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29. Februar 2016

«Alles ist möglich, sogar ein Präsident Trump»

Die Chancen für eine politische Umwälzung in den USA sind so gross wie seit 60 Jahren nicht mehr, sagt Martin Kilian, der seit 1981 Auslandskorrespondent in Washington ist und seinen neunten Präsidentschaftswahlkampf erlebt. Doch die Beharrungskräfte des Systems sollten nicht unterschätzt werden.

Martin Kilian
Verfolgt die US-Politik schon seit 35 Jahren: Auslandskorrespondent Martin Kilian.

Martin Kilian, angenommen Donald Trump wird im November Präsident. Wie würde sich das auswirken?

(lacht) Das wäre schon eine historische Zäsur. Man könnte dann nur hoffen, dass er sich mit hervorragenden Beratern umgibt, denn es fehlt ihm in verschiedenen Bereichen sehr offensichtlich an Erfahrung, etwa in der Aussenpolitik. Er mag ja gut darin sein, Deals abzuschliessen, aber mit der Führungsriege in Peking muss man anders verhandeln, als wenn man in New York einen Wolkenkratzer bauen will. Es würde vermutlich alles sehr chaotisch. Er hat zwar gezeigt, dass er lernfähig ist, inzwischen ist er manchmal sogar nett, aber wenn ich mir Trump im Weissen Haus vorstelle, wird mir schon etwas unwohl.

Aber könnte er dort überhaupt viel ausrichten? Das Parlament würde ihn zumindest innenpolitisch ausbremsen, so wie es das bei Obama auch immer getan hat.

Das ist richtig. Und das Gleiche gilt auch für manche der Versprechen, die der demokratische Kandidat Bernie Sanders derzeit macht. Eine Mauer an der mexikanischen Grenze wird es ebenso wenig geben wie eine neue staatliche Krankenversicherung, denn beides müsste vom Parlament gutgeheissen werden. Der Kongress wirkt als Korrektiv für radikale Ideen, so ist das System ursprünglich auch entwickelt worden. Im 100-köpfigen Senat kann eine Sperrminorität von 40 Personen alles blockieren. Daran ist ja auch Obama oft genug gescheitert. Das System ist deshalb äusserst schwerfällig – vielleicht nicht so sehr wie in der Schweiz, aber erheblich schwerfälliger als in anderen Demokratien.

Ist Trump überhaupt so rüpelhaft und rechts? Oder tut er nur so, weil er weiss, dass er damit die republikanische Vorwahl gewinnen kann? Es gibt ja die These, dass er danach den Kurs wechseln und zahmer würde, um so die Mitte zu gewinnen.

Durchaus möglich. Der rechte Flügel der Republikaner ist ihm gegenüber auch sehr misstrauisch – zu Recht. Schaut man sich Trumps politisches Leben an, hat er sich eigentlich immer eher in der Mitte bewegt. Er hat unter anderem die Abtreibungsfreiheit mehrfach verteidigt und ist gar mit den Clintons gut bekannt. Heute sagt er, er habe sich geändert. Aber wer bei solchen Fragen so locker die Meinung wechselt, kann das rasch auch wieder tun.

Es lässt sich nicht ausschliessen, dass die Republikanische Partei, wie sie heute existiert, an Trump zerbricht.

Es gibt sogar die Verschwörungstheorie, dass seine Kandidatur ein abgekartetes Spiel zwischen Trump und den Clintons ist. Ziel: die wahren Hardcore-Republikaner auszumanövrieren und vielleicht gar die Partei zu spalten.

(lacht) Davon habe ich auch schon gehört, aber das scheint mir nun eher unwahrscheinlich. Dennoch: Würde Trump tatsächlich die Nomination gewinnen, wäre eine Rebellion in der Partei durchaus möglich. Die wenigen Moderaten wären ebenso entsetzt wie die Parteirechte um die Tea Party und die Religiösen. Von daher lässt sich nicht ausschliessen, dass die Republikanische Partei, wie sie heute existiert, an Trump zerbricht.

