30. Januar 2012

Sonderfall Heimatort

Weltweites Unikum: Jeder Schweizer hat einen Heimatort. Immer noch wird er in amtlichen Dokumenten vermerkt, dabei ist er fast bedeutungslos. Ein alter Zopf, an dem aber viele hängen. Dieser Tage verliert er seine letzte Funktion.

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Text: Ruth Brüderlin / Fotos: Gian-Marco Castelberg

Karin, Köbi, Jens, Sina und Björn (von links) sind «Tippilzouer»
Diepoldsau SG: Die Gemeinde macht allen Einwohnern das Angebot zum Sonderpreis, ihren Wohnort zum Heimatort zu machen. Familie Aerni griff zu. Karin, Köbi, Jens, Sina und Björn (von links) sind «Tippilzouer» aus Überzeugung.

Diepoldsau im St. Galler Rheintal ist ein unspektakulärer Ort. Aber für 5700 Menschen bedeutet er Heimat. Im November 2010 bot die Gemeinde den Schweizer Einwohnerinnen und Einwohnern das Ortsbürgerrecht an. Zum Sonderpreis von 100 Franken. «Wir wollten allen, die hier verwurzelt sind und sich mit unserem Dorf verbunden fühlen, diese Möglichkeit geben», sagt Gemeindepräsident Roland Wälter. Exakt 502 Erwachsene und Kinder machten davon Gebrauch.

Doch wozu? Der Heimatort ist faktisch bedeutungslos. Mit einer Ausnahme: bei Sozialhilfebezügern aus anderen Kantonen, die weniger als zwei Jahre an ihrem aktuellen Wohnort gemeldet sind. Zwar entrichtet auch hier die Wohngemeinde die Unterstützung, holt sich dieses Geld aber beim Heimatkanton zurück. Ein alter Zopf, der in dieser Legislatur fallen soll. Eine parlamentarische Initiative zur Abschaffung ist noch bis Mitte März in der Vernehmlassung. Kommt sie durch, werden einige Kantone ein paar Tausend Franken sparen und die Ballungszentren entsprechend mehr für ihre Fürsorgefälle aufwenden müssen.

Für den Sozialhilfebezüger selber ändert sich nichts. Er bezieht sein Geld weiterhin von der Wohngemeinde. Selbst wenn sein Herz noch immer seinem Heimatort gehören sollte. Denn der ist hauptsächlich von emotionalem Wert — und weltweit ein Unikum. Im Ausland ist der Geburtsort relevant. Der Homo Helveticus indes deklariert in jedem Formular, jedem Arbeitszeugnis und amtlichen Dokument, wo er rechtens hingehört. Ein Österreicher ist einfach Österreicher. Ein Schweizer aber hat nebst der Staatsangehörigkeit eine Kantonszugehörigkeit sowie eine Gemeinde, in der er heimatberechtigt ist.

Die Einbürgerung als Bekenntnis zur Wohngemeinde

Niederried BE
Niederried BE: Ein kleiner Ort mit einer prominenten Heimatberechtigten: Sandra Studer ist nicht nur Bürgerin, sondern sogar Burgerin in der Heimatgemeinde ihrer Vorfahren.

Das Herz von Köbi (51) und Karin (46) Aerni hängt an Diepoldsau. Sie haben von dem Angebot, sich dort einbürgern zu lassen, Gebrauch gemacht. Es ist ein Bekenntnis zu dem Ort, an dem sie seit über 25 Jahren leben und ihre Kinder gross ziehen. Seit November 2010 sind die Aernis Diepoldsauer — Tippilzouer, wie das im lokalen Dialekt korrekt heisst. Samt Tochter Sina (14) und den Söhnen Björn (16) und Jens (10). «Zu meiner ursprünglichen Heimatgemeinde Krummenau im Toggenburg hatte ich null Bezug», sagt Vater Köbi, der im Thurgau aufgewachsen ist. Mutter Karin wurde mit Heimatort Grabs SG in der Stadt Zürich geboren, lebte später in Heiden AR und St. Moritz. «In Diepoldsau bin ich sesshaft geworden», sagt sie. Die Familie ist im Ort verwurzelt. Alle sind in Vereinen aktiv, Karin Aerni arbeitete jahrelang auf dem Zivilstandsamt, Köbi Aerni ist Gärtner, und Björn, der Älteste, begann letzten August eine KV-Lehre im Gemeindehaus.

