schön. Die Anmerkungen in Klammern stammen von Swiss-Made-Autor Reto E. Wild).
2. Durch die Augustinergasse bummeln (Tramstation Rennweg aussteigen).
3. In «Frau Gerolds Garten» etwas trinken (wieso auch nicht?).
4. Die Köstlichkeiten aus «Meta’s Kutscherhalle» probieren (da gibt es bessere Köstlichkeiten, dazu später).
5. Im Viadukt die Architektur bewundern und einkaufen (wer einkaufen will, muss ein grosses Portemonnaie mitnehmen!)
6. Im Thermalbad & Spa Zürich Wellness auf Schweizer Art geniessen (so schweizerisch ist es dort nicht, der Eintritt lohnt sich aber auf jeden Fall).
7. Eine ausgefallene Tasche im Flagship Store von Freitag erstehen (nicht für jedes Budget ...).
8. Im Museum für Gestaltung exklusives Design bestaunen (ist gar ausgefallen, weshalb nicht einfach das Landesmuseum, das Rietberg oder das Kunsthaus mit Werken von Egon Schiele?)

Die Restauranttipps der Autorin überzeugen nicht

Die Autorin outet sich nicht als Zürich-Kennerin, wenn sie von Strassenbahn statt von Trams schreibt. Das rund 90-seitige Büchlein besteht hauptsächlich aus drei Spaziergängen, mit denen man «100% Zürich erleben» kann. Der erste führt durch die Altstadt und das Niederdorf. Darin einen Spaziergang dem Utoquai entlang als «Insider-Tipp» zu bezeichnen, ist ziemlich mutig, weiss doch fast jeder, dass der Zürichsee zum Flanieren einlädt. Ein echter Tipp ist dafür der von den Römern erbaute Lindenhof.

Der zweite Spaziergang umfasst Aussersihl und Wiedikon. Darin wird eben «Meta’s Kutscherhalle» besonders hervorgehoben. Das haben andere auch schon getan. Deshalb ist das weder überraschend noch originell. Die Restauranttipps auf diesem Spaziergang sind generell nicht besonders überzeugend. Weshalb ist das «Equi-Table» an der Stauffacherstrasse 163 nicht einmal erwähnt? Weshalb dafür das «Little Italy» statt des Dauerbrenners «Italia», das nicht nur einen schönen Garten hat, sondern auch Trendsetter mit Vinomat ist? «Ah-Hua» ist noch immer der preiswerteste und trotzdem schmackhafte Thailänder in Zürich. Und eigentlich hätte auch der Libanese «Le Cèdre» beim Bezirksgebäude nicht fehlen dürfen. Derzeit spricht alles über die Kalkbreite-Siedlung. Auch das bleibt ein Geheimnis der Autorin, weshalb sie das Areal nicht erwähnt hat. Das dortige Trendrestaurant Bebek dürfte nach Redaktionsschluss eröffnet haben.

Im Industriequartier erfolgt der dritte Spaziergang. Das im Text erwähnte Migros-Museum für Gegenwartskunst an der Limmatstrasse kennen tatsächlich nicht einmal alle Stadtzürcher. Wiederum wenig überzeugend ist die Restaurantauswahl. «Lily’s» an der Langstrasse lebt nur noch von seinem guten Ruf. Qualität und Preis stimmen längst nicht mehr. Eine Portion Reis kostet dort so viel wie in Berlin ein Hauptgang bei einem Italiener. Nur wenige Meter vom «Lily’s» entfernt ist das «Cinque». Dieser Italiener ist seit Jahren ein sicherer Wert und kitschig dekoriert, wie man es nur von Lokalen in New York kennt.

Fazit: Die Autorin braucht noch etwas Zeit, bis sie Zürich wirklich kennt. Das Buch richtet sich kaum an Schweizer, schreibt sie doch: «Wer gern in die Berge geht, kann sich den Uetliberg vornehmen.» Der Hausberg Zürichs ist ein netter Hügel, der 869 Meter hoch ist ... Unbedingt erwähnen sollte man jedoch den Waidberg wegen seiner spektakulären Aussicht auf Zürich, den See und die Alpen, die ETH-Terrasse (ebenfalls wegen der Aussicht), die neue Europaallee gleich beim Bahnhof, den Puls 5 mit seinen Restaurants sowie Oerlikon mit den vielen Neubauten, heute auch Neu-Oerlikon genannt.

Restaurant Camino Zürich
Das Restaurant Camino hinter der Europaallee überzeugt im Service und in der Küche (Bild: Reto E. Wild).
Restaurant My Kitchen in Zürich
Preiswert, sympathisch, authentisch, malaysisch: das My Kitchen in der Nähe des Bahnhofs Oerlikon (Bild: Reto E. Wild).

Weil die Restauranttipps von wenig Insiderwissen zeugen, ein paar persönliche Empfehlungen für Lokale, wo man gut isst und der Service nicht arrogant ist, wie das in Zürich immer wieder vorkommt:
- Mein persönlicher Favorit ist das Restaurant Camino hinter der Europaallee an der Freischützgasse 4. Der deutsche Chefkoch Lukas Strejcek (mit tschechischen Wurzeln) kocht hervorragend, aber nicht abgehoben. Sarah Hartmann und ihr Team sind charmante Gastgeber, die Weinkarte überzeugt.
- Ebenfalls sichere Werte sind seit Jahren das Restaurant Schlüssel im Quartier Seefeld, Didi’s Frieden in der Nähe des Hauptbahnhofs und das Café Boy in der Nähe des Albisriederplatzes.
- Meine neuesten Entdeckungen: Das beste Preis-Leistungs-Verhältnis für Sushi in Zürich hat das «Yen’s» an der Hallwylstrasse 43. Die Inhaber sind zwar Vietnamesen, haben sich jedoch in Japan weitergebildet.
- Authentisches malaysisches Essen zu für Zürich ungewöhnlich tiefen Preisen gibt es im «My Kitchen» in der Nähe des Bahnhofs Oerlikon. Sogar der malaysische Premier hat die Gerichte schon probiert. Nur Bargeldzahlung, Weine gibt es nicht, dafür neben Softdrinks auch Bier.
- Erst vor einem Monat hat die «Essbar» eröffnet. Das Restaurant befindet sich in den Räumlichkeiten des «Schmuklerski» an der Badenerstrasse 101.

Restaurant Essbar Zürich
Die «Essbar» in der Nähe des Bezirksgebäudes eröffnete erst vor einem Monat (Bild: Reto E. Wild).

Wer Wert legt auf gesundes und schmackhaftes Essen, sollte hier unbedingt einkehren. «Essbar» ist eine Philosophie: Gemüse und Salat machen 80 Prozent der Menüs aus, Fleisch und Fisch sind bewusst nur Beilage. Saisonal, regional und Frische wird grossgeschrieben. Die Preise sind für Zürcher Verhältnisse ebenfalls attraktiv: Ein Pfannenwirsing mit Zander kostet 21.50 Franken. Die Weine gefallen, lösen aber im Fall von Prosecco das Versprechen von Regionalität nicht ein (es gibt viele überzeugende Schweizer Schaumweine als Alternative).

Autor: Reto Wild