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27. Oktober 2014

Späher mit Flinte

Erwin Nüesch ist einer von vier Wildhütern, welche die Stadt Zürich beschäftigt. Er geniesst die Ruhe auf seinen nächtlichen Touren – und macht auch einmal einen Sekundenschlaf.

Erwin Nüesch
Erwin Nüesch schaut, dass sich keine Tierart zu stark vermehrt.

Es ist nach Mitternacht, Erwin Nüesch (57) steht am Waldrand des Hönggerbergs, eines Hügelzugs im Norden der Stadt Zürich, und lässt seinen Blick durch ein Nachtsichtgerät über das Feld gleiten. «Drei Rehe, ein Bock, eine Geiss und ein Kitz, ein Fuchs», sagt er. «Die Wildschweine sind schon weg.»

Drei Rotten mit insgesamt um die 60 Wildschweine leben in seinem Revier, und Nüesch weiss stets, wo sie sich aufhalten. «Es ist mein Job, das Nebeneinander von Mensch und Wild so reibungslos wie möglich zu gestalten.» Steht die Ernte eines Bauern an, packt er beispielsweise Menschenhaare in Nylonstrümpfe und hängt diese an den Zaun, um die Wildschweine fernzuhalten. Findet ein Orientierungslauf statt, stellt er sicher, dass kein Posten bei der Salzlecke der Rehe zu stehen kommt.

Nüesch ist einer von vier Wildhütern, welche die Stadt Zürich beschäftigt. Sein Handy klingelt, wenn Wild angefahren und verletzt wird. Manchmal sagten ihm Anwohner alle Schande, wenn er ein «unschuldiges Tier töte». Entscheidend sei aber einzig das Wohl des Tiers – «da bin ich Metzger und Pfarrer».

Oft ist Nüesch in der Dunkelheit unterwegs, dann kann er die Wildtiere am besten beobachten. Aufgrund seiner Tierzählungen ensteht der sogenannte Abgangsplan für den Kanton. Keine Art soll sich zu stark vermehren. Muss Nüesch eine Wildsau erlegen, liegt er 50 bis 60 Stunden auf der Lauer. «Sie sind sauschlau.» Der Jäger geniesst die Ruhe auf seinen nächtlichen Touren. Wird er müde, macht er einen Sekundenschlaf. «Wie ein Reh.»

Autor: Monica Müller

Fotograf: Dan Cermak