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20. August 2012

«Sogar die allerbesten Schüler nehmen Nachhilfestunden»

Ein Gespräch zum Thema Nachhilfe mit Stefan Wolter, Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF) in Aarau.

Ein Gespräch zum Thema Nachhilfe mit Stefan Wolter, Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF) in Aarau. (Bild: zVg.)
Ein Gespräch zum Thema Nachhilfe mit Stefan Wolter, Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF) in Aarau. (Bild: zVg.)

Stefan Wolter (46) ist Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF) in Aarau. Er hat soeben die Studie «Untersuchung zu bezahlter Nachhilfe in der Volksschule auf der Basis einer Spezialerhebung im Rahmen von PISA 2009» veröffentlicht.

Herr Wolter, soeben haben Sie eine Studie publiziert, derzufolge jeder dritte Jugendliche der Oberstufe Nachhilfestunden nimmt – wie kommt das?

Die Zahlen sind tatsächlich enorm. Allerdings ist Nachhilfe offensichtlich ein städtisches Phänomen — dort wollen deutlich mehr Kinder ans Gymnasium als auf dem Land, wo die Lehre noch einen höheren Stellenwert hat.

Versagt denn die Schule in der Vorbereitung?

Nein, das hängt mit der Maturaquote zusammen, die in den Deutschschweizer Kantonen seit Jahren auf 20 Prozent angesetzt ist. Drängen nun 25 Prozent der Schüler ans Gymnasium, kann die vorbereitende Schule noch so gut sein — dann wird es eng. Dann nehmen sogar die allerbesten Schüler Nachhilfestunden, um gegen die grosse Konkurrenz zu bestehen.

Wir haben ein ausgezeichnetes Lehrlingsausbildungssystem – warum wollen trotzdem alle ans Gymnasium?

Viele Eltern sehen das Gymnasium immer noch als optimale Schulausbildung. Dabei ist es heute nur ein Weg — und nicht einmal unbedingt der beste: Mit Lehre und Berufsmaturität sind Jugendliche oft sogar besser gerüstet, sie sind in einem Beruf fertig ausgebildet und haben Zugang zu allen Fachhochschulen. Viele Eltern kennen diesen Weg noch zu wenig, deshalb möchten sie ihre Kinder ausschliesslich am Gymnasium sehen.

Nachhilfeunterricht ist teuer – wo bleibt die soziale Gerechtigkeit?

Tatsächlich sind begüterte Familien im Vorteil, wie unsere Untersuchung zeigt. Zudem zeigt die Analyse, dass es auch eine Frage der Gewichtung ist. Besser gebildete Eltern haben auch höhere Bildungsaspirationen und sind deshalb bereit, mehr Geld für Nachhilfe auszugeben.

Beurteilen Sie Nachhilfeunterricht als sinnvoll?

Wird Nachhilfe dafür verwendet, um allfällige Wissenslücken zu stopfen, dann kann sie sehr effizient und hilfreich sein. Und wenn jemand den Erklärungsweg eines Lehrers nicht nachvollziehen kann, hilft ein anderer Ansatz ebenfalls weiter. Chronischer Nachhilfeunterricht ist jedoch eher ein Alarmzeichen.

Autor: Claudia Weiss