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19. August 2013

Smart gespickt ist nicht ganz gewonnen

Viele Schüler betrügen bei Prüfungen mit dem Smartphone. Der direkte Gewinn sind zwar gute Noten, doch langfristig lohnt sich der Beschiss nicht. Engagierte Lehrer gehen dagegen an – nicht aus Prinzip, sondern im Interesse der Schüler.

Illustration einer Schülerin, die mit dem Smartphone spickt
Das Smartphone ist in der Schule allgegenwärtig, auch als Mittel zum Betrug bei Prüfungen. (Illustration: Melk Thalmann)

Der Französischtext ist fast fertig übersetzt, aber vier, fünf Wörter kommen der 18-jährigen Liliane Hostettler (alle Namen von Schülerinnen und Schülern von der Redaktion geändert) beim besten Willen nicht in den Sinn. Ein kurzer Blick in Richtung Lehrerin, ein rascher Griff zum Smartphone: Routiniert klemmt die Berner Gymnasiastin das Gerät zwischen ihre Knie und tippt die Vokabeln ein, am Ende der Stunde liefert sie eine vollständige Prüfung ab — Smartphone sei Dank.

DIE SPICK-VORBEREITUNG LOHNT SICH
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Spicken ist riskant und unfair gegenüber denen, die es nicht machen. Den Spickzettel vorbereiten und schreiben aber bringt viel. Zum Artikel

Mit ihren kleinen Kniffs ist sie in bester Gesellschaft, und mit ihren Einzelwortabfragen zählt sie gar als zaghafte Spickerin: Besonders in höheren Klassen und Gymnasien scheint das Spicken mit dem Smartphone an der Tagesordnung. Einigen gelingt es so, sich mit einem minimalen Lernaufwand durch die Prüfungen zu schummeln. «Gute Translator Apps helfen prima bei Französisch- oder Englischübersetzungen», freut sich beispielsweise Milena Steiner (17), die ebenfalls ein Berner Gymnasium besucht. «Und bei schwierigen Mathematiktests hilft auch schon mal der Klassenbeste, indem er den Test früher abgibt und rausgeht, um draussen den Lösungsweg an uns per MMS zu schicken.»

Auch der 15-jährige Jeremy Keller, ebenfalls Gymnasiast in Bern, schätzt die punktuelle «Zusammenarbeit» bei Prüfungen: In seiner Klasse bewegen sich die Schüler routiniert in Gruppenchats und tauschen so flugs miteinander die Lösungen aus. «Warum soll ich alles lernen, wenn ich das in fünf Sekunden per Handy nachschlagen kann», lautet ein häufiges Argument. Andere entschuldigen sich mit: «Einige Lehrer wollen das gar nicht so genau wissen.»

Lehrer Matthias Küng mit verschränkten Armen vor der Wandtafel.
Genauer hinschauen: Lehrer Matthias Küng erwartet, dass Lehrkräfte ihre Aufsichtspflicht ernst nehmen. (Bild: Marco Zanoni)

Das sieht Matthias Küng allerdings anders. Der Rektor und Chemielehrer an der Abteilung Mathematik und Naturwissenschaften am Gymnasium Neufeld in Bern weiss zwar, dass auch er nicht alles sieht, was seine Schülerinnen und Schüler während der Lektionen und der schriftlichen Arbeiten treiben. «Dennoch habe ich das Gefühl, ich würde merken, wenn sie sich wesentliche Antworten via Smartphone beschaffen würden», sagt er. Und es ist ihm keineswegs gleichgültig, er möchte, dass seine Klassen den Stoff wirklich verstanden haben. Seine simple Methode: Er setzt sich während der Tests hinten ins Schulzimmer und spaziert ab und zu unverhofft umher. «Wenn sich die Lehrperson während Prüfungen hinter dem Computer verschanzt, hat das nicht in erster Linie mit der Problematik von Smartphones zu tun, sondern vielmehr mit der nicht wahrgenommenen Aufsichtspflicht», sagt Matthias Küng.

Diese Pflicht, so argumentiert er, sei ebenso ernst zu nehmen wie die Pflicht, sich als Lehrperson ständig weiterzubilden und sich auch mit neuen Technologien auseinanderzusetzen. Denn diese sind Alltag für die heutigen Jugendlichen, die sozusagen mit dem Finger auf dem Display aufgewachsen sind. «Da ist die Lehrerschaft gefordert», sagt Matthias Küng. Gleichzeitig stellt er klar: «Der Unterricht wird nicht einfach dadurch besser, dass mit Laptops und Smartphones gearbeitet wird.» Aber zwischendurch setzt auch er das iPad gerne als hilfreiches Instrument im Unterricht ein.

