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26. Mai 2015

Sitznachbarn im Stadion

Die Fussballfans Peter Martig und Paul Wüthrich sitzen seit zehn Jahren an jedem Spiel der Berner Young Boys nebeneinander im Stadion. Einziges Gesprächsthema: Fussball.

Seit 2005 sitzen Peter Martig (links) und Paul Wüthrich nebeneinander im Stadion. Vor ihrem ersten Treffen waren sie nervös: Wer wohl mein Nachbar wird?
Seit 2005 sitzen Peter Martig (links) und Paul Wüthrich nebeneinander im Stadion. Vor ihrem ersten Treffen waren sie nervös: Wer wohl mein Nachbar wird?

Du fährst mit dem Auto zum Stadion?» Paul Wüthrich (70) ist erstaunt. Seit fast zehn Jahren sitzt er jedes zweite Wochenende neben Peter Martig (67) im Stadion Wankdorf in Bern, aber das ist ihm trotz rund 200 gemeinsamen Begegnungen neu.

Die Fussballfans lernten sich 2005 kennen – durch Zufall. Sie kauften sich zur Neueröffnung des Schweizer Nationalstadions Saisonkarten für Spiele der Berner Young Boys und erhielten die Sitzplätze 328 und 329 in der Reihe 2 im Sektor C8 zugewiesen.

Vor dem ersten Spiel waren beide nervös. Man wisse ja nie, wer neben einem sitzt. «Es könnte ein Raucher sein, ein Säufer oder noch schlimmer: jemand, der keine Ahnung von Fussball hat», sagt Peter Martig. Die beiden verstanden sich zum Glück von Anfang an blendend.

Paul Wüthrich setzt sich jedes zweite Wochenende eine Viertelstunde vor Anpfiff auf seinen Sitzplatz. Kurze Zeit später stösst Peter Martig dazu, manchmal ausgerüstet mit einer YB-Wurst und einem Bier.

Nach einem kurzen «Hallo» sind nicht etwa die vergangene Woche oder ihre Familien Thema, sondern das anstehende Spiel. Weit über 1000 haben sie schon gesehen. Für Wüthrich war im Frühling 1957 Premiere. «Gegen die Grasshoppers aus Zürich; 4:4 stand es am Ende.» Der drei Jahre jüngere Martig wurde 1960 beim 6:0-Testspielsieg gegen Gerlafingen infiziert. «Fussball ist wie ein Virus», sagt er. «Wenn man ihn einmal hat, wird man ihn nicht mehr los.»

Zwar dachten die beiden Pensionierten in Momenten der Wut: «Jetzt gehe ich und komme nie wieder!» Daran gehalten haben sie sich aber nie.

Dafür fasziniert sie die Ambiance im Stadion zu sehr. «Weisch», sagt Paul Wüthrich, «zu Hause hätte ich Pay-TV und könnte mir jedes Spiel ansehen, aber ich will die Gesänge im Stadion hören und spüren, dass andere genauso nervös sind wie ich.»

Die Anspannung während der Matches führt manchmal auch dazu, dass die beiden auch mal etwas lauter werden. Für die Fans ist der Fussball wie ein Ventil, um aufgestaute Emotionen rauszulassen. «Da rutscht mir schon mal etwas raus, das politisch nicht ganz korrekt ist», sagt Peter Martig und lacht. Dafür fluche er nicht so oft über den Schiedsrichter wie sein Kollege.

Bis sich ihr letzter Traum – ein weiterer Meistertitel mit YB – erfüllt, werden die beiden Rentner mindestens noch eine Saison warten müssen. Wäre nicht 2016, exakt 30 Jahre nach dem letzten Titel, ein guter Zeitpunkt dafür? «Ach», meint Martig, die Hauptsache seien schöne Spiele im Stade de Suisse.

«Aber das Resultat ist schon auch wichtig», insistiert Wüthrich und zwinkert seinem Sitznachbarn zu.

Autor: Reto Vogt

Fotograf: Salvatore Vinci