Die anhaltende Zuneigung für die Aussenseiterkandidaten Trump und Sanders deutet auf eine tiefe Unzufriedenheit mit dem politischen System hin. Woran liegt das?

Die Gründe sind bei Republikanern und Demokraten andere. Seit den 80er-Jahren haben die Republikaner mit den Stimmen der Mittelschichten und der Religiösen Wahlen gewonnen, indem sie ihnen versprochen haben, ihre Werte zu verteidigen, Stichworte Guns, Gays, God. Auch wollte das republikanische Establishment gegen die illegale Einwanderung vorgehen. Nach dem Sieg haben sie dann jeweils den Reichen immer neue Steuersenkungen verschafft und in jeder Hinsicht jene begünstigt, die ohnehin schon privilegiert waren. Dieser Deal ist jetzt aufgeflogen. Vor allem die unteren Mittelschichten und die Religiösen haben die Nase voll, sie glauben den Versprechen des Establishments nicht mehr, weil die nie eingelöst wurden. Und sie erkennen ihr Land nicht wieder: Die weisse Bevölkerung wird zu einer Minderheit in den USA, Schwule und Lesben können heiraten, die Abtreibungsfreiheit ist immer noch da. Deshalb haben es die Establishment-Kandidaten Bush, Kasich und Rubio so schwer.

Und bei den Demokraten?

Unter Bill Clinton in den 90er-Jahren waren sie eine Partei der Mitte. Aber seither sind sie stets weiter nach links gerutscht, unter dem Eindruck der schweren Finanzkrise von 2008, aber auch weil sie sich von Obama mehr erhofft hatten. Studenten sind nach ihrem Abschluss mit fast 50’000 und mehr Dollar verschuldet, die Einkommensunterschiede werden immer krasser, eine Familie zu ernähren, wird immer schwieriger. Diese Wähler schauen sich Hillary Clinton an und verbinden sie mit all dem, was sie in den letzten Jahrzehnten nicht vorwärtsgebracht hat. Und da kommt nun dieser alte Senator aus dem ländlichen Vermont und verspricht, alles umzukrempeln und Wall Street an die Leine zu nehmen. Was soll Hillary da sagen? Sie hat über 600’000 Dollar für Reden verdient, die sie vor Managern von Goldman Sachs gehalten hat.

Die soziale Ungleichheit und der Freifahrtschein für die Reichen hängen beiden Seiten zum Hals raus.

Gibts Schnittmengen zwischen den Unzufriedenen von links und rechts?

Die soziale Ungleichheit und der Freifahrtschein für die Reichen hängen beiden Seiten gleichermassen zum Hals raus. Das Steuersystem hier ist völlig absurd. Jemand, der 10 Millionen Dollar auf der hohen Kante hat, zahlt prozentual oft weniger Steuern als jemand, der im Sekretariat eines Autohändlers arbeitet. In der Kritik am Wirtschaftssystem treffen sich die Unzufriedenen von links und rechts.

Schon in früheren Wahlkämpfen gab es radikale Kandidaten, die aber nie eine Chance hatten.

Vielleicht ist es diesmal anders. Das ist jetzt mein neunter Präsidentschaftswahlkampf, und ich habe noch nie etwas Vergleichbares erlebt. Alles ist möglich, und das ist extrem spannend. Die Chancen für eine politische Umwälzung in den USA sind höher als bei jeder anderen Wahl in den letzten 60 Jahren. Aber eben: Das System ist extrem träge, und das Establishment hat viele Tricks auf Lager.

Zum Beispiel?

