Archiv
24. April 2017

Sneakerheads tragen Lifestyle an den Füssen

Sneakers sind mehr als nur schöne Turnschuhe. Manche Sammler besitzen Hunderte von Paaren in allen Variationen. Drei Sneakerheads erklären, warum sie von diesem Schuhwerk so fasziniert sind.

Über 100 Paar Sneakers gehören Francisco Garcia
Über 100 Paar Sneakers gehören Francisco Garcia. «Ich bringe meine Augen einfach nicht von den Schuhen weg», sagt er. «Es ist ein Lebensstil.»

Es gab eine Zeit, da kam keiner mit Turnschuhen am Tür­steher eines angesagten Nachtclubs vorbei. Das ist lange her. Sneakers, die stylische Version von Turnschuhen – häufig un­geeignet für den Sport – werden nicht nur von grimmigen Türstehern akzeptiert. Sie sind inzwischen zu Kultobjekten geworden, die weltweit das Erscheinungsbild der Strassen prägen.

Angefangen hat alles vor ungefähr 150 Jahren. Damals tauchte in den USA das Wort Sneaker zum ersten Mal auf. Es geht auf «to sneak up on» zurück, zu Deutsch sich an jemanden heranschleichen. Kinder nannten ihre Schuhe wegen der Gummisohlen Sneakers, eben, weil sie damit gut schleichen konnten. Das kann man heute zwar immer noch, aber die anhaltende Begeisterung für das Schuhwerk hat ganz andere Gründe.

Stars aus der internationalen Sport- und Musikszene haben Sneakers salonfähig und begehrenswert gemacht. Marken wie Nike, Adidas oder Asics bringen Modelle mit den Namen der Berühmtheiten heraus oder lassen welche von ihnen entwerfen. Facebook und Instagram befeuern den Hype. Auch die Schweiz hat eine lebendige Sneaker-Szene. Viele der Fans hier können sich teure, angesagte Modelle leisten. Manche von ihnen besitzen gleich mehrere hundert Paare der bunten Schuhe. Zwei Sammler und eine Sammlerin, sogenannte Sneakerheads, haben dem Migros-Magazin ihre Sneakers gezeigt und erklärt, was sie daran so fasziniert.

Francisco Garcia: EIN TICK

Das Wohnzimmer des 39-jährigen Dübendorfers könnte ein gemütlicher Sneakerladen sein. In zwei Regalen stehen Dutzende von Paaren, am Boden türmen sich Schuhschachteln. Über 100 Paare besitzt er zurzeit. Über 150 hat er kürzlich verkauft. «Es gab ein Platzproblem», sagt Garcia. Auch seine Freundin besitzt knapp 100 Paare.

Es war der Basketballspieler Michael Air Jordan, der Garcias Leidenschaft entfachte. Garcia war 13 Jahre alt, als Jordan 1991 die «6er Jordan Maroon» von Nike trug. Basketballfan Garcia war elektrisiert, und wollte die Schuhe haben. Doch «man bekam sie in Zürich nicht». Garcia hatte Glück. In den Ferien in Spanien entdeckte er die «6er Jordan». Seither kamen Jahr für Jahr neue dazu. Garcia sagt: «Es ist ein Tick. Ein Lebensstil. Die Materialien, die Farbkombinationen. Sneakers kannst du perfekt kombinieren.»

Garcia besitzt vor allem Paare von Nike, Adidas und Asics. «Schön ist, dass sie nicht an Wert verlieren. Wenn du sie heute für 200 Franken kaufst und pflegst, kannst du sie in vier Jahren wieder für den gleichen Preis verkaufen», sagt Garcia. Er präsentiert seine Sammlung auf Instagram. Rund 20'000 Fans folgen ihm. Deshalb ist er auch für Hersteller interessant. «Manche schicken mir Sneakers und fragen, ob ich sie tragen und fotografieren  könne», sagt Garcia. Das macht er gern, bleibt dabei seinem Geschmack aber treu.

