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14. Dezember 2015

Die Skination hat ein Nachwuchsproblem

Kein Bezug zum Skisport, zu hohe Preise: Immer weniger Kinder und Jugendliche verbringen ihre Freizeit auf den Pisten. Mit einer Schneesportinitiative wollen Bund und Branche jetzt den Abwärtstrend stoppen.

Kinder auf Skiern: Ein Bild, das immer seltener wird auf hiesigen Pisten. Das soll sich nun ändern.

«Alles fährt Ski, Ski fährt die ganze Nation.» Schön wärs, wärs so schön wie 1963 im Schlager von Vico Torriani. Die Realität ist eine andere: Seit Jahren klagt die Branche über sinkende Zahlen. Im letzten Winter verbrachten Einheimische und Touristen in den Schweizer Skigebieten rund 22,6 Millionen Skitage. Dies sei der tiefste Wert der letzten elf Jahre, schreibt der Verband der Schweizer Seilbahnen (SBS).

Ein Trend, dem die Branche und der Bund nicht mehr länger zuschauen mochten. Vor einem Jahr gründeten sie die «Schneesportinitiative». Deren Zweck: «Förderung des Schneesports von Kindern und Jugendlichen auf nationaler Ebene, hauptsächlich an Schulen.»
Präsidentin des Programms ist Snowboardcross-Olympiasiegerin Tanja Frieden. Die Thunerin ist überzeugt: «Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.» Will heissen: Wer als Jugendlicher keinen Bezug zum Schneesport hat, wird später kaum zum begeisterten Skifahrer oder Snowboarder. Auf der Onlineplattform GoSnow.ch sollen Lehrpersonen Angebote für Skilager finden und für den Schneesport sensibilisiert werden.

Der fehlende Bezug zum Schnee bei Kindern mit Migrationshintergrund ist eine der grössten Herausforderungen für Tanja Frieden und ihr Team. Dafür brauche es «interkulturelles Marketing», sagt sie, aber vor allem konkrete Erlebnisse in den Bergen. Denn: «Wer einmal eine Spur in den Pulverschnee gelegt hat, möchte es immer wieder tun.»«

Weitere Informationen: www.gosnow.ch


EXPERTENINTERVIEW

Tanja Frieden (39) ist Präsidentin der Schneesportinitiative, ausgebildete Lehrerin und Olympiasiegerin 2006 im Snowboardcross.

«Viele junge Lehrer haben keine Ahnung mehr, wie man ein Skilager organisiert»

Tanja Frieden (39) ist Präsidentin der Schneesportinitiative, ausgebildete Lehrerin und Olympiasiegerin 2006 im Snowboardcross.

Tanja Frieden, was ist los mit der einst so stolzen Skination Schweiz?

Wenn schon Schneesportnation, ich bin ja Snowboarderin! Die Anzahl Skitage geht seit Jahren zurück, das stimmt. Fakt ist aber auch: Skifahren gehört zu den beliebtesten Sportarten der Schweiz. Das hat gerade jüngst eine Studie des Bundes gezeigt.

Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Wie erklären Sie sich das?

Das hat einerseits mit dem Angebot zu tun: Früher fuhr man einfach Ski, Punkt. Heute gibts Schneeschuhwandern und Schlittelbahnen, man kann in den Bergen wellnessen oder auch einfach mal nichts tun. Andererseits hat rund die Hälfte der Kinder unter 16 Jahren einen Migrationshintergrund. Sie haben keine Eltern, die ihnen den Schneesport näherbringen.

Diese Vorbildfunktion können auch Stars übernehmen. Sie hätten nicht zurücktreten dürfen!

Mag sein, dass wir momentan nicht so viele heisse Eisen im Feuer haben. Aber: Fast in jeder Schneesportart hat es erfolgreiche Athleten. Mit dem Snowboarder Iouri Podladtchikov stellt die Schweiz den amtierenden Olympiasieger in der Halfpipe. Vielleicht geht es uns einfach zu gut.

Wie meinen Sie das?

Wir haben als Gesellschaft Nein gesagt zu Olympischen Spielen in Graubünden – und damit Ja zum Mittelmass. So etwas wie ein Jungfraujoch könnte man heute gar nicht mehr realisieren. Wir sind da etwas gesättigt. Um vorwärtszukommen, braucht es aber manchmal einen grossen Wurf.

Die Spiele sind vielen schlicht zu teuer. Genauso wie das Skifahren.

Ein Saisonabo für Jugendliche kostet ungefähr gleich viel wie ein neues Smartphone – das nur so zum Vergleich. Aber klar: Skifahren ist teuer. Hier bieten wir zusammen mit der Industrie und den Wintersportorten Lösungen: günstige Materialmieten, attraktive Preise für Lager.

Mit welchen konkreten Massnahmen wollen Sie den Abwärtstrend stoppen?

Wir fokussieren auf Schulen. Besucht ein Lehrer unsere Website, kann er mit drei Klicks ein Skilager buchen. Er bekommt Unterstützung beim Transport, beim Material, bei der Logistik und bei Haftungsfragen. Viele junge Lehrer haben ja keine Ahnung mehr, wie man ein Lager organisiert.

Wie ist das Projekt gestartet?

In diesem Winter haben wir bisher 62 Klassenlager unterstützen können. Zwei Ziele stehen im Vordergrund: Lehrer sensibilisieren und Destinationen überzeugen – beides braucht Geduld und Vertrauen. ­Wirkung zeigen soll die Initiative in drei Jahren. Es geht darum, junge Menschen in die Berge zu bringen.

Braucht es dazu spezielle Programme für Schüler mit einem anderen kulturellen Background?

Nein, es läuft immer über Erlebnisse. Was man nicht kennt, kann man nicht vermissen. Als Schülerin hatte ich eine Kolumbianerin in der Klasse, die noch nie auf den Skiern stand. Nach einer Woche schaffte sie es die rote Piste hinunter. Schneesport ist ja nicht nur ein Schweizer Kulturgut, es macht vor allem Spass!

Sollten Skilager obligatorisch sein?

Ja. Wir leben schliesslich nicht am Äquator – also sollen Klassenlager auch im Winter stattfinden. Ein Problem ist, dass in vielen Kantonen die Lehrer nicht entlöhnt werden, wenn sie Klassenlager durchführen.

Es gibt immer weniger Snowboarder auf den Pisten. Weshalb?

Das Snowboarden hat das Skifahren revolutioniert. Es ist einfacher ­geworden mit den taillierten Latten. Die Frage lautet: What’s next?

Sie werden bald Mutter. Was bringen Sie Ihrem Kind bei?

Als Erstes Langlaufen. Sobald ein Kind laufen kann, kann es auch gleiten. 

Autor: Peter Aeschlimann