Die Superdelegierten. Zwar hat Bernie Sanders die demokratischen Vorwahlen in New Hampshire mit über 20 Prozent Vorsprung gewonnen, bekommt aber keinen Wahldelegierten mehr als Hillary Clinton. Wie kann das sein? Ganz einfach: Alle Superdelegierten des Staats haben sich für sie ausgesprochen, das sind Amtsträger, die frei entscheiden können, wen sie unterstützen. Hinzu kommen die Seilschaften innerhalb der Parteien, die ja nicht nur in Washington sitzen, sondern auch in den Hauptstädten der einzelnen Bundesstaaten. Da gibt es enorme Beharrungskräfte, denen es immer wieder gelingt, Bewegungen innerhalb der Parteien auszubremsen. Der Tea Party ist es gelungen, das bei den Republikanern aufzubrechen und ein paar Geländegewinne in Teilstaaten zu erreichen. Das erhöht die Chancen bei den Republikanern, diesmal einen Nicht-Establishment-Kandidaten durchzubringen. Einen Sanders-Sieg bei den Demokraten kann ich mir nur vorstellen, wenn es ihm gelingt, klare Mehrheiten bei den Minderheiten anzusprechen, insbesondere bei den Afroamerikanern.

Trump bereitet dem republikanischen Establishment zwar Kopfschmerzen, aber notfalls könnte man mit ihm leben. Wirklich Angst macht ihnen der erzkonservative Ted Cruz.

Die grosse Überraschung ist ja, wie chancenlos Jeb Bush war.

Die amerikanische Abneigung gegenüber dynastischen Nachfolgeregelungen ist ein Problem für Jeb – ebenso wie für Hillary. Und seit der katastrophalen Präsidentschaft von George W. Bush ist dieser Familienname eine Bürde geworden. Erschwerend kam hinzu, dass Jeb politisch eingerostet ist. Er hat zwar verglichen mit Trump vernünftige Ideen, aber er war im Wahlkampf vorsichtig, wirkte ungelenk und schwerfällig. Trump bereitet dem republikanischen Establishment zwar Kopfschmerzen, aber notfalls könnte man mit ihm leben. Wirklich Angst macht ihnen der erzkonservative texanische Senator Ted Cruz. Der gibt sich als Superchrist, ist aber aus meiner Sicht der unchristlichste Kandidat von allen: Ein Mann, der gnadenlos denkt, unbarmherzig handelt und von Nächstenliebe keine Ahnung hat.

Hat nach Jeb Bushs Abgang Marco Rubio eine Chance?

Das wird sich ziemlich bald zeigen. Der Senator aus Florida ist ein Liebling des Establishments, eine Brandmauer gegen Ted Cruz und Donald Trump. Aber bislang hat er nur die Plätze zwei, drei und fünf belegt. Ein Teil der Bush-Wähler wird sicher zu ihm überlaufen, aber beileibe nicht alle - es gab ja ziemliche Reibereien zwischen Jeb und Rubio, da sich Jeb als Rubios Mentor von ihm verraten fühlte. Rubio hat durchaus seine Qualitäten, er wäre wahrscheinlich ein ernsthafter Konkurrent für Hillary im Herbst. Aber seine aggressive Aussenpolitik jagt mit ein wenig Angst ein. Ausserdem machen seine Pläne für weitere Steuersenkungen vor allem zu Gunsten der Begüterten keinen Sinn und würden die amerikanischen Defizite unweigerlich wieder nach oben treiben. Ich weiss, dass er für Hillarys Team nicht gerade eine Wunschgegner wäre - das ist eher Ted Cruz - , aber ich denke auch, dass der junge und unerfahrene Rubio ein bisschen überschätzt wird.

Die Republikaner werden sich in den nächsten zehn Jahren entweder neu orientieren müssen oder irrelevant werden.

Die Republikaner hatten ja nach der Niederlage gegen Obama 2012 analysiert, was sie besser machen müssen. Und vertreten nun trotzdem wie immer primär die Interessen weisser, alter, heterosexueller Männer. Wie lange können sie damit noch Wahlen gewinnen?

