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02. April 2013

Sinnvoller Lärm

Kinder sollen laut sein dürfen, das fordern Jugendförderung und Politiker. Denn das Spielen draussen ist ein wichtiger Teil ihrer Entwicklung.

Kinder spielen
Kinder brauchen Spielräume 
und sind gerne mal laut. Wer sich als Anwohner daran stört, muss Mut zum Gespräch 
haben. (Bild: Wilhelm Mierendorf)

Die Rechte der Kinder: Die aktuelle Fortschritte bei Kinderrechten und -förderung vom Völkerrecht über die Verfassung bis auf Gesetzesstufe. Zum Artikel

Die einen freuen sich über ein belebtes Quartier, anderen geht Kinderlärm mächtig auf den Keks: In Aarau war die Kinderkrippe Zwärglihuus den Nachbarn zu laut, in Dübendorf ZH setzten sich Anwohner gegen den Bau eines Spielplatzes ein, und in Zürich hat eine einzige Anwohnerin einen Hort im Friesenberg verhindert.

Die kantonale Zürcher Kinder- und Jugendförderung (Okaj) hat nun Alarm geschlagen und fordert, dass Kinderlärm unter Schutz gestellt wird. Vorbild ist Deutschland, wo Kinderlärm nicht mehr einklagbar ist. «Kinder müssen draussen spielen können», sagt Ivica Petrusic (35), Geschäftsführer von Okaj. «Es ist ein wichtiger Teil ihrer Entwicklung, dass sie sich mit ihrem sozialen Umfeld auseinandersetzen.»

Unterstützung erhält Petrusic aus der Politik: Die Kantonsräte Philipp Kutter und Johannes Zollinger haben im Zürcher Kantonsparlament eine Anfrage zum Schutz von Kinderlärm eingereicht. Das Parlament findet aber, das sei Sache des Bundes, der die Lärmschutzverordnung erlässt. In Basel scheiterte vor zwei Jahren ein ähnlicher politischer Vorstoss. Die Zürcher ziehen ihr Anliegen jedoch weiter, die Erfolgschancen sind nämlich gestiegen: Zu Jahresbeginn ist das neue Bundesgesetz zur Kinder- und Jugendförderung in Kraft getreten. Petrusic weiss, dass Kinder laut sein können, vor allem in urbanen Gegenden, wo natürliche Spielräume fehlen. Er weiss aber auch: «Die Lärmtoleranz nimmt laufend ab.» Hauptgrund sei die zunehmende Mobilität. «Die Menschen wohnen fern vom Arbeitsplatz — dort schlafen sie und wünschen sich Ruhe.»

Gibt es Streit hilft nur eins – miteinander reden

Wenn es auf dem Hof oder in der Nachbarswohnung dann mal laut ist, beschwert man sich bei der Hausverwaltung oder ruft die Polizei, statt sich direkt an die Lärmenden zu wenden. Oft fehlt der Mut zum Gespräch, man kennt die Nachbarn nicht. Aber: «Bei Streit um Lärm hilft nur eins: miteinander reden.» Wo Leute mit unterschiedlichen Bedürfnissen aufeinandertreffen, entstehen Konflikte. «Die Menschen müssen sich damit auseinandersetzen — das bietet auch Chancen für Neues.»

So geschehen in Wädenswil ZH. Beim Knatsch rund um den Lärm eines Sportplatzes hat sich dort ein Familientreff entwickelt, der zweimal pro Woche geöffnet ist. Eine nationale Initiative zum Schutz vor Kinderlärm gibt es bisher nicht, denn die Probleme tauchen sehr punktuell auf. Okaj setzt auf die Entschlossenheit einzelner Gemeinden: Sie könnten sich als kinderfreundlich positionieren und Kinderlärm schützen. Denn es liegt in ihrem Ermessen, wie sie mit Lärmklagen umgehen. Grenzwerte gibt es nicht. Und: Wer mit einer Klage bis vor Bundesgericht geht, hat einen schweren Stand — in mehreren Fällen urteilten die Richter zugunsten der Kinder.

Autor: Claudia Langenegger