Marken: Nike, Adidas, New Balance

Schuhgrösse: 43/44

Erstes Paar: Nike Airforce One

Wertvollstes Paar: Nike Airmax 1 Patta

Holy grail: Nike Oceania ll 1986

Instagram: elzapatillaztio

Bettina Studer: FAST EINE SUCHT

Ihre Liebe zu Sneakers könnte die 31-jährige Zürcherin irgendwann das Leben kosten. Dann, wenn es in ihrer Wohnung mal brennt. «Ich könnte mich nicht entscheiden, welche Sneakers ich retten möchte, und würde wohl an einer Rauchvergiftung sterben», sagt sie und lacht. Etwa 200 Paare besitzt sie. In ihrem begehbaren Sneaker-Zimmer stapeln sich Schuhkartons, die Lieblingsmodelle stehen auf einem Regal. «Freunde haben mich schon gefragt, ob ich süchtig sei.»

Ein Sneaker-Junkie sei sie nicht, ein Sneakerhead schon. «Ich kaufe nicht dauernd neue Schuhe. Ein Preis von über 500 Franken ist für mich ein No-Go», sagt Studer. Sie stöbere lieber im Internet und nutze ihre Kontakte. Die Schrift- und Reklamegestalterin hat sich auf Vintage-Modelle, also ältere Turnschuhe, spezialisiert: «Mich fasziniert, dass sie eine Geschichte haben.»

Studers Leidenschaft begann mit 15, als sie sich das erste Paar «Adidas Superstar» kaufte. «Ich war und bin Teil der Hip-Hop-Kultur. Da gehören Sneakers einfach dazu, sie trage fast ausnahmslos welche. Das letzte Mal, dass sie High Heels anhatte, war an einer Hochzeit. Als Frau sei es mit ihrer Schuhgrösse nicht immer einfach, passende Sneakers zu finden. «Die Sneakerwelt wird schon von Männern dominiert. Es kommen aber immer mehr Frauen dazu. Mittlerweile kenne ich Sammlerinnen aus ganz Europa, mit denen ich mich austausche.»

Sammel-Spezialgebiet: Vintage und Limited Editions

Lieblingsmarken: Nike, Asics

Schuhgrösse: 37,5

Erster Sneaker: Adidas Superstar

Wertvollstes Paar: Ronnie Fieg x Asics Gel Lyte III «Flamingo»

Holy Grail: Air Skylon II

Instagram: tiizh

Claudio Fuchs: WAHRE LIEBE

Die Sammelleidenschaft des 24-jährigen Zürchers nahm im Militär Fahrt auf. «Ich war Durchdiener, hatte Zeit und genug Geld, im Internet seltene Sneakers zu suchen.» Fuchs bestellte sie direkt in die Kaserne. «Das kam beim Kommandanten nicht so gut an.» Mittlerweile werden die Schuhe zu ihm nach Hause geliefert. Der junge Mann besitzt 200 Paare. Die schönsten Exemplare stehen auf einem Regal über seinem Bett. «Mir geht es beim Sammeln nicht darum, zehn krass teure Paare zu besitzen, sondern um den emo­tionalen Wert», sagt Fuchs. Leider sei der Trend, limitierte Sneakers wie die des Rappers Kanye West zu kaufen und sie mit Gewinn weiterzuverkaufen.

«Mein Lieblings­sneaker, der Nike Women Outburst, hat mich schon um die halbe Welt begleitet. Es ist mein schönstes Vintage-Paar, und schwer zu finden, da es ein Damenmodell ist, das kaum in grossen Grössen produziert wird. Obwohl es bald 30 Jahre alt ist, hält es noch immer. Es ist eines meiner bequemsten Paare und ich werde es nie verkaufen.» Für andere Paare könnte Fuchs 600 bis 700 Franken verlangen. «Aber ich will damit kein Geschäft machen.» Sein Geld verdient Fuchs als Rezep­tionist in einem Hotel. Seine Modelle zeigt er auf Instagram, wo ihm über 30 000 Fans folgen. Deshalb schicken Firmen ihm ihre neuen Modelle gratis, damit er sie fotografiert und teilt. Das macht er. Danach trägt oder verschenkt er sie. «Sneakers gehören auf die Strasse und nicht in einen Schrank.»

Sammel-Spezialgebiet:

ausgefallene Paare, Vintage-Schuhe

Lieblingsmarken: Nike, Adidas, Reebok

Schuhgrösse: 42,5

Erster Sneaker: Nike Air Force One Safari 08

Wertvollstes Paar: Nike Mayfly Marketing 1 of 4 Sample

Holy Grail: Nike Outburst

Instagram: needlehorse

Autor: Andreas Bättig

Fotograf: Michael Sieber