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30. Juni 2014

Sorgerecht: «Sanktionen können nur im Einzelfall sinnvoll sein»

Margret Bürgisser (67) ist Soziologin und Autorin des Buchs «Gemeinsam Eltern bleiben – trotz Trennung oder Scheidung». Sie beantwortet Fragen zum neuen Sorgerecht, dem Zusammenhang mit dem Unterhaltsrecht und zur elterlichen Verantwortung.

Soziologin Margret Bürgisser
Soziologin Margret Bürgisser (67)

Margret Bürgisser, ab dem 1. Juli gilt neu das gemeinsame Sorgerecht – welche Probleme werden damit gelöst?
Diese Gesetzesänderung ist ein grundsätzliches Signal: Egal, wie die Partnerschaft verläuft, die Verantwortung für die Kinderbetreuung haben beide Elternteile. Sie löst das Problem der Väter, die an der Kindererziehung und -betreuung teilnehmen wollen und sich nach einer Trennung von der Familie abgeschnitten fühlen.
Welche Probleme bleiben?
Eltern kann man nicht rechtlich zu einer gemeinsamen Lösung zwingen, wenn sie nicht willens oder fähig sind, sich für eine gemeinsame Verantwortung dem Kind gegenüber zu einigen. Es wird immer einen gewissen Prozentsatz von Eltern geben, die einander und den Kindern das Leben schwermachen.
Bräuchte es Sanktionen für uneinsichtige Eltern?
Parlament und Experten haben sich gegen Sanktionen ausgesprochen. Will beispielsweise ein Vater die Kinder während der Ferien nicht betreuen, bringt es nichts, wenn man ihn dazu zwingt. Sanktionen können nur im Einzelfall sinnvoll sein.
Bräuchte es die Pflicht zur gemeinsamen Obhut?
So weit ist das Schweizer Recht noch nicht. Die gemeinsame Obhut gibt es rechtlich nicht. Ein Elternpaar kann die gemeinsame Obhut in einer Betreuungsvereinbarung beantragen. Doch manche Behörden sind in solchen Fällen noch unerfahren und entsprechend unflexibel. Es ist manchmal schwierig, diese Aufgabenverteilung so festzuhalten, dass es für alle Beteiligten stimmt.
Derzeit wird im Nationalrat das Unterhaltsrecht behandelt. Auch unverheiratete Väter sollen ihren Expartnerinnen Unterhalt bezahlen. Warum wurde Sorgerecht und Unterhaltsrecht nicht in einem Paket behandelt?
Bundesrätin Sommaruga wollte diese beiden Vorlagen zusammenlegen und gemeinsam behandeln. Das rief aber einen Entrüstungssturm der Männer- und Väterorganisationen hervor. Sie befürchteten, die Sorgerechtsrevision werde «verschleppt». So ist zuerst das Sorgerecht behandelt und verabschiedet worden.
Welcher Zusammenhang besteht zwischen den beiden Rechten – ist die Revision des Unterhalts im Zusammenhang mit dem gemeinsamen Sorgerecht sinnvoll?
Bei beiden Revisionen steht das Wohl des Kinds im Mittelpunkt. Es soll unter der Trennung oder Scheidung seiner Eltern nicht leiden. Es soll Kontakt zu beiden Eltern haben dürfen und materiell abgesichert sein.
Dass beide Eltern dazu beitragen sollen, scheint mir auch einleuchtend. Allerdings befürchte ich, dass mit dem aktuellen Entwurf die traditionellen Rollen zementiert werden. Unverheiratete Väter sollen als Entgelt für Betreuung künftig auch Frauenunterhalt zahlen müssen. Es werden sich noch mehr Väter als blosse Zahl- und Besuchsväter vorkommen, das schafft neue Probleme.
Was wäre ein besserer Ansatz?
Sinnvoller wäre die konsequente Förderung der egalitären Rollenteilung, bei der Mütter wie Väter zum Gelderwerb beitragen und beide die Kinder gemeinsam betreuen. Junge Paare wünschen sich das, doch es scheitert nach wie vor an den unterschiedlichen Karrierechancen und Löhnen. Und nach Trennung oder Scheidung sollte es selbstverständlich werden, dass Väter nicht nur zahlen, sondern auch mitbetreuen. Die Frauen könnten sich dann verstärkt im Beruf engagieren und würden dadurch auch finanziell unabhängiger.

Wie schätzen Sie das revidierte Unterhaltsrecht ein, das derzeit im Parlament diskutiert wird?
Es ist unausgegoren und nicht wirklich innovativ. Was es in der Schweiz mittelfristig brauchen würde, sind mehr Kompetenzen auf Bundesebene – wie beispielsweise ein Bundesamt für Familie, Jugend und Gleichstellung. Bezüglich Ausgaben für Familienanliegen steht unser Land im europäischen Durchschnitt ziemlich schlecht da. Der Bund müsste wie etwa in Deutschland und Österreich die Kompetenzen haben, für Familien gute Rahmenbedingungen zu schaffen. Alle Familien sollten ungeachtet des Zivilstands in Würde und in materieller Sicherheit leben können. Dafür braucht es mittel- und längerfristig mehr Mittel. Damit könnte man das Hinundherschieben der Probleme zwischen den Geschlechtern beenden.
Frauen haben bisher das Sorgerecht als Machtmittel im Scheidungskampf benutzt. Ist das Tatsache oder Klischee?
Ich höre von Experten immer wieder, dass Frauen das Sorgerecht als Druckmittel benutzt haben, um für sich mehr Unterhalt oder andere Vorteile herauszuholen. Dem Exmann wurde das gemeinsame Sorgerecht erst zugestanden, nachdem er Zugeständnisse gemacht hatte.
Müssen Frauen und Männer alte Rollenbilder über Bord werfen?
Nein, es wird ein neues Recht lanciert, kein neues Familienmodell. Es kann aber ein erster Schritt dazu sein, dass sich gesellschaftlich etwas verändert. Denn nach wie vor kümmern sich nur etwa zehn Prozent der Paare gemeinsam – und zu gleichen Teilen – um Erwerb, Kinderbetreuung und Haushalt. Es gibt höchstens etwas mehr Druck auf die Frauen, ihre Erwerbsarbeit aufzustocken.
Was war Ihre Motivation, das Buch «Gemeinsam Eltern bleiben» zu schreiben?
Ich erhoffe mir, dass Eltern und Fachleute sich von meinem Buch inspirieren lassen, sich Tipps holen und es als Nachschlagewerk benutzen. In meinem Buch porträtiere ich zehn getrennte Paare, die sich gemeinsam um ihre Kinder kümmern. Man muss den Frauen Modelle vermitteln, wie solche gemeinsamen Lösungen aussehen können, und den Männern Mut machen, die gemeinsame Betreuung einzufordern. Probleme gibt es immer. Es gibt aber auch immer die Möglichkeit, eine Lösung zu finden. Es braucht ein positives Vorausschauen, in Trennungsstreitereien verliert man wichtige Zeit, die man positiv nützen könnte.
Was wird sich in Zukunft verändern?
Es werden vermehrt MediatorInnen gefragt sein, die zerstrittenen Eltern helfen, einen gemeinsamen Weg zu finden. Doch auf die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden wird vor allem erheblich mehr Arbeit zukommen. Sie sind für Sorgerechtsregelungen bei unverheirateten Eltern zuständig.

Autor: Claudia Langenegger