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23. Dezember 2013

«Sofort!»

Fährt Ihnen diese TV-Werbung auch so ein? Ein kleiner Bub sitzt auf einer Schaukel und ruft: «Papi, chunnsch cho aagäh?» Der Vater, am Gartentisch ins Aktenstudium vertieft, antwortet: «Sofort, Marco!», bleibt sitzen … Und als er sich dann endlich aufmacht, sitzt auf der Schaukel ein herangewachsener, zorniger junger Mann, dem die Kinderkleider aus allen Nähten platzen, und schnaubt: «Papi! Sofort gaht andersch!»

Kinder am Grittibänz-bachen (man sieht nur die Hände und den Teig).
«Kinder kennen nur das Hier und Jetzt.»

Oft antworte ich, zu den Unterschieden von Büro- und Hausarbeit befragt, im Job könne man jederzeit «Wart rasch!» oder «Kann ich zurückrufen?» sagen – Kinder hingegen kennten nur das bedingungslose Hier und Jetzt. Und sie hätten ein Anrecht auf ungeteilte Aufmerksamkeit. Das macht den Alltag mit Kindern so sauschön intensiv und zuweilen so anstrengend. «Chume grad!» geht nicht, alles muss sofort sein. Wenn sie im Wohnzimmer ein Kunststück vollführen und «Lueg!» krakeelen, wenn sie auf dem Sofa einen Marienkäfer entdecken – «Vati, es Himmugüegeli!» –, wenn sie auf dem WC sitzen oder ihre Gutenachtgeschichte heischen, immer muss man gleich zur Stelle sein, sonst hat man etwas verpasst.

Kinder kennen nur das Hier und Jetzt.

Gewiss, ich habe im Jahr, das zur Neige geht, viel Zeit mit den Kindern verbracht, trage viele Augenblicke im Herzen, die grossen genauso wie die kleinen, unscheinbaren. Anna Luna und Hans in heller Aufregung, weil sie beim Schnorcheln an der Côte d’Azur einen Tintenfisch entdeckt haben. «Lueg, Mueti! Vati, chumm!» Anna Luna und ich auf der winzigen Tribüne des Quartierstadions, von lauter Fans des gegnerischen Erstligisten umgeben, mit unseren YB-Schals ausgestellt wie Ausserirdische. Hans und ich im Elektronikmarkt, streunend und staunend, stundenlang. Die Kinder und ich auf dem Snowboard in der Bündner Sonne, und alles stimmt: Laune, Wetter, Schnee. Wir zu viert beim Kerzenziehen, wir en famille im besten Burger-Restaurant der Stadt, wir vier auf dem Vita-Parcours, wir am scrabblen (und der Grossätti verblüfft uns alle mit dem Wort «Posttaxentarif»), wir am Grittibänzebacken, wir fläzend in der Stube, wie wir uns wieder mal die «Ocean 13»-DVD ansehen, wir am Küchentisch, und die Kinder loben mein Musaka. Ja, wir haben trotz Schule und Beruf und Sport und eigenen Freundeskreisen und Verpflichtungen viel Zeit miteinander verbracht. Aber nicht genug Zeit, denn es ist nie genug – kein verpasster Augenblick mit Kindern kommt je wieder. Deshalb wohl trifft der Fernsehspot mit dem enttäuschten Buben auf der Schaukel mich so empfindlich. Wofür wirbt er überhaupt? Habs vergessen. Für irgendeinen rasanten Internetdienst?

Schon eigenartig, dachte ich, als ich wie jedes Jahr für eine Freundin und einen Freund meine liebsten Songs des Jahres zusammentrug: Holly Williams, Tony Joe White, Natalie Maines, Norah Jones … Heute ist solch eine persönliche CD am Laptop in Windeseile zusammengestellt und gebrannt; früher dauerte es Stunden, die Lieder vom Plattenspieler auf Kassette zu überspielen. Alles ging früher länger – und doch haben wir heute so viel weniger Zeit. Zu Weihnachten will ich mich bei den Kindern für jedes «Chume grad!» entschuldigen, das ich in diesem Jahr gesagt habe, und dürfte ich wünschen, ich wünschte mir Zeit. Noch mehr gemeinsame Zeit.

Und wenn meine Liebste und ich dann das Weihnachtsmenü servieren und die Kinder zum Essen rufen, werden sie vermutlich zur Antwort geben: «Chume grad!»

Bänz Friedli (48) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.


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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli