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30. September 2013

Spagat

Der Spagat
Der Spagat von heute berufstätigen Müttern.

Ich sehe sie oft kurz vor Feierabend. Dann galoppieren die Spagat-Mamis in ihren Business-Kleidern durch die Gänge der Migros und stopfen hastig diverse Grundnahrungsmittel in diese orangefarbenen Plastikkörbe. Merke: Dieser Frauen-Typus hat nie Münzgeld im Portemonnaie, um ein rechtes Wägeli zu holen. Dafür aber immer ein Loch im Kühlschrank. Kochen nach Wochenplan? Forget it!

Sobald die Einkäufe in der Familienkutsche verstaut sind, rasen besagte Damen zur Kinderkrippe oder zum Hort. Dort sammeln sie einen Teil ihrer Kinder auf. Zurück zum Auto, schnell die Kleinen festzurren und weiter gehts. Während der Nachwuchs gerade erzählt, wer heute in den Kita-Flur gekotzt hat, und wer von den Hortkindern Läuseshampoo braucht, konzentrieren sich diese Wahnsinnsfrauen so gut es eben geht auf den Verkehr. Manchmal überfahren sie aus Versehen einen Igel, aber warum laufen die verdammten Viehcher auch so langsam über die Strasse?

Während sich der Verkehr vor einem Bahnübergang staut, steigt der Adrenalinpegel der Spagat-Mütter so weit an, dass sie glauben, ihnen würde jeden Augenblick der Kopf platzen. Da aber keine Zeit verschwendet werden darf, atmen sie tief in den Bauch und konzentrieren sich auf die To-Do-Liste des Abends:

1. Kinder baden. Heute führt kein Weg daran vorbei. (Mist!)
2. Wäsche aus der Waschmaschine nehmen und aufhängen. (Nein, streiche "Aufhängen". Besser Tumblern. Das geht schneller. Diesen Punkt auf keinen Fall vergessen, sonst stinken die Kleider wieder so grässlich wie beim letzten Mal, als die Ladung in der Trommel vergessen ging.)
3. Eier unbedingt in kaltes Wasser legen, bevor sie zu Omeletten verarbeitet werden. (Wenn sie oben treiben, gibt es eben Nudeln mit Ketchup zum Znacht.)
4. Den Kopf des mittleren Kindes nach Läusen absuchen. (Oh, Gott, hoffentlich bekomme ich nicht auch die Läuse. Ich kann nicht schon wieder in der Arbeit fehlen.)
5. Die Katze füttern. DIE KATZE FÜTTERN!
6. Einkäufe nachher aus dem Wagen holen und in den Kühlschrank bringen. (Siehe Punkt 2!)
7. Den Elternabend nicht vergessen. Nicht, dass die Kindergartenlehrerin denkt, ich sei ein mieses Mami.
8. Meiner glücklichen Familienfrau und Nachbarin erzählen, wie toll mein Leben als Teilzeiterin ist.
9. Dem Chef morgen unbedingt sagen, wie super es ist, dass ich nun noch ein weiteres grosses Projekt betreuen muss.
10. Der kinderlosen Bürokollegin von den Läusen erzählen. (Wenn sie sich überlegen fühlt, ist sie freundlicher zu mir.)
11. Morgen früh eine Bluse im Schrank finden, auf der kein Breifleck prangt.
12. Schlafen...schlafen - verdammt nochmal: S-C-H-L-A-F-E-N!

Tja, was soll ich sagen? Immer, wenn ich also diese Spagat-Mütter sehe, gucke ich in einen Spiegel.

Fortsetzung folgt: Teil 2 «Pirouetten» am 7. Oktober 2013

Autor: Bettina Leinenbach

Fotograf: Oreste Vinciguerra