Archiv
24. Dezember 2012

Sinnlos und gefährlich

Immer mehr lassen ihr Erbgut im Ausland testen – ein Unsinn, warnen Experten. Würden Sie gerne dank einem solchen Gentest Ihre gesundheitlichen Risiken genauer kennen? Stimmen Sie ab (rechts).

Ein Wissenschaftler betrachtet eine ADN-Sequenz
Aus dem 
Erbgut lassen sich Risiken 
für Krankheiten herauslesen. Das heisst aber nicht, dass diese auch ausbrechen. (Foto: Keystone/Science Library/Mauro Termariello)

Bereits jeder 25. Schweizer liess sein Erbgut im Ausland testen. Schon für wenige Hundert Franken soll man erfahren, wie gross das Risiko ist, an Krankheiten wie Brustkrebs, Herzinfarkt, Stoffwechselkrankheiten oder Depressionen zu erkranken, versprechen die Anbieter. Das sei nicht nur unsinnig, sondern gefährlich, warnt Andreas Papassotiropoulos (42), Forschungsdekan an der Fakultät für Psychologie der Universität Basel. «Es ist ein natürlicher Wunsch, zu erfahren, welches Risiko für eine bestimmte Erkrankung wir haben», sagt der Mitautor eines Positionspapiers zum Thema Gentests im Internet.

«Doch genau das können viele solcher Tests eben nicht. Sie sind bestenfalls eine Art genetische Astrologie», sagt Papassotiropoulos. Der Grund: Die allermeisten Krankheiten sind genetisch so kompliziert, dass Voraussagen kaum möglich sind. Und selbst bei genetisch einfachen Krankheiten bedeutet ein mögliches Risiko noch lange keinen Ausbruch. «Darum werden in der Schweiz nur Gentests durchgeführt, die medizinisch sinnvoll sind, zum Beispiel bei familiärer Belastung», erklärt Papassotiropoulos. «Dabei ist es enorm wichtig, dass die Patienten von einem Facharzt begleitet werden.» Bei den Gentests im Ausland erhalten Personen die Ergebnisse ohne jegliche fachliche Beratung, mit womöglich dramatischen Folgen. «Wenn jemand erfährt, dass er ein 20-prozentiges Risiko hat, an Schizophrenie zu erkranken, kann das so belastend sein, dass es zu schweren psychischen Problemen bis hin zum Suizid kommen kann.» Aufklärung sei nötig.

Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften, bei der Andreas Papassotiropoulos Mitarbeiter ist, erwägt die Lancierung einer Telefon-Hotline und Qualitätslabels für seriöse Anbieter. «Verbieten kann man diese Tests nicht, aber die Leute sollen wissen, was dahinter steht», erklärt der Forscher.

Autor: Andrea Fischer