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26. Oktober 2015

Sonderschüler bringen Lehrer an ihre Grenzen

Kinder mit speziellen Bedürfnissen stellen für Schulen eine grosse Herausforderung dar. Beatrice Kronenberg, Direktorin der Stiftung Schweizer Zentrum für Heil- und Sonderpädagogik, über die wachsende Zahl der Sonderschüler und ihre integrative Förderung in Regelklassen.

Die Integration von körperlich, geistig oder sozial beeinträchtigen Kindern in Regelklassen ist ein politischer Auftrag.
Die Integration von körperlich, geistig oder sozial beeinträchtigen Kindern in Regelklassen ist ein politischer Auftrag.

Ob man Sonderschüler in Regelklassen integrieren soll oder nicht, ist eine müssige Frage. Ihre Integration ist ein verbindlicher Auftrag: 2002 hat das Schweizer Volk das Gesetz zur Gleichstellung von Behinderten angenommen. Die integrative Förderung ist eine Folge davon.
Der Systemwechsel hat allerdings seine Tücken. Viele Lehrkräfte fühlen sich überfordert und alleingelassen. «Die Integration ist schweizweit eine grosse unkoordinierte Baustelle», sagt Jürg Brühlmann (61), Leiter Pädagogische Arbeitsstelle des Dachverbandes Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH). «Es ist dilettantisch, die Sonderschüler einfach in eine Regelklasse zu schicken und zu hoffen, dass es dann schon gut kommt.» Mit ein paar Zusatzstunden für Heilpädagogen alleine sei die Herausforderung nicht zu meistern.

«Teilweise wird die Integration auch für Sparübungen missbraucht. Es ist teurer, eine Sonderschule separat zu führen, als Heilpädagogen zur Unterstützung in die Klasse zu schicken.» Als Vertreter der Lehrerschaft fordert Brühlmann eine «sorgfältige Einführung» des integrativen Ansatzes und Budgets für schulinterne Projekte.
Die steigende Zahl an Sonderschülern erklärt Jürg Brühlmann unter anderem mit dem gesellschaftlichen Wandel: «Die Bereitschaft zur Therapie ist gestiegen.» Früher sei es eher als Stigma betrachtet worden, wenn ein Kind einer speziellen Förderung bedurfte. Heute erhalten rund die Hälfte der Kinder im Verlauf ihrer Schulkarriere Unterstützung.

Beatrice Kronenberg (60), Direktorin der Stiftung Schweizer Zentrum für Heil- und Sonderpädagogik
Beatrice Kronenberg (60), Direktorin der Stiftung Schweizer Zentrum für Heil- und Sonderpädagogik.

EXPERTENINTERVIEW

«Die Integration ist ein politischer Auftrag, aber nicht in jedem Fall sinnvoll»

Beatrice Kronenberg (60), Direktorin der Stiftung Schweizer Zentrum für Heil- und Sonderpädagogik.

Beatrice Kronenberg, erneut hat die Zahl der Sonderschüler in vielen Kantonen zugenommen. Warum?
Mit Kindern mit dem Status «Sonderschüler» lassen sich Ressourcen generieren. Und weil man Ressourcen will, vergibt man diesen Status heute schneller.

Das dürfte ganz in Ihrem Sinn sein. Denn der Zweck Ihrer Stiftung ist die Förderung der Heil- und
Sonderpädagogik.

Ziel unserer Stiftung ist es ganz und gar nicht, mehr Sonderschüler zu «produzieren», sondern dafür zu sorgen, dass die richtige Förderung am richtigen Ort passiert. Das Problem ist, dass bisher kaum untersucht wurde, was die teuren sonderpädagogischen Massnahmen wirklich bringen. Wirkungsstudien haben hierzulande keine Tradition.

Was halten Sie von der integrativen Förderung von Sonderschülern in Regelklassen?
Die Integration ist ein politischer Auftrag, hinter dem wir stehen. Es gibt derzeit noch zu viele Kinder, die Sonderschulen besuchen.

Man hört von Klassen, in denen Sonderschüler den Unterricht massiv stören.
Wenn dem so ist, läuft etwas falsch. Die Integration ist nicht in jedem Fall sinnvoll. Sie muss zum Wohl des betroffenen Kindes sein, gleichzeitig aber dürfen die anderen Kinder der Klasse nicht zu kurz kommen.

Bei welchen Diagnosen ist die Integration sinnvoll, bei welchen nicht?
Diese Frage muss man von Fall zu Fall beantworten: Zwei Kinder mit der gleichen Diagnose können sehr unterschiedlich sein. Das eine Kind mit Trisomie 21 lässt sich gut integrieren, das andere nicht. Zudem muss man bei der Integration systemisch denken. Das heisst, den ganzen Kontext einbeziehen: Die Situation in der Familie, die Tragfähigkeit der Regelklasse sowie die Erfahrung der Lehrkraft. Dafür gibt es seit Kurzem ein standardisiertes Abklärungsverfahren – einen Fragebogen, der diese Punkte detailliert abfragt.

Trotzdem gibt es nach wie vor Lehrkräfte, die sich überfordert und alleingelassen fühlen.
Die Lehrpersonen brauchen gezielte Unterstützung. Das beginnt schon bei der Ausbildung: Sie müssen auf die Kinder mit speziellen Bedürfnissen vorbereitet werden. Auch die Zusammenarbeit mit heilpädagogischen Fachleuten will gelernt sein. Funktioniert diese nicht, wird das, was als Unterstützung gedacht ist, eher als Belastung wahrgenommen.

Je mehr Lehrkräfte für eine Klasse zuständig sind, desto mehr Koordination braucht es – und desto weniger eng ist die Beziehung zwischen Lehrkraft und Schüler.
Für die Schüler ist es kein Problem, zwei Ansprechpersonen im Klassenzimmer zu haben. Problematisch ist eher das Fachlehrersystem, bei dem die Schüler den Lehrer ständig wechseln.

Gibt es Schulen, welche die Herausforderungen der Integration besonders gut lösen?
Ja, etwa im Südtirol. Dort kommen die zusätzlichen Ressourcen, die für einzelne Kinder gesprochen werden, der ganzen Klasse zugute. Konkret heisst das, dass die Lehrkraft von einer Heilpädagogin unterstützt wird, immer von derselben. Je nach Programm arbeitet die Heilpädagogin mit jeweils anderen Schülern, da wo ihr Spezialwissen gefragt ist und wo es die Klasse als Ganzes am besten stützt. In der Schweiz ist es oft so, dass eine bestimmte Fachkraft speziell für ein Kind in den Unterricht kommt; bleibt es krank zu Hause, geht sie wieder. Damit bleibt der Sonderschüler der Sonderfall in der Klasse. Das ist nicht im Sinne der Integration – zudem wird die Klasse damit als stabile Basis beansprucht, profitiert aber selbst nicht unbedingt davon.

Autor: Andrea Freiermuth