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27. April 2015

Sozialhilfebezüger: Jung und ohne Ausbildung?

Für Junge ohne Erwerbschancen führen mehrere Kantone Ausbildungsprogramme, um langjährige Armutsschicksale und Sozialfälle zu verhindern. Aber wie viele Junge ohne Ausbildung beziehen in der Schweiz eigentlich Sozialhilfe? Die wichtigsten Zahlen und Fakten.

Im Migros-Magazin vom 27. April zeigt eine Reportage betroffene Zürcher Jugendliche, die dank dem Projekt Netz2 mit Ausbildungsprogrammen und Betreuung von der langjährigen Sozialhilfekarriere bewahrt werden sollen (siehe: «Sicherheitsnetz für den Notfall» ). Im eigenen Interesse einer selbständigen Lebensgestaltung und -finanzierung jedoch zahlt sich das spezielle Engagement im Erfolgsfall auch für den Staat aus, kann er doch später so viel Sozialhilfegelder einsparen.

Wie sieht es aber bei der herkömmlichen Sozialhilfe in der Schweiz aus? Gehen überdurchschnittlich viel Unterstützungsgelder an Jugendliche und junge Erwachsene? Wie stark wirken sich Ausbildungsniveau respektive Abschluss aus, Teilzeittätigkeit oder Haushaltsgrösse, die zu betreuenden Kinder? Wie viel höher sind Sozialhilferisiken bei Ausländern, und in welchen Kantonen hat sich im Verhältnis zur Einwohnerzahl eine überdurchschnittlich hohe Sozialhilfequote gebildet?
Die Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BFS) in der sogenannten Sozialhilfestatistik (je nach Verfügbarkeit von 2013, teils auch ein paar Jahre älter) geben Aufschluss über die sozialen Hintergründe von Sozialhilfe und Sozialhilfebezügern. Ein Überblick:

ALTER: Junge etwas stärker betroffen
Auf den ersten Blick scheint das Alter ein mitentscheidender Faktor zu sein, ob jemand zum Sozialhilfeempfänger wird. Nur etwa jeder 180. Sozialhilfeempfänger ist 80 Jahre alt oder mehr, aber beinahe jeder dritte (31.4%) ist bis 17Jahre jung. Die Sozialhilfequote (wie viele VertreterInnen einer Gruppe leben von Sozialhilfe?) unterscheidet sich denn auch von 0.4% (über 80 Jahre) bis zu 4.4% (bis 17 Jahre) um nicht weniger als Faktor 11!
Grenzt man jedoch die Empfängergruppen auf jene im arbeitsfähigen Alter ein, sieht es anders aus: Noch immer beziehen prozentual mehr Jüngere Sozialhilfe, doch die jüngste Gruppe (18 bis 25 Jahre) mit einer Quote von 3.8% nicht einmal mehr doppelt so oft wie die Gruppe der 55- bis 64-Jährigen mit 2.1%. Und vor allem gegenüber den 26- bis 35-Jährigen (Quote 3.1%), den 36- bis 45-Jährigen (3.3%) oder den 46- bis 55-Jährigen (2.9%) fallen sie fast nur unwesentlich ab.

AUSBILDUNG: Kein Abschluss als Risiko Nummer 1
Einer der wichtigsten statistischen Unterschiede, der sich aufgrund wenig anderer hineinspielender Faktoren kaum relativieren lässt, ist der erreichte Bildungsabschluss respektive das Ausbildungsniveau von Sozialhilfeempfängern gegenüber entsprechenden Vergleichsgruppen. Laut dem allerdings ältesten Zahlenmaterial (2005, weil dazu Volkszählungswerte benötigt werden) gehören nur 5.8% der Sozialhilfeempfänger zur bestausgebildeten Gruppe, jener mit universitärer oder höherer Fachausbildung. Ihr Anteil an der Bevölkerung macht jedoch immerhin 20.5% aus. Am anderen Ende machen Sozialhilfebezüger ohne berufliche Ausbildung gleich 52.3% aller Empfänger aus, ihr Bevölkerungsanteil liegt bei 26.3%. Das Risiko, Sozialhilfebezüger zu werden, ist für diese Gruppe beinahe achtmal höher als bei Akademikern oder Absolventen von Fachhochschulen oder gleichwertigen Lehrinstitutionen. Der mittleren Gruppe mit einer Berufsausbildung oder absolvierter Maturitätsschule gehören 41.9% der Empfänger an, sie sind gemessen am Bevölkerungsanteil von 53.2% also etwas untervertreten.