Nicht mehr lange, möglicherweise schon jetzt nicht mehr. Die Republikanische Partei gräbt sich ihr eigenes Grab. Die eigens eingesetzte Kommission machte nach der Niederlage 2012 sehr gute Empfehlungen, wie sich die Partei gegenüber Frauen, Schwulen, Latinos und anderen Minderheiten besser positionieren könnte, aber die werden vollkommen ignoriert. Statt sich zu öffnen, ist die Partei noch minderheitenfeindlicher geworden. Die Republikaner werden sich in den nächsten zehn Jahren entweder neu orientieren müssen oder irrelevant werden. Das Land verändert sich schnell, es wird bunter und diverser. George W. Bushs Berater Karl Rove hat schon vor Jahren gesagt: Wenn wir nicht mindestens 40 Prozent der Latinostimmen bei Präsidentschaftswahlen gewinnen können, haben wir keine Chance mehr, ins Weisse Haus zu kommen.

Martin Kilian in seinem Haus in Charlottesville (Virginia).
Martin Kilian in seinem Haus in Charlottesville (Virginia).

Würde Trump eine Niederlage bei den Vorwahlen akzeptieren, oder tritt er dann einfach als Unabhängiger an?

Er hat ja gesagt, so lange man ihn fair behandle, tue er das nicht. Aber ich kann mir vorstellen, dass er sich schnell mal unfair behandelt fühlt. Es ist absolut möglich, dass er als Unabhängiger antritt. Dasselbe gilt für den Milliardär Michael Bloomberg, den früheren Bürgermeister von New York. Wenn er sich als vernünftiger Kandidat der Mitte präsentieren könnte, hätte er vielleicht sogar eine Chance, wenn auch nur eine kleine. Und wenn wir drei Kandidaten haben, kann noch was ganz anderes passieren: dass nämlich keiner der drei die notwendigen 270 Wahlmännerstimmen erhält, die es braucht, um Präsident zu werden. In einem solchen Fall würde das derzeit republikanisch dominierte Repräsentantenhaus den Präsidenten wählen. So was gab es letztmals im 19. Jahrhundert.

Warum eigentlich hatten unabhängige Kandidaten bisher immer keine Chance?

Angenommen Bloomberg tritt an und gewinnt: Mit wem im Kongress würde er dann regieren? Er stünde Demokraten und Republikanern gegenüber, ohne eigene Hausmacht. Das wäre sehr schwierig. Die Wähler denken sich in so einer Situation meist: Lieber nicht, sonst wird das Chaos in Washington nur noch grösser. Aber vielleicht denken sie diesmal auch: Schlimmer kanns nicht mehr werden, diesmal wagen wirs!

Ist nicht das Zweiparteiensystem letztlich die Wurzel vieler politischer Probleme in den USA? Allen voran für die enorme Polarisierung und die politische Blockade?

Das kann man so sehen. Und das Mehrheitswahlrecht macht es dritten Parteien sehr schwer sich zu etablieren. Aber viele Amerikaner sind der Ansicht, das funktioniere besser als die endlosen Koalitionsdebatten in Europa. Das Problem ist vor allem, dass sich aus dem System ein Machtkartell herausgebildet hat, das frische Kräfte fernhält. Und das Wahlrechtssystem zu verändern, ist praktisch unmöglich.

Allein innerhalb der Republikanischen Partei finden sich so viele Strömungen, dass man daraus locker drei bis vier Parteien machen könnte. Warum passiert das nicht?

Die Parteien sind de facto Wählerkoalitionen, das führt zu einem gewissen Ausgleich, was dem politischen System bisher ganz gut bekommen ist. Andererseits werden nötige Reformen immer weniger durchsetzbar, weil sich die Republikanische Partei seit den 80er-Jahren so stark radikalisiert hat und extrem staatsfeindlich geworden ist. Es wäre wohl schon einfacher, wenn mehr Parteien da wären, die gemeinsam eine Mehrheit bilden könnten.

