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20. Juli 2015

Sollen Teenager in den Ferien jobben?

Jeder zweite Jugendliche sucht sich einen Ferienjob. Die Nachfrage übersteigt das Angebot bei Weitem. Trotzdem lohnt sich die Suche.

Teenager profitieren vom Einblick in den Berufsalltag
Teenager profitieren vom Einblick in den Berufsalltag (Bild: Keystone).

Viele Jugendliche hängen in den Sommerferien nicht bloss in der Badi rum oder reisen mit ­ihrer Familie nicht ans Meer. Gut die Hälfte aller Teenager putzt jetzt Schulhäuser, räumt Gestelle beim Grossverteiler ein, trägt Zeitungen aus oder serviert.

Gesetzlich ist genau geregelt, was und wie lange Jugendliche arbeiten dürfen. 13-Jährige können in der Ferienzeit maximal 15 Stunden pro Woche arbeiten, erlaubt sind Botengänge und leichte Arbeiten. 14-Jährige dürfen bis zu 40 Stunden, 15-Jährige schon bis zu 45 Stunden pro Woche jobben, aber bloss die Hälfte der Ferienzeit. 16-Jährige können in Restaurants aushelfen, 18-Jährige in Bars servieren und in Discos arbeiten.

Diese Erfahrung bringt den Teenagern viel, wie Urs Kiener (57), Psychologe bei Pro Juventute, ausführt: «Sie lernen, sich ausserhalb der Schule in ein Team einzufügen, und verdienen ihr erstes eigenes Geld.» Dieses unterscheide sich vom Taschengeld. Viele seien sehr stolz darauf und setzten es für eine ganz bestimmte Anschaffung ein, die nicht im Familienbudget drin liegt. «So lernen sie, mit Geld umzugehen», sagt Kiener.

Wer sich beim Ferienjob bewährt, wird von der Firma oft erneut angefragt. «Für die Jugendlichen ist es wichtig zu merken, dass ihr Einsatz honoriert wird.» Kiener rät davon ab, bei der Suche nach Ferienjobs nur den späteren Wunschberuf im Fokus zu haben. Das schaffe einen unnötigen Druck. Gerade ein Ferienjob biete die Chance, ein neues Umfeld kennenzulernen und den Horizont zu erweitern.

«Ein Ferienjob zeigt, dass Jugendliche bereit sind, anzupacken»

Benno Kästli, die Economiesuisse fordert, Gymnasiasten sollten vor der Uni ein Praktikum absolvieren. So würden später weniger ihr Studium abbrechen. Eine gute Idee?

Ich halte das für einen guten Ansatz. Jugendliche lernen sehr viel, wenn sie Einblick ins Tagesgeschäft einer Firma, ­einer Branche bekommen – ­seien das angehende Studierende oder Lehrlinge. Abgesehen davon, dass sie ihr eigenes Geld verdienen, kommen sie in ­Kontakt mit dem Arbeits­alltag. Bei einer späteren Bewerbung können sie damit punkten. Ein Ferienjob zeigt, dass sich Jugendliche engagieren, dass ein Wille da ist, anzupacken.

Welche Branchen sind am beliebtesten für Ferienjobs?

Bürojobs sind am gefragtesten. Viele Jugendliche denken, im Büro kommen sie zu einem anständigen Batzen Geld, ohne gross krampfen zu müssen. Körperliche Tätigkeiten sind nicht besonders gefragt.

Sind sie also doch faul, unsere Jugendlichen?

Nein, Büroarbeit scheint ihnen einfach reizvoll. Sie sind auch bereit, ganz anderes zu tun. Der Wunsch zu arbeiten ist gross. Bis zu 16 000 Jugendliche surfen im Monat auf unserer Website Ferienjob.ch. Wir könnten jede verfügbare Stelle acht- bis zwölf Mal vergeben.

Warum hinkt das Angebot der Nachfrage hinterher? Jugendliche sind doch günstige und flexible Arbeitskräfte.

Ich denke, da findet ein Umdenken statt. Grossverteiler und Gemeinden bieten schon länger Ferienjobs an. Die KMUs merken langsam, dass sie davon profitieren, wenn sie Jugendliche für Kurzeinsätze engagieren. Rund 10 000 Lehrstellen sind noch nicht besetzt. Mit Ferienjobs könnten sich diejenigen Branchen, die besonders unter dem Lehrlingsmangel leiden, bekannt ­machen und so für Nachwuchs sorgen. In Deutschland ist dies gang und gäbe. Der Autohersteller Daimler beispielsweise stellt 11 000 Ferienjobs für Jugendliche zur Verfügung.

Was hatten Sie als Jugendlicher für einen Sommerjob?

Ich habe bei einem Bauern in der Region mitangepackt, habe Kartoffeln geerntet, Kühe gemolken, den Stall gemistet: für 20 Franken am Tag. Mein Ziel war es, ein Velo zu kaufen und damit ins Tessin zu fahren.

Benno Kästli ist Betreiber von Ferienjob.ch .

Autor: Monica Müller