Nun haben die Aernis gewisse Privilegien: Sie dürfen zum Beispiel gratis ein Christbäumchen aus dem Dorfwald holen, was jeweils mit einem kleinen Fest verbunden ist, an dem die Gemeinde Glühwein und Gerstensuppe spendiert. Für Ortsbürger gibt es aber auch Zuschüsse aus dem Lehrlingsfonds. Und sie haben das Recht, an der Ortsbürgerversammlung teilzunehmen, die über Einbürgerungen entscheidet. Letzten März war es für Aernis zum ersten Mal so weit. «In diesem Moment», sagt Karin, «hatte ich das Gefühl, wirklich dazuzugehören.»

Privilegien für ansässige Bürger sind eher die Ausnahme. Sie bekommen allenfalls günstiger Brennholz oder, wie in der Stadt Bern, höhere Stipendien. Aber damit hat es sich. Längst werden Armengenössige nicht mehr an die Heimatgemeinde verwiesen, sondern an das Sozialamt des Wohnorts. Es sei denn, sie haben keinen festen Wohnsitz. Wichtig bleibt der Heimatort auch für Auswanderer, deren Schriften dort deponiert werden.

Wie hoch der emotionale Wert des Bürgerorts ist, zeigt etwa ein Blick ins Forum des FC Basel. Ein User namens «Urlauber» schreibt dort: «Ich wohne in Basel-Stadt. In der Identitätskarte steht aber als Bürgerort irgend so ein Kaff im Baselbiet, von dem ich nicht mal weiss, wo es ist.» Er hält eine eigentliche Brandrede, die mit dem Ausruf endet: «Uf jede fall wot ich mi umbürgere lo!» Innerhalb weniger Stunden generiert «Urlauber» 28 Beiträge. Ein «Scott» pflichtet bei: «Also wenn bi mir nid Basel-Stadt würd stoh, glaub die 700 Franke wäre mr s wert zum das ändere.» Allein auf weiter Flur steht einzig «The Moose». Er findet, es sei egal, ob man in einem Bauernkaff oder einer Grossstadt heimatberechtig sei.

Zürich hat er mit der Grossstadt wohl kaum gemeint. Tatsächlich bekommen jedes Jahr rund 250 Schweizerinnen und Schweizer das Bürgerrecht an der Limmat. Voraussetzungen: Schweizer Staatsbürgerschaft, zwei Jahre Wohnsitz in Zürich, keine Betreibungen, nicht sozialhilfeabhängig. Kosten: 250 Franken für über 25-Jährige, für Jüngere die Hälfte. Vorteile: keine.

Weder erhöht sich die Aussicht auf eine günstige Wohnung, noch sichert es einen Platz im Altersheim. «Wir fragen nicht explizit nach den Gründen», sagt Rita Bernoulli vom Zürcher Einbürgerungsamt. «Ab und zu hören wir, die Stadt habe einen guten Ruf und eine hohe Attraktivität und es bestehe ein Interesse, dazuzugehören.»

«Z Züri dihei» – mehr als nur ein alter Werbeslogan der VBZ

Corine Mauch
Stadtpräsidentin Corine Mauch wurde 1999 offiziell zur Bürgerin von Zürich: «eine emotionale Sache». Ihren angestammten Heimatort Teufenthal AG hat sie dennoch behalten.

Das Zürcher Bürgerrecht, ein Bekenntnis zu Zürich, schreibt die Verwaltung auf der Internetseite. So sieht es auch Stadtpräsidentin Corine Mauch. Sie ist seit 1999 offiziell Zürcherin. Es sei ein bewusster Schritt gewesen, sagt sie, eine emotionale Sache: «Ich habe diese Stadt und ihre Menschen gern. Hier lebe ich, und hier engagiere ich mich. Bürgerin von Zürich zu sein bringt dies für mich symbolisch zum Ausdruck.» Ihren angestammten Heimatort Teufenthal AG hat Corine Mauch behalten. Begründung: «Er steht für meine Herkunft, die Geschichte unserer Familie.»

Danach zu forschen ist schon fast ein Schweizer Nationalsport. Die Gästebücher der Gemeinden sind voll mit enthusiastischen Spurensuchern: «Mein Name ist Hungerbühler mit Bürgerort Sommeri TG. Ich suche Informationen über meine Ahnentafel.» Oder: «Mein Grossvater war Johann Oswald. Vielleicht kann sich noch jemand an ihn erinnern?»

Es interessiert, welchen Stammlanden die Sippe einst entsprang. Es geht um Wurzeln, die über Generationen vom Vater zum Sohn weitervererbt werden. Man ist stolz auf seine Herkunft, und der Herkunftsort ist stolz auf erfolgreiche Söhne und Töchter. So sonnt sich die Berner Gemeinde Niederried in ihrem Webauftritt im Glanz ihrer bekanntesten Bürgerin: Fernsehmoderatorin Sandra Studer. Sie sagt:«Mein Vater hatte immer erzählt, wir seien nicht nur Bürger, sondern sogar Burger* von Niederried. Als ich mit meinem Mann vor Jahren zufällig in der Gegend war, gingen wir auf der Gemeindeverwaltung vorbei, um das zu überprüfen.»