In diversen von Republikanern regierten Bundesstaaten werden Minderheiten und Arme systematisch vom Wählen abgehalten.

Die Präsidentschaftswahlen werden immer teurer und der Vorwurf immer lauter, dass sich da die Milliardäre einen Präsidenten kaufen, wenn sie nicht gleich selbst antreten wie Trump oder Bloomberg. Ex-Präsident Jimmy Carter hat das Land kürzlich ganz offiziell als Oligarchie bezeichnet. Hat das was? Oder ist Geld am Ende doch nicht alles?

Geld ist nicht alles, aber fast alles. Jimmy Carter hat recht. Die Wahlkämpfe sind wahnsinnig lang geworden, es fliessen ungeheure Summen, zum Teil von dunklen Hintermännern. Es hat sich eine Art der Demokratie entwickelt, die eigentlich ein Witz ist. Umso absurder, dass die USA sich gleichzeitig in der Welt als demokratisches Vorbild und Lehrmeisterin aufspielen. Noch schlimmer finde ich, dass es immer neue Hindernisse zur Ausübung des Wahlrechts gibt. In diversen von Republikanern regierten Bundesstaaten werden Minderheiten und Arme mit zusätzlichen Hürden systematisch vom Wählen abgehalten. Ich finde das alles sehr verstörend und einer grossen Demokratie unwürdig.

Falls Hillary am Ende doch gewinnt, dürfte sie so ähnlich weitermachen wie Obama. Aber fast alle Republikaner versprechen, so ziemlich jeden Fortschritt unter Obama rückgängig zu machen – in welchen Bereichen könnten sie das tatsächlich?

Sie könnten alle Exekutivanordnungen rückgängig machen, den Atomvertrag mit dem Iran, die neuen Umweltregulierungen, einige Reformen im Justizsystem und sogar die neue Krankenversicherung. Aber leicht wäre das nicht. Angenommen Marco Rubio wird gewählt und zerreisst den Vertrag mit dem Iran – das gäbe einen gewaltigen internationalen Aufschrei, und die Europäer und die Russen würden das vielleicht einfach ignorieren. Und würde er ernsthaft 15 Millionen armen Amerikanern ihre Krankenversicherung wieder wegnehmen? Für mich ist das weitgehend Wahlkampfgetöse, mehr nicht. Die Republikaner wollten auch jahrelang die Social Security, also die staatliche Rente, wieder abschaffen, die Präsident Roosevelt in den 30er-Jahren eingeführt hat – als sie die Möglichkeit gehabt hätten, es zu tun, taten sie es nicht. Modifizieren ja, abschaffen nein.

Ist die Ankündigung, Obamas Ernennung eines neuen Supreme-Court-Richters bis nach den Wahlen zu blockieren auch nur Wahlkampfgetöse? Oder könnten die republikanischen Senatoren das durchziehen?

Nein, das ist mehr als Getöse. Ich glaube, der Tod des Bundesrichters Antonin Scalia wird schwerwiegendere Konsequenzen haben, da die hauchdünne konservative Mehrheit bei vielen höchstrichterlichen Entscheidungen nun in Gefahr ist. Wenn Präsident Obama einen liberal-demokratischen Nachfolger für Scalia ernennt, werden die Senatsrepublikaner, die diese Ernennung ja bestätigen müssen, auf Biegen und Brechen blockieren und auf Zeit spielen in der Hoffnung, dass ein Republikaner im November die Präsidentschaftswahl gewinnt – und dann einen konservativen Richter nominiert. Das ganze Theater wird die Atmosphäre in Washington noch mehr vergiften und voll in den Wahlkampf hineinspielen.

Ich werde Barack Obama vermissen.

Obama wurde 2008 geradezu als Messias ins Amt gewählt und konnte an den hohen Erwartungen nur scheitern. Trotzdem hat sich während seiner beiden Amtszeiten viel getan und verbessert. Was für eine Bilanz ziehen Sie?

