Archiv
22. Juni 2015

Erfrischender Arbeitsplatz

Sie tauchen nach Schätzen, retten Leben oder lassen Firmenchefs über Bord werfen. Zu Besuch bei fünf Menschen, die im Sommer am, im und unter Wasser ihr Geld verdienen.

Sommerjobs am Wasser
Immer einen wachsamen Blick: Strandwächterin Meret Aschwanden an der Aufschütte in Luzern.

Die Lebensretterin

Der Moment, als es um Leben und Tod ging, hat Meret Aschwanden (24) geprägt. Sie war im Dienst als Strandwächterin an der Aufschütte in Luzern und entdeckte eine ältere Frau, die bäuchlings auf dem Wasser trieb. Aschwanden stürzte sich ins Wasser, schwamm zu ihr, fasste sie um die Hüfte und zog sie an Land. Die Frau atmete nicht mehr, und die damals 19-Jährige reanimierte sie zusammen mit einem Kollegen, bis die Ambulanz vor Ort war. Die Seniorin erholte sich, und ihr Sohn bedankte sich überschwänglich bei der Lebensretterin.
Seither schweift Meret Aschwandens Blick immer übers Wasser, auch wenn sie privat unterwegs ist. Die meisten Einsätze für die Schweizerische Lebensrettungs-Gesellschaft als Strandwächterin, bei Ruderregatten auf dem Rotsee oder Luzerner Seeüberquerungen verlaufen indes ruhig. Bald schliesst sie ihre Ausbildung als Pflegefachfrau FH ab und wird weniger Zeit für ihren Studentenjob haben. In der Freizeit möchte sie weiterhin so viel wie möglich im Wasser sein. «Ohne Wasser kann ich nicht leben.» Schon als kleines Mädchen besuchte sie den Schwimmclub, nahm an Wettkämpfen teil und bildete sich später zur Trainerin aus. «Dieses Gefühl von Leichtigkeit im Wasser hat es mir angetan.»

Die Fährfrau

Legt seit 18 Jahren im solothurnischen Altreu ab: Fährfrau Regina Anderegg.

Für Regina Anderegg (55) haben die Einsätze als Fährfrau nichts mit Arbeit zu tun. «Bin ich auf dem Wasser, fühlt sich das an wie Ferien.» Seit 18 Jahren setzt sie die Fähre von Altreu SO nach Leuzigen BE über. Da der Flusslauf zwischen den Stegen eine Kurve macht, gibt es dort viele Wirbel, die Strömungen ändern ständig, oft weht ein Windchen oder fegt die Bise. Hornt das Kursschiff, gilt es, zeitig auszuweichen. «Mal ist die Aare sanft und ruhig, mal aufmüpfig und aufgedreht.»
Auch wenn sie sich beim Manövrieren konzentrieren muss, spricht sie gern mit den Gästen. «Sie sind immer gut aufgelegt und keine Stürmis», sagt Anderegg. Gern gibt sie Auskunft über die Gegend und die Störche, die über Altreu kreisen. Etwa zehn Nester hat sie im Blickfeld von ihrem Flussabschnitt aus, und sie weiss immer, wie es um den Bestand steht. Als vor einigen Wochen bei einem Sturm ein Nest von einem Baum fiel und die kleinen Störche umkamen, setzte sich die Störchin eine Woche lang allein auf den Baum. «Ich glaube, sie hat getrauert.»
Ist sie nicht mit der motorisierten Fähre unterwegs, betreut die gelernte Kinderpflegerin Schüler in einem Hort. Oder sie reitet ihr Pferd aus. Oder sie arbeitet im Garten. Denn das Ländliche sei ganz ihr Ding, sagt Anderegg. Und das Wasser ihre grosse Liebe.

Der Teambuilder

Der Luzerner Armin Stocker organisiert Abenteuer auf dem Wasser.

Armin Stocker (43) erlebt immer wieder, wie ein Abenteuer im Wasser die Beziehung von Arbeitskollegen verändert. Verhärtete Fronten werden aufgeweicht, stramme Hierarchien gelockert, schwelende Konflikte brechen auf. Stocker ist Outdoor-Guide und Inhaber der Firma Wasser-Land mit Sitz in Zürich, für die er seit 18 Jahren arbeitet.

Drei Viertel der Aktivitäten sind Firmenanlässe, die ein Team zusammenschweissen sollen. «Am Wasser treten Persönlichkeiten mehr zutage als Fachwissen», sagt er. Dann werde es interessant. Oft arbeitet Stocker zusammen mit Unternehmensberatern, die mit einem Anlass eine bestimmte Absicht verfolgen. Sein Job ist es, ein passendes Abenteuer zu organisieren und für die Sicherheit zu sorgen. Stocker und sein Team stecken die Arbeitskollegen beispielsweise in ein enges Schlauchboot, lassen sie aneinander vorbeiklettern und aus dem Boot fallen. Hieven sie sich gegenseitig wieder aus dem Wasser, kommt unweigerlich eine Nähe auf, die den Umgang entspannt.
Armin Stocker findet es bereichernd, mitzuerleben, wie eine Firma tickt, wo die zwischenmenschlichen Probleme liegen. Nach einem Tag im und am Wasser duzen sich Kollegen, die zuvor per Sie waren, und andere, die bloss immer Sprüche geklopft haben, führen auch mal ein ernsteres Gespräch. Gegen Abend am Lagerfeuer ist die Stimmung oft sehr ausgelassen, die Kunden sind zufrieden. Das motiviert Stocker, in der Saison von Mai bis September auch sieben Tage pro Woche zu arbeiten.
Der gelernte Kaufmann hat sich zum Erlebnispädagogen weitergebildet und einen MBA an der FHS St. Gallen absolviert. Er ist in Nottwil LU am Sempachersee aufgewachsen und liebt das Element Wasser. In den vergangenen Jahren hat er etwa 1000 Touren auf Schweizer Flüssen organisiert, viele davon geleitet. «Stilles Gewässer beruhigt mich, fliessendes regt meine Kreativität an.» Immer wieder findet er Zeit, um seinen Gedanken nachzuhängen und das Wasser zu geniessen.