Wer unbedingt spicken will, dem gelingt das auch

Von den Gymnasiasten erwartet der Rektor, dass sie ihren Stoff lernen und zu verstehen versuchen: «Um in einem Fach Experte zu werden, reicht es nicht, mit dem Smartphone zu surfen. Dafür muss man etwas wirklich wissen wollen.» Damit stimmt er mit Bildungsforscherin Elsbeth Stern überein, die findet, der dauernde Smartphonegebrauch lasse mit der Zeit Fähigkeiten verkümmern (siehe Interview in der Box rechts

). Ganz ohne Lernen, bestätigt auch «Softspickerin» Liliane Hostettler, bringe das Smartphone sowieso nicht viel: «Dann dauert es viel zu lang, um alles nachzuschlagen; ich nutze das eher als Absicherung.» Wenn sie zum Beispiel in Biologie oder Geschichte eine Zusammenfassung geschrieben hat, fotografiert sie diese ab und weiss dann ganz genau, was sie wo nachlesen muss, wenn ihr etwas entfallen ist. Andere verschwinden bei zweistündigen Proben auch schon mal kurz auf der Toilette, um dort ein paar wichtige Informationen zu googeln.

Merken denn die Lehrer nichts? «Doch, doch, ich glaube nicht, dass die naiv sind», sagt Liliane Hofstetter. «Aber inzwischen machen viele Lehrer die Prüfungen so, dass Spicken nicht wirklich hilft. Oder sie nehmen es gelassen, weil wir an der Matur dann sowieso ohne Spicken durchkommen müssen.» Denn dort machen Einzelpulte und patrouillierende Aufsichtspersonen den Gebrauch von Smartphones praktisch unmöglich.

Tatsächlich gestalten einige Lehrpersonen inzwischen ihre Proben «smartphonesicher». Andere setzen auf ein striktes Smartphoneverbot, merken dann aber, dass das schwer kontrollierbar ist. «Wenn unsere Studenten spicken wollen, dann schaffen die das irgendwie», sagt sogar ETH-Professorin Elsbeth Stern. «Für eine echte Kontrolle müssten wir einen Störsender einbauen.» Wieder andere Lehrkräfte scheinen schlicht aufgegeben zu haben. «Ich glaube, die wollen das gar nicht wirklich wissen, und es ist ihnen einfach egal», vermutet Gymnasiastin Milena Steiner.

(Illustration: Melk Thalmann)
(Illustration: Melk Thalmann)

«Spicken hat es immer gegeben und wird es immer geben. Was ändert, ist die Art und Weise», sagt Chemielehrer Matthias Küng. Er setzt auf eine gute Vertrauensbasis zwischen Lehrern und Schülern. Und er findet, beispielsweise in seinem Fach Chemie sei es gar nicht so schwierig, Prüfungen zu schreiben, bei denen Spicken wenig hilft. Das erlebt der Berner Gymnasiast Bastian Baumberger (18) jedoch anders: Er ärgert sich, wenn er stundenlang für eine Chemieprüfung gebüffelt hat und die anderen dann ohne Lernen eine gleich gute Note erreichen wie er. Sie schaffen das, indem ein Schüler die Aufgaben unter dem Tisch fotografiert und an einen Schüler einer höheren Klasse schickt, der allen die Lösungen pfannenfertig auf ihre Smartphones liefert. Bastian selber verzichtet bewusst auf diese Spickhilfe: «Ich will den Numerus-Clausus-Test für das Medizinstudium bestehen, das heisst, ich muss etwas wissen. Zweitens ist mir der Stress zu gross.»

Kaum Chancen, Verbote von Smartphones durchzusetzen

Die Sanktionen beim Erwischtwerden sind unterschiedlich, meist wird die Prüfung sofort eingezogen, und es gibt einen grossen Abzug. Eine Patentlösung ist jedoch noch nicht gefunden. Gymnasiast Jonas Ammann (17) aus Bern, der im Moment ein Highschool-Austauschjahr in den USA macht, sagt, Spicken mit dem Smartphone sei dort noch weit üblicher als bei uns: «Die Lehrkräfte kümmern sich zu wenig darum, wohl auch, weil sie kaum eine Chance hätten, ein Verbot durchzusetzen.» Ein Verbot werde vor allem bei offiziellen landesweiten Tests respektiert: «Dann dürfen die Smartphones nicht mit in den Raum, und wer trotzdem beim Spicken erwischt wird, kassiert strikt eine Null.»

Null hin oder her: Das Smartphonespicken ist eine Nervensache. «Man gewöhnt sich daran, und die Nerven werden besser», sagt zwar Gymnasiastin Milena Steiner. Anderen wie Liliane Hostettler werden Aufwand und Adrenalinschub zunehmend zu gross: «Es lohnt sich alles in allem nicht wirklich.» Für Gymnasiallehrer Matthias Küng steht fest: «Wenn jemand für den schulischen Erfolg ständig spicken muss, reicht das einfach nicht fürs Gymnasium.»

Autor: Claudia Weiss