Im Grossen und Ganzen eine positive. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir einen so ehrenhaften, aufrichtigen und skandalfreien Präsidenten in absehbarer Zukunft nochmals bekommen werden. Ich bin keineswegs mit allem einverstanden, was er gemacht hat, er war vielfach zu zögerlich, die Wall Street hat er nach 2008 viel zu freundlich behandelt, da hätten Köpfe rollen sollen. Und er hat zu Beginn ernsthaft geglaubt, er könne die Polarisierung zwischen Demokraten und Republikanern überwinden, indem er auf die Republikaner zuginge. Das hat ihn viel Zeit gekostet. Obama hat aber angesichts der republikanischen Totalopposition getan, was möglich war, und er hat es mit Augenmass getan. Es war insgesamt eine erfolgreiche Präsidentschaft, auch wenn er wohl seinen Friedensnobelpreis nicht verdient hat und vieles unerledigt bleibt. Wie erfolgreich er war, kann man auch daran messen, wie verhasst er beim rechten Flügel der Republikaner inzwischen ist. Klar ist: Ich werde Barack Obama vermissen.

Die Republikaner ziehen eine dezidiert negative Bilanz. Ist das einfach wahltaktisches Kalkül, oder glauben sie das wirklich?

Sie glauben das wirklich, weil sich aufgrund der starken Polarisierung zwei völlig unterschiedliche Informationssysteme herausgebildet haben. Wer als republikanischer Wähler tagein, tagaus Fox News schaut, das «Wall Street Journal» liest und die Talk-Radios von Rush Limbaugh oder Glenn Beck hört, der lebt in einem finsteren, beängstigenden Paralleluniversum zur Realität. Republikaner und Demokraten bewegen sich zunehmend in einem völlig anderen Informationskosmos, deshalb ist die Verständigung zwischen den Lagern immer schwieriger geworden.

Es bilden sich in den USA quasi zwei Volksgruppen mit völlig unterschiedlichen Weltsichten und Wertesystemen heraus, die irgendwie zusammenleben müssen.

Erschwerend kommt hinzu, dass diese Fronten mehr und mehr auch geografisch existieren. In nahezu allen kreativen Metropolen und Universitätsstädten wohnen fast nur Demokraten – nicht mal die texanischen Grossstädte werden von den Republikanern kontrolliert. Sie leben in zweitrangigen Städten wie Wichita in Kansas oder Greenville in South Carolina, sie leben auf dem Land, in Kleinstädten und in den Vororten der Metropolen. Die Demokratie und die Lösung von Problemen leiden unter dieser enormen Polarisierung. Das macht mir mehr Sorgen als alles andere.

Die USA sind eine Maschine der ewigen Selbstverbesserung. Manchmal gibt es Umwege, doch bis jetzt hat das Land den Dreh noch immer gekriegt.

Und eine Lösung ist nicht in Sicht, oder?

Doch, ich denke schon. Die demografische Entwicklung wird das früher oder später entspannen. Das Land wird immer bunter und diverser, das wird für mehr Ausgleich und neue Lösungen sorgen. Gerade der Süden, die Hochburg der Republikaner, wird immer stärker von Latinos besiedelt, dadurch wird dort Bewegung reinkommen. Ich bin da durchaus optimistisch. Bis es so weit ist, kann es vielleicht hart werden und noch ein paar üble Überraschungen geben. Aber im Grunde sind die USA eine Maschine der ewigen Selbstverbesserung. Manchmal dauert es lange, und es gibt Umwege, doch bis jetzt hat das Land den Dreh noch immer gekriegt.

Eigentlich steht das Spektakel der Präsidentschaftswahlen in keinem Verhältnis zur realen Macht des Präsidenten, nicht?

