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18. April 2013

«Sinnlos und berechnend»

Der fünfzehnfache Paralympics-Goldmedalliengewinner und mehrfache Weltmeister Heinz Frei startete am 15. April 2013 zusammen mit seiner Frau Rita am Boston-Marathon. Auf Migrosmagazin.ch erzählt das Ehepaar, wie es die Bombenanschläge vor Ort erlebte.

Heinz und Rita Frei
Heinz und Rita Frei (Bild: zvg)

Rita Frei (46) läuft den Marathon in Boston zum ersten Mal. Ihr Ehemann Heinz (55) ist dagegen schon ein alter Hase und hat den Wettbewerb bereits zweimal gewonnen. Bei der 117. Austragung des Rennens am 15. April herrschen optimale Wetterbedingungen für ein gutes Rennen. Das Ehepaar bereitet sich wie üblich auf die traditionellen 42,195 Kilometer vor und wartet rechtzeitig auf den Startschuss des Rennens.

Heinz Frei auf seinem Rennstuhl
Heinz Frei auf seinem Rennstuhl (Bild: Genevemarathon.org)

Nach 1:33:07 Stunden überquert Heinz Frei auf seinem Rennstuhl die Ziellinie und belegt den zwölften Platz. Er kehrt zum Hotel zurück, duscht sich und wartet anschliessend im Zielbereich auf seine Frau. Als sie nach 3:44:47 Stunden eintrifft, will Heinz im VIP-Zelt noch etwas trinken. Doch Rita friert und will nur noch ins warme Zimmer. Zum Glück...

Eine halbe Stunde später detonieren 20 und 200 Meter vor der Ziellinie zwei Sprengsätze. Im nur wenige Gehminuten entfernten Hotel ist davon allerdings nichts zu hören. Erst als zahlreiche Nachrichten aus der Heimat auf ihren Handy-Bildschirmen auftauchen, erfährt das Ehepaar, was passiert ist, und schaltet sofort den Fernseher ein. Ein schreckliches Gefühl macht sich im Zimmer breit.

Heinz und Rita Frei atmen langsam durch und realisieren nur zögerlich, was soeben geschah. Die beiden machen sich zwar keine «Was wäre wenn»-Gedanken, werden sich aber bewusst, was für ein unheimliches Glück sie an dem Tag hatten. Rita dankt ihrem Schutzengel, der ihr gute Beine gab und sie rechtzeitig durchs Ziel trug. «Unser Hotelzimmer war zu dem Zeitpunkt wohl der sicherste Ort auf der Welt», sagt Heinz Frei im Nachhinein.

Boston Marathon 2013
Boston Marathon 2013 (Bild: Getty Images)

Dennoch verlässt das Ehepaar ein paar Stunden später den Hort der Sicherheit und macht sich auf Nahrungssuche. Ein schwieriges Unterfangen. Rund um den Zielbereich am Copley Square patrouillieren mit Maschinenpistolen bewaffnete Soldaten, laute Sirenen sind zu hören. Gewisse Gebiete Bostons darf niemand betreten – das Gerücht, nicht detonierte Sprengköpfe seien noch in der Stadt, macht die Runde. Eine beängstigende Situation für die beiden Schweizer. Sie spüren die Furcht der Menschen, viele von ihnen weinen. Besonders bedrückend finden sie, dass niemand irgendwelche Informationen erhält. Die Sicherheitskräfte wimmeln alle Fragenden ab.

Das schmälert den Hunger der Freis allerdings nicht. Viele Restaurants sind jedoch geschlossen oder wurden evakuiert. Auf zahlreichen Tischen stehen volle Teller, Töpfe und Gläser. Rita und Heinz finden einen Getränkeladen eines äthiopischen Besitzers, der untröstlich traurig ist. Er wollte eigentlich den Sieg seines Landsmannes Lelisa Desisa Benti feiern, aber das wird an diesem Tag zur Nebensache. Rita Frei ist beeindruckt, wie alle Einwohner Bostons zusammenhalten. «Die Solidarität in der Stadt ist wahnsinnig gut spürbar», sagt sie.

Sie wird ebenfalls von der Stimmung erfasst und fühlt sich als Teil der Stadt. Rita Frei will im nächsten Jahr trotz der schrecklichen Ereignisse unbedingt wieder am ältesten Marathon der Welt starten. Der Zieleinlauf werde sehr speziell, aber «ich will mich von solchen Menschen nicht steuern lassen.» Rita beschreibt den Terrorakt als total sinnlos und berechnend. Für Heinz Frei steht diese Prüfung bereits am darauffolgenden Sonntag an. Der Rollstuhlsportler startet am 21. April beim London-Marathon. Die Angst fährt mit.

Autor: Reto Vogt