Die Schalterangestellte staunte ob des prominenten Besuchs, bestätigte den Sachverhalt, und seither besteht ein zwar selten genutzter, aber direkter Sympathiedraht zwischen Brienzersee und Zürcher Goldküste, wo die Moderatorin mit ihrer Familie wohnt. «Niederried ist für mich ein Nestchen, also einer jener Orte auf der Welt, an denen ich mich willkommen und wohlfühle. Ich habe mehrere solcher Nestchen», sagt Sandra Studer. Barcelona, die Heimat ihrer Mutter, ist eines. Auch Aegeri, wo sie oft Ferien verbringt. Dann der Zollikerberg, wo sie aufgewchsen ist und natürlich ihr Wohnort Feldmeilen. «Mein Heimatort war immer etwas Abstraktes, bis ich ihn kennengelernt hatte. Jetzt würde ich ihn nicht mehr hergeben. Er verbindet mich mit meiner Familiengeschichte.»

Pascale Bruderer
Baden AG: SP-Ständerätin Pascale Bruderer Wyss hat gleich vier Heimatorte – und zu jedem eine spezielle Beziehung. Am meisten aber schlägt ihr Herz für Baden.

Die ist mitunter weit verzweigt. Zahlreich sind darum Eidgenossen mit zwei oder noch mehr Bürgerorten. Die Aargauer Ständerätin Pascale Bruderer Wyss (34) etwa hat vier. Rorschach SG seit Geburt, Baden AG auf eigenen Wunsch sowie seit ihrer Heirat mit Urs Wyss zusätzlich Römerswil LU und Baar ZG. «Mein Herz schlägt klar für Baden», sagt die ehemals höchste Schweizerin, «hier bin ich geboren und aufgewachsen.» In der weltoffenen Stadt an der Limmat pflanzte sie quasi einen neuen Familienzweig. «Ich wollte meine Verbundenheit ausdrücken. Der Aargau ist meine Heimat, mit seinen starken, vielfältigen Regionen und attraktiven Städten wie Baden.»

Hier im Einwohnerrat startete sie vor 14 Jahren ihre politische Laufbahn, und in der winzigen Kapelle auf dem Schlosshügel hat sie 2009 geheiratet. Einen ihrer Heimatorte abgeben möchte sie nicht. «Dafür gibt es keinen Grund. Nach Rorschach wurde ich letztes Jahr eingeladen, um die 1.-August-Rede zu halten — ein sehr schönes Erlebnis.» Seither fühlt sich Bruderer auch mit dem Ort am Bodensee stärker verbunden. Und zu den Heimatorten ihres Mannes hat sie ebenfalls eine persönliche Beziehung: «In Baar ist mein Mann geboren und aufgewachsen. Meine Schwiegereltern leben immer noch dort. Und in Römerswil sind seine Grosseltern beerdigt.»

Die Loyalität zum Wohnort kann teuer zu stehen kommen

Ein Ort ist nicht einfach ein Ort. Er ist immer Heimat für jemanden, Schauplatz von Kindheitserinnerungen oder Anekdoten einer Sippe, die von Generation zu Generation weitererzählt werden. Der Heimatort mag für die Behörden bedeutungslos sein, für die Bürger steht er hoch im Kurs. Immer wieder bieten darum Gemeinden ihren Einwohnern in Sonderaktionen an, sie ins Heimatrecht aufzunehmen — und so langfristig als Steuerzahler an sich zu binden. Wer dann aber seinen alten Bürgerort aufgibt, erlebt mitunter eine unangenehme Überraschung: Es kostet. Mitunter saftig. Die Gemeinde Rüthi im Kanton St. Gallen zum Beispiel verlangt für die Streichung 100 Franken. Ausbürgerungen über die Kantonsgrenze hinaus können richtig teuer werden. Bis zu 500 Franken verlangen einige Gemeinden. Das wird zwar als Schikane empfunden, ist aber legal. Und billiger, als den Eintrag im Pass mit Filzstift selber zu «korrigieren», was als Urkundenfälschung geahndet würde. Glück haben Berner, Zürcher und Basler. In diesen Kantonen kostet die amtliche Streichung des bisherigen Heimatorts bloss ein freundliches Lächeln.

* Im Gegensatz zum Bürgerrecht, das Neuzuzüger erwerben können, ist das sogenannte Burgerrecht alteingesessenen Familien vorbehalten und kann nur über Vererbung weitergegeben werden. Vergünstigungen und Privilegien stehen jedoch nur jenen Burgern zu, die auch tatsächlich in ihrer Heimatgemeinde wohnen.