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23. November 2015

Sirupaffären

Griff zur fremden Schleckzeug-Büchse
Der Griff zur fremden Schleckzeug-Büchse. (Bild: Getty Images)

Als ich vier Jahre alt war, lehrte ich meine Eltern zum ersten Mal das Fürchten. Oder das Schämen – ganz wie mans nimmt. Schuld daran war nur der Himbeersirup. Den gab es nämlich im Überfluss. Doch leider nicht bei uns daheim, sondern in der Nachbarswohnung. Dass dort auch noch zwei entzückende Kinder in meinem Alter wohnten, machte die Sache leichter.
Die kleine Bettina lief also mehrmals am Tage nach nebenan, um dort Unmengen Sirup zu trinken (und gelegentlich auch zu spielen). Das ging gut, bis es der Nachbarsmutter zu bunt wurde. Sie verpackte ihre Botschaft elegant: «Euer Kind hat ja immer so einen grossen Durst …» Gott sei Dank, war meine Mutter nicht auf den Kopf gefallen. Die Himbeersirupaffäre war ihr so peinlich, dass an jenem Tag bei uns daheim Süssgetränke salonfähig wurden.

Jahre später erlebten wir eine Art Déjà-vu, allerdings mit einem Perspektivenwechsel. Da gab es dieses Nachbarsmädchen, nennen wir es Caroline. Es läutete mehrmals die Woche bei uns und erbat Einlass. Sobald ihm der gewährt wurde, lief es schnurstracks in die Küche. Da stand es dann und starrte auf die Süssigkeitendose. Meine Schwester und ich konnten Caros Faszination nur bedingt nachvollziehen. Schoggi, Gummibärli und Co. waren bei uns daheim keine «verbotenen Genussmittel» mehr. Wie schon gesagt, meine Eltern hatten ihre Lektion früh gelernt. Wenn meine Schwester oder ich Lust auf etwas Süsses hatten, dann fragten wir unser Mami – und durften uns dann meist etwas Kleines nehmen.
Bei Caroline daheim lief das anders. Dort schwor man auf Baumnüsse und verschrumpelte Lageräpfel. Ernährungswissenschaftlich korrekt und auch noch günstiger. Caros Mutter brüstete sich bei jeder Gelegenheit damit, dass ihre Kinder auch ohne den satanischen Schleckkram auskämen …
Tja. Manche glauben, was sie glauben wollen.

Obwohl das Ganze nun schon über 30 Jahre her ist, sind Caros Gelüste immer noch legendär. Wenn meine Kinder besonders gierig sind, dann erzähle ich ihnen gerne die Geschichte, als meine alte Kollegin Caroline bei uns daheim erst den offerierten Schokoladenpudding aufass – und dann das Schäleli ansetzte und minutenlang ausschleckte. Um dann nach meinem leeren Puddingschäleli zu greifen …

Autor: Bettina Leinenbach