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11. Juli 2016

Simone Niggli-Luder war ein Glücksfall

Patrik Thoma ist der Cheftrainer Elite beim Schweizerischen Orientierungslauf-Verband. Der 35-jährige Aargauer erklärt im Interview, warum die Schweiz in dieser Sportart seit zwei Jahrzehnten so erfolgreich ist.

Patrik Thoma
Patrik Thoma, Cheftrainer Elite beim Schweizerischen Orientierungslauf-Verband. (Bild zVg)

Die Schweiz liegt auf dem dritten Rang des ewigen OL-Medaillenspiegels. Wie kann so ein kleines Land über Jahre hinweg stets Spitzenleistungen abrufen?

Unser Verband hat vor 10 bis 15 Jahren durch die Strukturen dafür geschaffen. Seither arbeiten Junioren und Profis mit den gleichen Trainingskonzepten. Darüber hinaus wurden zehn regionale Stützpunkte geschaffen, damit die Athleten keine zu langen Reisezeiten in Kauf nehmen müssen. Und selbstverständlich hatten wir auch Glück mit dem einen oder anderen Ausnahmetalent wie Simone Niggli-Luder, die den Mut hatte, Zeit und Geld in den Spitzensport zu investieren.

Gibt es einen weiteren Namen, den Sie mit dem lang anhaltenden Erfolg verknüpfen?

Ja, Daniel Hubmann. Er ist ein Riesentalent und traute sich, bereits mit 24 Jahren Profi zu werden. Sein Mut zahlte sich aus: Hubmann ist mehrfach Weltmeister und Gesamtweltcupsieger geworden.

Wie unterscheidet sich das Nachwuchskonzept der Schweiz von dem anderer Nationen?

In Skandinavien steht das Interesse der Vereine im Vordergrund, auch weil diese ganz andere finanzielle Möglichkeiten haben als die Klubs in der Schweiz. Deshalb haben wir uns hierzulande zentralistischer aufgestellt und sowohl Budget als auch Know-how im Verband gebündelt. Ein weiterer Unterschied sind die erwähnten regionalen Stützpunkte – Dänemark zum Beispiel sammelt alle Athleten an nur einem Ort.

Wie viele Nationen kommen als ernsthafte Gegner der Schweiz überhaupt infrage?

Es sind Einzelsportler aus 10 bis 15 Nationen. Die härteste Konkurrenz kommt aus Skandinavien, Russland, Tschechien und Frankreich.

Kommt der Orientierungslauf im Schulsport im Vergleich mit anderen Sportarten zu kurz?

Das kann ich zu wenig beurteilen. Mir genügt es grundsätzlich schon, wenn Kinder und Jugendliche überhaupt Sport treiben. Für den Orientierungslauf ist es nämlich gar nicht nötig, sich früh zu spezialisieren. Das können auch noch 15- oder 16-Jährige tun. Aber es ist für den OL auf jeden Fall hilfreich, dass Kartenlesen Teil des Lehrplans ist.

Worauf legten Sie den Fokus in Ihrer früheren Rolle als Nachwuchschef?

Ich habe zu keiner Zeit den kurzfristigen Erfolg gesucht. Meine Juniorinnen und Junioren mussten ihre Trainings nie auf die nächste Weltmeisterschaft auslegen, sondern auf langfristige Ziele, die sechs oder sieben Jahre in der Zukunft lagen. Grund dafür ist, dass das durchschnittliche Medaillenalter nicht bei 20, sondern zwischen 25 und 27 Jahren liegt.

Wie wichtig sind Aushängeschilder wie Simone Niggli-Luder für die Nachwuchsförderung?

Sie sind vor allem für die Bekanntheit der Sportart wichtig. Bevor Simone Niggli-Luder so erfolgreich war, mussten wir als Verband zuerst erklären, was Orientierungslauf überhaupt ist. Das ist heute nicht mehr nötig. Mehr Talente gibts dadurch nicht – aber ein verstärktes Interesse an der Sportart an sich ist zu spüren.

Wie beurteilen Sie die Veränderung des OL-Sports vom reinen Waldrennen hin zu einer urbanen Sportart mit Veranstaltungen in Städten oder Agglomerationen?

Es braucht beides, die Orientierungsläufe im Wald aus Tradition. Städtesprints eignen sich aber eindeutig besser, um den Sport zu vermarkten oder die Zuschauer näher an die Athleten zu bringen. Diese Kriterien werden mit der Zeit immer wichtiger.

Was braucht ein guter OL-Läufer, damit er Profi werden und vom Sport leben kann?

Geld und Mut. Der grösste Anteil aber ist harte Arbeit. Tägliches Training, das herausragende physische Leistungen ermöglicht. Auch Kartenlesen will gelernt sein. Das setzt stundenlange Übung voraus, auch in fremden Ländern.

Autor: Reto Vogt