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24. März 2014

Slawa Bykow - «Das Kino war das Dessert»

Jahrelang prägte Slawa Bykow das Spiel von Gottéron. Doch die Hockeylegende hat noch eine zweite Passion: Er liebt das Kino. Am Internationalen Filmfestival Freiburg präsentiert er eine Auswahl russischer Filme. Im Gespräch erinnert er sich an seine ersten Kinobesuche in seiner sibirischen Heimat Tscheljabinsk.

Slawa Bykow, Ex-Eishockey-Profi, Porträtbild
Slawa Bykow ging mit seiner Familie hunderte Male 
ins Freiburger Kino «Rex».

Slawa Bykow, Sie zeigen am Internationalen Filmfestival Freiburg als Kurator russische Filme. Was fasziniert Sie am Film?

Alles, die Mischung aus Emotionen, starken Bildern und Musik.

Und was treibt Sie ins Kino?

Als wir in die Schweiz kamen, entdeckten wir Eltern das Kino mit den Kindern, damals sieben und zweieinhalb Jahre alt, neu. Zeichentrickfilme zählten zu den Favoriten, aber wir schauten abends auch mal einen James Bond. Ich liebe es, gemeinsam Filme anzuschauen und so Emotionen mit anderen Menschen zu teilen. Hunderte Male waren wir im «Rex» in Freiburg, heute gehen auch unsere Kinder in dieses Kino, und wir haben ein Heimkino. Die Technik ist beeindruckend, aber es ist nicht dasselbe, wie mit anderen in einem Saal zu sitzen.

«The Legend Nr. 17»
Szene aus «The Legend Nr. 17»

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Sie haben fünf Spielfilme ausgewählt, die nun am Festival gezeigt werden. Nach welchen Kriterien?

Ich habe mich vor allem für Komödien entschieden, die etwas Wahres über Menschen und ihre Beziehungen aussagen. Etwa für einen Film über einen Mann und einen Hund. Er zeigt Urmenschliches und hat auch traurige Seiten. Daneben demonstriert ein Film wie «Stalingrad», wie prägend der Zweite Weltkrieg für Russland bis heute ist. Er offenbart einen Einblick in die russische Seele. Vor Gefahren wie dem Faschismus heisst es schliesslich auch heute noch, wachsam zu sein. Und ein Eishockeyfilm zeigt, was Kino und Sport verbindet: Die am selben Ort geteilten Emotionen. Eishockey ist wie ein Film mit Spielern in der Rolle des Regisseurs.

Welche Bedeutung hatte das Kino für Sie während Ihrer Jugend in Sibirien?

Das Kino war für mich das Dessert. In den 60er-Jahren entstand mit dem TV ein neuer alltäglicher Kosmos. Wenn aber am Wochenende das Kino ins sibirische Tscheljabinsk kam, war das ein Fest. Wir schauten neben Russischem auch die französischen «Fantomas»-Filme mit Louis de Funès, solche mit Pierre Richard und viele mehr. Die Filme öffneten das Fenster in eine andere Welt, beeinflussten aber – gerade dadurch – auch die Gesellschaft. Es gab im Übrigen nicht nur harmlose Komödien: Die Zensur setzte zwar ein kommunistisches Weltbild voraus, liess jedoch mitunter auch Kritik zu.

Sie verfolgten in Sotschi auch Spiele der russischen Eishockey-Nationalmannschaft. Welches waren Ihre grössten Erfolge als Chefcoach mit dem Team von 2006 bis 2011?

Wir erreichten 2008 und 2009 gegen Kanada den Weltmeistertitel – erstmals nach 15 Jahren. Leider schieden wir an den Spielen 2010 gegen das Heimteam Kanada im Viertelfinale aus.

Hätten Sie als Trainer 2014 das frühe Aus der russischen Mannschaft verhindern können?

Keine Ahnung. Nach Vancouver 2010 machte ich eine Analyse. An grossen Anlässen geht es für Trainer ums Schaffen von psychologischen Momenten der Stärke. An der WM 2008 kamen wir zu Hause mit grosser Opferbereitschaft ans Ziel, 2010 schafften es die Kanadier an Olympia: Sie standen nach der Niederlage gegen die USA gegen uns mit dem Rücken zur Wand und rafften sich im Viertelfinal einmalig auf. Wir hingegen befanden uns bloss in einem «normalen Film», ohne grosse Emotionen.

Von 2004 bis 2009 coachten Sie ZSKA Moskau, ab 2006 parallel die Nationalmannschaft. Würden Sie dieses Modell für die Neubesetzung des Schweizer Nationaltrainers wählen, wenn Sie Schweizer Verbandschef wären?

Leider bin ich das nicht (lacht). Arno del Curto wäre als Nationaltrainer neben seinem Klubamt dank seiner Sicht des modernen Eishockeys ein sehr guter Kandidat. Ich bin überzeugt, dass er beides unter einen Hut bringen würde.

Interessieren Sie sich für den Job als Coach der Schweiz – bei den Lesern von «20 Minuten» sind Sie am beliebtesten?

Ich habe keine Kandidatur eingereicht. Aber der Sport bleibt mein Leben. Nur spreche ich kein Deutsch und nicht gut genug Englisch. Und in den vergangenen Jahren beherrschten die Nationaltrainer mindestens eine der beiden Sprachen.

Ihr Sohn Andrej ist Schlüsselspieler des HC Fribourg-Gottéron, als Figur aber nicht so dominant wie Sie vor 20 Jahren. Gibt es im heutigen Eishockey noch Slawa Bykows?

Ja. Vielleicht hat Andrej das Potenzial dazu, es fehlt ihm aber noch die eine oder andere Erfahrung.

Sie wechselten vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1990 für sieben Jahre zu Fribourg in die Schweiz. Wie schnell stellten Sie sich auf das neue Leben ein?

Es fiel nicht sehr schwer, aber auch nicht leicht. Unser Wille zur Integration war da, unser Ziel war, hart zu arbeiten, auch neben dem Eis. Da ich immer der kleinste Spieler war, galt das speziell für mich. Der Klub half viel. Wir lernten bald Französisch. Deutsch versuchte ich ebenfalls, doch die Deutschschweizer sprachen in der Kabine bloss Dialekt. Es braucht beidseits einen Schritt, die Gesellschaft sollte Einwanderern eine Chance geben.

Wie sehen Sie Ihre alte Heimat heute?

Russland befindet sich auf der Suche nach sich selbst. Der neue Staat ist im Bau, der Weg zur Demokratie eingeschlagen. Heute gibt es freie Meinungsäusserung, freie Medien und ein Mehrparteiensystem.

Was halten Sie von der aktuellen Krise in der Ostukraine und auf der Krim? Was erhoffen Sie sich von der russischen Führung, den neuen Machthabern in der Ukraine und der internationalen Gemeinschaft?

Es gilt, einander gut zuzuhören und miteinander zu sprechen. Letztlich sollte das betroffene Volk frei entscheiden, ob es zu Russland oder zur Ukraine gehören möchte. Derzeit will jeder seine Wahrheit verkaufen, doch die Geschichte hat zwei Seiten. Putin, den ich persönlich kenne, wird hier häufig als Diktator und Schuldiger dargestellt. Doch für mich ist er eine starke Persönlichkeit und möchte für sein Land nur das Beste. Zudem darf nicht vergessen werden, dass in der Ukraine jahrelang Personen an der Macht waren, die vor allem für sich selbst schauten und das Land in eine wirtschaftliche und ökonomische Krise führten.

Autor: Reto Wild, Reto Meisser

Fotograf: Raffael Waldner