HERKUNFT: Ausländer mit dreimal höherer Quote
Eines der am meisten diskutierten Themen bei Arbeitslosen, besonders aber langjährigen Sozialfällen, ist der Ausländeranteil. Der Unterschied in der Sozialhilfequote von allen in der Schweiz ansässigen Ausländern verglichen mit Bezügern mit Schweizer Pass ist denn auch tatsächlich gross - wenn auch nicht halb so gross wie jener beim Thema Ausbildung (s.o.). Insgesamt fällt die Quote für alle Ausländer mit 6.1% beinahe genau dreimal so hoch aus wie jene aller Schweizer mit 2.0%. Noch beeindruckender wirkt eine andere Zahl: mit einem Anteil von etwas über 45% drohte sich die absolute Anzahl an ausländischen Sozialhilfeempfängern schon fast jener der Schweizer zu nähern. Das Jahrzehnt seit 2005 mit immer mehr gut ausgebildeten europäischen Einwanderern könnte dieses Verhältnis allerdings etwas zugunsten der Ausländer verschoben haben. Interessant auch, dass bei den Schweizern die Männer eine um 0.1% höhere Quote (2.1%) aufwiesen als die Frauen, die Ausländerinnen hängten mit 6.4% die männlichen Pendants um 0.6% ab.

ERWERBSTÄTIGKEIT: Viel mehr Teilzeitarbeitende
Schon länger ist bekannt, dass Alleinerziehende ein bedeutend höheres Risiko aufweisen, eine Zeit lang von der Sozialhilfe abhängig zu sein. Im Vergleich zu Paaren mit Kind(ern) ist das Risiko über neunmal höher.

Komplizierter wiederum, wenn auch teilweise im Zusammenhang mit den Alleinerziehenden unter den Empfängern, sehen die Fakten bei der Erwerbstätigkeit aus: Die Nicht-Erwerbstätigen machen unter den Sozialhilfeempfängern 36.6% aus, ihr Bevölkerungsanteil liegt mit 34.7% immerhin beinahe gleich hoch. Sie wären also bloss minim überdurchschnittlich vertreten unter den Sozialhilfebezügern. Ganz anders sieht es bei der kleineren Bevölkerungsgruppe (2.6%) der Erwerbslosen (die gemeldet wurden als Stellenlose, fast immer via RAV bei der Sozialhilfe landeten) aus: Sie stellen gleich 35.2% der Empfänger. Etwas überraschender jedoch sieht es bei den erwerbstätigen Sozialhilfebezügern (62.7 Bevölkerungsanteil) aus: Sie stellen insgesamt 28.1% aller Empfänger, und ein markant hoher Anteil davon arbeitet Vollzeit:38.2%! Dies dürfte die Diskussion um das Phänomen der Working Poor anheizen.

WOHNORT: Zentren und Westschweiz vorneweg
Ebenfalls oft gestritten wird um die kantonalen Unterschiede bei der Sozialhilfequote, aber auch den durchschnittlichen Aufwendungen der Sozialämter pro Empfänger oder – besonders vielsagend – pro Einwohner des Kantons insgesamt. Wie die unten stehende Tabelle verrät, weisen ...

1. ... Kantone mit grösseren Metropolen eine klar höhere Quote auf: Basel-Stadt 6.1%, Genf mit 5.4%, Bern mit 4.2 (einverstanden: neben Bern oder Biel viele ländliche Gebiete) oder Zürich mit 3.2%. Demgegenüber bilanzieren Uri, Schwyz, Ob- und Nidwalden, Appenzell Innerrhoden oder auch Graubünden Quoten von maximal 1.5%.

2. ... Westschweizer Kantone eine klar überdurchschnittliche Quote aus: Spitzenreiter ist Neuenburg mit 7.3%, nach Genf (5.4%) folgt der grosse Kanton Waadt mit 5.0%. Lateinisch ist das Phänomen nicht: Der Tessin positioniert sich mit 2.4% gar unter dem Gesamtschnitt für die Schweiz.

Die Zahlen lösen das alte Rätsel nicht, ob Kantone mit grossen Städten sowie Westschweizer Stände durch ihr Verhalten und ihre Angebote überdurchschnittlich viele Sozialhilfeempfänger heranziehen oder ob Letztere bei sich abzeichnenden Problemen oder schon davor einfach ins städtische Umfeld ziehen, weil sie mit Arbeitslosigkeit, psychischen oder physischen Problemen, teilweise auch alternativen Lebensmodellen dort weniger anecken oder ausgegrenzt werden.

Weiter fällt im Kantonsvergleich (aus der Tabelle nicht ersichtlich) auf, dass das pro Einwohner aufgewendete Geld für die Sozialhilfe teils markant von der Sozialhilfequote abweicht: Stadtkantone müssen natürlich für den grossen Budgetposten der Wohnungsmieten durchschnittlich weit mehr aufwenden, doch erklärt dies keineswegs, dass Basel Stadt mit 491 Franken Sozialhilfe pro Einwohner einsamer Spitzenreiter ist, das geografisch nicht ganz unähnlich positionierte Genf aber mit nur 151 Franken auskommt. Zum Teil nachvollziehbar hohe Beträge registrieren Zürich und Bern mit 270 und 242 Franken, übertroffen allerdings von Neuenburg (284 Franken). Rekordtiefe Kosten haben Uri (43 Franken), Appenzell Innerrhoden (45 Franken), Ob- und Nidwalden (50 Franken).

SOZIALHILFESTATISTIK NACH KANTONEN

Sozialhilfefälle, -empfänger und -quote nach Kantonen
Sozialhilfefälle, -empfänger und -quote nach Kantonen (BFS, 2013)


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Autor: Reto Meisser