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01. Mai 2017

Social-Media-Nutzer als Videopolizisten

Mit einem Livevideo auf Social Media können wir Zeugen von Geschehnissen in der ganzen Welt werden. Das kann spannend sein oder schockierend. Die Verantwortung liegt bei uns, wenn es darum geht, problematische Inhalte zu melden.

Eine Frau erstellt am Strand mit dem Smartphone ein Livevideo
Freunde und Fremde via Social Media am Leben und manchmal auch Sterben teilhaben lassen: Das geht mit der Livefunktion.

Es genügt ein Smartphone mit Internetverbindung, um in Echtzeit Videos an seine Freunde und Follower verschiedener Social-Media-Apps zu senden. Nach Periscope und Instagram bietet nun auch Facebook Livevideos an.

«Der Trend geht eindeutig weg vom perfekt editierten Werbevideo hin zu einer rohen, alltäglichen Form», sagt Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Denn ein Livevideo kann weder geschnitten noch nachträglich vertont werden: Es passiert alles live. «Dies ermöglicht es den Leuten, sich selbst zu sein», sagt Zuckerberg. Gleichzeitig können alle Zuschauer zur exakt selben Zeit Kommentare zum Video abgeben.

Bei Facebook kann auf einer Weltkarte geschaut werden, wo gerade jemand ein Livevideo sendet, so werden wir Zeugen von Geschehnissen rund um die Welt.

Dies birgt allerdings auch die Gefahr, dass Menschen mit bösen Absichten Livevideos erstellen – wie zuletzt ein Mann aus Thailand, der live den Mord an seiner Tochter und anschliessend seinen Suizid dokumentierte. Bisher sind die Algorithmen von Facebook nicht in der Lage, problematische Inhalte zu erkennen und die Videoübertragung zu stoppen. Stattdessen sollen Nutzer schnell und effizient Beiträge melden.

Medienpsychologin Isabel Willemse findet dieses Vorgehen gut, zeigt aber auch dessen Grenzen auf. Ein Abstellen des Livevideodienstes kommt für Facebook allerdings nicht infrage. «Wir befinden uns im goldenen Zeitalter von Onlinevideos», sagt Zuckerberg.

«Es ist unmöglich, immer zu kontrollieren, ob die Videos potenziell gefährlich sind»

Isabel Willemse (34) ist Forscherin und Therapeutin mit Schwerpunkt Medienpsychologie am Departement Angewandte Psychologie der ZHAW
Isabel Willemse (34) ist Forscherin und Therapeutin mit Schwerpunkt Medienpsychologie am Departement Angewandte Psychologie der ZHAW. (Bild zVg)

Isabel Willemse (34) ist Forscherin und Therapeutin mit Schwerpunkt Medienpsychologie am Departement Angewandte Psychologie der ZHAW. (Bild zVg)

Facebook spricht vom goldenen Zeitalter der Videos – die Zahl der Filme und Zuschauer steigt rasant. Auch in der Schweiz?

Ja. Wir führen alle zwei Jahre die James-Studie durch, in der die Mediennutzung von Jugendlichen untersucht wird. Und die haben in den letzten Jahren immer mehr ­Videos geschaut – als Informationssuche für die Schule oder auch privat und zur Unterhaltung.

Wie gross ist dabei der Anteil von Livevideos?

Bisher sehr gering. Zur Nutzung haben wir keine konkreten Zahlen, aber bei der Verbreitung der Videos sind es gerade mal 4 Prozent der Jugendlichen, die mindestens einmal pro Woche ein Video erstellen. 82 Prozent machen es gar nie.

Welche Bedürfnisse werden mit solchen Videos befriedigt?

Bei denen, die selbst produzieren, geht es wohl vor allem darum, etwas sofort teilen zu können und gleichzeitig mit den Zuschauern zu interagieren. Diese wiederum können direkt kommentieren, Fragen stellen oder mit Emojis sagen, was sie vom Clip halten. Als Fan kann man ein Livevideo seines Idols anschauen. Interessiert man sich für ein bestimmtes Thema, kann man etwa über ein Video von Reisen im Ausland oder bei Sportereignissen dabei sein. Newsvideos sind eine Chance für Redaktionen, unmittelbar zu berichten.

Die Qualität der Livevideos ist oftmals nicht die beste. Machen wir also einen Rückschritt?

Man muss unterscheiden zwischen der Qualität der Produktion und der des Inhalts. Erstere ist zwar nicht so hoch wie bei einem vorproduzierten Video, dafür wirkt es authentischer. Social Media macht eine Phase durch, in der vieles bis aufs Äusserste perfektioniert sein muss. Die Livevideos wirken dem entgegen. Sie suggerieren Nähe, was gerade bei Clips von Stars gut ankommt. Das andere ist die inhaltliche Qualität: Es ist schlicht unmöglich, immer zu kontrollieren, ob die Videos wahr, potenziell gefährlich oder gar verboten sind.

Man weiss, dass es mehrere Meldungen braucht, ehe irgendeine Alarmglocke läutet, weil es auch viele Falschmeldungen gibt.

Inzwischen wurden auf Facebook über 50 grauenvolle Taten live übertragen. Was müssten die Anbieter tun, um dies zu verhindern?

Das einfachste wäre natürlich, die Funktion abzustellen.

Das steht für Facebook aber nicht zur Diskussion. Stattdessen sollen die Nutzer illegalen Inhalt melden. Ist das der richtige Weg?

Ich glaube schon. Der Inhalt von Livevideos kann vom Anbieter nicht vorgängig geprüft werden, also ist der Anbieter auf die Meldungen der Nutzer angewiesen. Man weiss aber, dass es mehrere Meldungen braucht, ehe irgendeine Alarmglocke läutet, weil es auch viele Falschmeldungen gibt. Und auf der Nutzerseite geht es darum, etwas ­Illegales überhaupt zu erkennen und es dann auch zu melden – wenn die Möglichkeit dazu besteht.

Wie sollten Eltern dieses Thema mit ihren Kindern thematisieren?

Einer der wichtigsten Punkte hat nichts mit Medienerziehung zu tun, sondern beginnt viel früher: Es ist entscheidend, dass die Kinder zu den Eltern eine vertrauensvolle Beziehung haben, damit sie sich trauen, etwas Problematisches anzusprechen. Darum ist es wichtig, dass die Eltern schon zu Beginn der Internetnutzung dabei sind und mit den Kindern über die verschiedenen Möglichkeiten und Risiken sprechen.

Was sollte man beachten, wenn man ein Livevideo filmt?

Die grundlegende Netiquette einhalten: keine Menschen blossstellen, deren Persönlichkeitsrechte respektieren, wie Recht am eigenen Bild, keine Gewaltakte oder Pornografie filmen. Diese Grundregeln werden allerdings auch in normalen Posts auf Social Media oft missachtet.

Autor: Dinah Leuenberger