Das kommt darauf an. Wenn der Präsident wie Obama in den letzten sechs Jahren einem oppositionellen Parlament gegenübersteht, dann sind seine Möglichkeiten innenpolitisch in der Tat beschränkt. Aber es könnte ja auch mal passieren, dass im Kongress die gleiche Partei dominiert, die auch im Weissen Haus sitzt – dann hat der Präsident eine enorme Macht. Umso mehr, wenn auch der Supreme Court in die gleiche Richtung neigt. Ganz nebenbei ist er auch noch Oberbefehlshaber der mächtigsten Armee des Planeten. Noch viel wichtiger aber ist die Symbolkraft dieses Amts. Der US-Präsident hat eine ungeheure Ausstrahlung, auch international. Er besitzt eine Kanzel, von der er predigen kann wie kein anderer Politiker dieser Welt.

Der normale europäische Politiker würde hier schon in den Vorwahlen sang- und klanglos untergehen.

Deshalb wird so hart um das Amt gefochten?

Das ist einer der Gründe. Hinzu kommt, dass jene, die sich um das Amt bewerben, Egos haben, so gross wie Zeppeline. Das muss man wohl auch, um die Tortur eines 18-monatigen Wahlkampfs durchzustehen. Jeden Tag dieselbe Rede halten müssen, jeden Tag dasselbe schlechte Essen, jeden Tag Leute umarmen, in Kameras lächeln ... der normale europäische Politiker würde hier schon in den Vorwahlen sang- und klanglos untergehen.

Sie schreiben seit Anfang der 80er-Jahre über US-Präsidentschaftswahlen. Was hat sich verändert? Was ist noch immer gleich?

Verändert hat sich die Art, wie Geld eingesetzt wird: immer mehr aus immer undurchsichtigeren Quellen. Verändert hat sich die Technologie: die sozialen Medien, der Einsatz von Datenanalyse – man weiss immer genauer, wen man wie am besten ansprechen kann. US-Wahlstrategen sind als Wahlhelfer in aller Welt gefragt. Gleich geblieben ist der Zirkus an und für sich. Und dass es immer noch möglich ist, den Kandidaten während der Vorwahlen persönlich zu begegnen, manchmal gar mit ihnen zu sprechen. Für mich war es zum Beispiel ein prägendes Ereignis, als ich 2008 Barack Obama in Chariton erlebt habe, einer ländlichen Gemeinde in Iowa. Er sprach im alten Eisenbahndepot, dem grössten Saal des Orts. Das Publikum bestand aus älteren, weissen Farmern – und zu sehen, wie dieser afroamerikanische Intellektuelle diese Leute nach 10 Minuten in der Hosentasche hatte, das war phänomenal. Ich ging da raus und war überzeugt, dass er eine Chance haben könnte, Präsident zu werden.

Der «American Dream», die Idee, dass es jeder mit harter Arbeit zu etwas bringen kann, ist praktisch tot.

Wie hat sich das Land seither verändert?

Die Ungleichheit der Vermögen ist enorm gewachsen, gleichzeitig ist die Chancengleichheit gesunken. Wer arm geboren wird, der wird das ziemlich sicher bleiben. In kaum einem westlichen Industrieland sind die Aufstiegschancen heute so schlecht wie in den USA. Der «American Dream», die Idee, dass es jeder mit harter Arbeit zu etwas bringen kann, ist praktisch tot. Die Polarisierung ist viel schlimmer geworden. Vielleicht das Traurigste: Die Lebenserwartung von Männern und Frauen aus der unteren Mittelschicht sinkt wegen Drogen, Alkoholmissbrauch und Selbstmord – eine in westlichen Gesellschaften noch nie erlebte Entwicklung. Aber es gibt auch viel Positives: Die bessere Anerkennung von Minderheiten, von Afroamerikanern bis hin zu Schwulen, Lesben und Trans-Menschen. Die Kreativität der Gesellschaft ist ungebrochen hoch, überall auf der Welt nutzt man US-Technologieentwicklungen. Und wer mit einer guten Idee wirklich Geld machen will, kann das nirgends so gut wie hier.

