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25. Juli 2016

Bei Freunden unechte Freude zeigen?

Kolumnist Philipp Tingler beantwortet jede Woche eine Frage des modernen Benehmens. Diesmal: Muss man so tun, als gefielen einem die Sachen von Freunden?

so tun, als gefielen einem die Sachen von Freunden?
Muss man so tun, als gefielen einem die Sachen von Freunden?

«Eine bewährte Regel lautet: ‹Wenn du nichts Nettes sagen kannst, sag lieber gar nichts.›

Nichts zu sagen aber ist heikel, wenn Freunde stolz ihr neues Auto oder ein neues Paar Schuhe vorführen. Oder, noch heikler, wenn Sie was Selbstgemachtes bestaunen sollen, womöglich (am heikelsten) mit künstlerischem Anspruch. Etwa ein selbst gemaltes Aquarell.
Hier greift Regel Nummer 2: «Irgendwas Freundliches lässt sich immer sagen.»

Allerdings sind Ihre Freundschaftspflichten gefordert, wenn von Ihrem Urteil wichtige Entscheidungen abhängen.
Etwa, wenn Regula fragt: ‹Findest du, ich sollte meinen Job aufgeben und mich ganz der Aquarellmalerei widmen?› Falls Sie dies nicht finden, müssen Sie deutlich werden. Und diplomatisch bleiben. Schieben Sie es auf den Markt.
Weisen Sie auf Genies hin, die verarmt gestorben sind. Nur so ergibt van Goghs Schicksal Sinn.»

Autor: Philipp Tingler

Illustrationen: Andreas Klammt