Der Schatztaucher

Reto Ballinari macht sich im Berner Marzilibad bereit für den Tauchgang auf den Aaregrund.

Als Kind kannte Reto Ballinari (66) jeden Brunnen in Bern von innen. Mittlerweile hat er sein Gebiet auf die Aare ausgeweitet. Seit 30 Jahren springt er mit Taucherbrille, Schnorchel und Flossen beim Marzilibad in seinen Lieblingsfluss und sucht den Grund nach Schätzen ab.
Sieht er etwas glitzern, ist er elektrisiert. Etwa 25 Eheringe hat er schon gefunden, einige davon konnte er über Inserate den Besitzern zurückgeben. «Das waren herzerwärmende Momente.» Immer wieder erhält er Anfragen. Das Velo eines Kindes ist im Fluss verschwunden. Er hat es bis heute nicht gefunden, bleibt aber dran: «Ich wüsste gern, wie weit der Fluss das Velo transportiert hat.»
Ab und zu stösst er auf Dinge, die jemand in der Aare verschwinden liess. Leere Portemonnaies, Bankkarten, Handschellen, sogar eine Beretta, die er der Polizei übergeben hat. «Der Detektiv in mir liebt das.» Der IT-Fachmann hält all seine rund 2700 Funde in einer Excel-Tabelle fest. Kann er den Besitzer wertvoller Gegenstände nicht ausfindig machen, verschenkt oder verkauft er sie. Freude hat er an überraschenden Funden, wie einer Motorsäge oder einer Madonnenfigur. Reto Ballinari trägt nie einen Taucheranzug, auch im Winter nicht. «Ich mag die Abkühlung, die Ruhe, das Meditative am Wasser.»

Der Krebsforscher

Wacht über 6300 Lebewesen: Krebszüchter Boris Pasini.

Boris Pasini (35) verbringt die meisten Arbeitstage allein und ohne Tageslicht mit 1800 Edelkrebsen, 19 Stein- und 17 Dohlenkrebsen. Die Krustentiere leben in Becken in einer Indooranlage in Sins AG. Der Umweltingenieur und Aquakulturspezialist betreut ein einzigartiges Projekt in der Schweiz.
Er erforscht und züchtet heimische Krebse, um sie für Gourmets auf den Markt zu bringen und die bedrohten Arten wieder in der Natur anzusiedeln.

Den Blick stets auf die graugrünlich schimmernden Tiere gerichtet, erzählt er von ihren Eigenheiten. Auf der Suche nach Nahrung bewegen sich die Tiere im Zickzack durch die Becken. Da ihr Nervensystem aufgebaut ist wie eine Strickleiter, kann es vorkommen, dass sich ihre beide Scheren um ein Stück Nahrung streiten. Untereinander kämpfen Krebse um Nahrungspartikel oder gute Plätze, während der Häutungen können sie kannibalistisch sein. «Krebse haben kein Bewusstsein und sind wahrscheinlich nicht lernfähig. Im Grunde sind sie langweilige Tiere», sagt Pasini, der die Zehnfüssler seit vier Jahren erforscht.
Boris Pasini ist sieben Tage pro Woche 24 Stunden auf Pikett. Seit Ende 2010 arbeitet er für die Edelkrebs AG, ein Spin-off der Zürcher Hochschule für An-gewandte Wissenschaften in Wädenswil ZH. Voraussichtlich 2017 entscheiden die Inhaber des Unternehmens, ob die Anlage mit einer Ernte von einer Tonne Speisekrebsen pro Jahr rentiert. Das entspricht etwa 12 500 Tieren à 80 Gramm. «Die Edelkrebse schmecken sensationell – wie Scheren vom Hummer», so Pasini. Der Ingenieur interessierte sich schon immer für heimische Wassertiere. Als Achtjähriger entdeckte er das Fischen und ist dem Hobby über die Jahre hinweg treu geblieben. Heute geniesst er das Naturerlebnis, sucht den Kitzel, ob er den Fisch auch erwischt. Pasini mag den Gedanken, sich sein Essen aus der Natur zu holen. In der Anlage kümmert er sich auch um 4500 Äschen. «Ich bin für rund 6300 Lebewesen verantwortlich», sagt er stolz. «Das entspricht einer Kleinstadt.»

Autor: Monica Müller

Fotograf: Daniel Winkler