Der langjährige US-Politbeobachter wagt zum Ausgang des Wahlkampfs noch keine Prognose.
Der langjährige US-Politbeobachter wagt zum Ausgang des Wahlkampfs noch keine Prognose.

Die USA sorgen sich ja auch stets um ihre Vormachtstellung in der Welt, ist die gefährdet?

Natürlich. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war eine einmalige Situation: Nach dem Zweiten Weltkrieg überragten die USA den Rest der Welt, das «amerikanische Jahrhundert» war in vollem Gange. Doch nicht einmal damals konnte sich die Weltmacht überall durchsetzen, siehe Vietnam. Jetzt haben es die Vereinigten Staaten mit China sowie der immer selbstbewusster und aggressiver agierenden Kreml-Führung zu tun – und ausserdem mit asymmetrischen Gefahren wie dem islamistischen Terror. Selbst das riesige Pentagon-Budget bietet keine Gewähr für militärische Erfolge, wie die Kriege im Irak und in Afghanistan gezeigt haben. Washington wird bei internationalen Konflikten noch mehr als bisher auf multilaterale Lösungen setzten müssen – auch wenn das Konservativen sauer aufstossen wird.

Sie sind seit 2008 auch selbst Amerikaner. Was bedeutet Ihnen das?

Europa liegt mir immer noch am Herzen, aber ich fühle mich schon als Teil dieses Landes: Immerhin lebe ich schon über 40 Jahre hier. Auch meine Töchter fühlen sich als Amerikanerinnen, obwohl sie beide Pässe haben. Und das Land hat durchaus auf mich abgefärbt. Ich verstehe zum Beispiel mittlerweile, warum Leute, die jagen gehen, auf ihr Recht auf Waffenbesitz pochen. Es stört mich nicht, wenn jemand Jagdgewehre hat, problematisch finde ich Revolver oder Schnellfeuerwaffen.

Sie dürfen auch wählen. Wen von den Präsidentschaftskandidaten hätten Sie persönlich gerne?

Bei den Republikanern gefällt mir John Kasich am besten, der Gouverneur von Ohio. Er hat die Staatsfinanzen erfolgreich reformiert, die Arbeitslosenrate ist tief, er hat mit Augenmass regiert und immer wieder betont, dass man Verantwortung trägt für jene, die nicht so viel Glück haben wie man selbst. Bei den Demokraten habe ich zwar gewisse Sympathien für Bernie Sanders, kann mir aber nicht vorstellen, dass er einhalten kann, was er verspricht. So gesehen wird es dort also Hillary Clinton sein, auch wenn ich nur mässig glücklich bin mit ihr. Ich finde es absurd, dass ich jemanden wählen soll, die ich schon 1988 beim Auftritt ihres Mannes, dem damaligen Gouverneur von Arkansas, erstmals beim demokratischen Präsidentschaftskongress in Atlanta gesehen habe. Bis zur eigentlichen Wahl können sich meine Präferenzen aber durchaus noch ändern.

Auch 2008 hätte ich zu diesem Zeitpunkt keine Prognose gewagt.

Welcher Präsidentschaftskandidat wäre für die Beziehungen zur Schweiz und nach Europa der beste?

Am besten würde Europa wohl mit Hillary Clinton oder John Kasich fahren. Beide sind vergleichsweise berechenbar. Bei Hillary stört mich allerdings ihr Hang zu Interventionen. Es war sie, die den zaudernden Obama überredete, den von London und Paris angezettelten Schwachsinn in Libyen zu unterstützen.

Und wer gewinnt am Ende nun tatsächlich?

Das kann jetzt noch niemand voraussagen, das Rennen ist absolut offen. Auch 2008 hätte ich zu diesem Zeitpunkt keine Prognose gewagt, es ist alles zu sehr im Fluss. Im Moment ist noch fast alles möglich, sogar ein Präsident Trump.

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Stephen Voss