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08. August 2016

Sieben Schul-Typen

Redaktorinnen und Redaktoren des Migros-Magazins blicken zurück und sagen, was für Typen sie als Schüler waren.

Ich war...

... die Lehrerstochter

«Ich war die Tochter einer Lehrerin, die an meiner Schule unterrichtete. Was ich auch tat oder unterliess, von allen Seiten wurde ich kritisch beäugt. Die Lehrer fürchteten den Vorwurf von Mitschülern, das Kollegenkind zu bevorzugen, und beurteilten mich besonders streng. Klassenkameraden ­schlossen mich von Streichen aus, in Sorge, ich würde sie ­meiner Mutter verraten. Wenn ich etwas angestellt hatte, erfuhr es meine Mutter sowieso als erste – im Lehrerzimmer. Einmal fuhr ich zusammen mit ihr zur Schule, wir kamen zu spät. Prompt kassierte ich einen Verweis vom Direktor. Wir lachen heute noch darüber. Im neuen Schuljahr durfte ich die Schule wechseln. Die Lehrerkinder in meiner neuen Klasse waren ab jetzt fünf andere.»
Sabine Müller

... die Revoluzzerin

«Von 1971 bis 1981 besuchte ich in der DDR die Polytechnische Oberschule. Im Staatsbürgerkundeunterricht predigte man uns vom sterbenden Kapitalismus, der Arbeitslose und Drogensüchtige hervorbringe. Mit 15 fühlte ich mich reif, um auf die Probleme in der DDR aufmerksam zu machen. Mit einer Freundin verfasste ich ein Plakat, auf dem ich auf die nicht vorhandene Reise- und Meinungsfreiheit aufmerksam machte. Weil uns die Pfarrerstochter prophezeite, dass wir dafür ins Gefängnis kommen würden, warfen wir das Plakat in eine Mülltonne. Zwei Tage später kamen Staatssicherheitsleute in die Schule und nahmen von jedem Schriftproben. Ich verstellte meine Handschrift und war überzeugt: ‹Die kriegen mich nicht.› Was ich vergass: Ich hatte die Überschrift einer Wandzeitung geschrieben. Was dann folgte, war die Hölle. Stundenlange Verhöre durch die Stasi, Strafversetzung in andere Klassen. Und dann der Terror zu Hause. Meine Freundin unternahm einen Suizidversuch, ich wollte abhauen, kam aber nicht weit. Die Stasi wollte uns mundtot machen. Heute, 36 Jahre nach diesem Polittrauma, schaue ich auf ein Mädchen zurück, das mit ihren Mitteln die Welt verändern wollte und kläglich scheiterte. Dankenswerterweise bewies mein Deutschlehrer Courage. Er überreichte mir nach der Prüfung eine Rose mit den Worten ‹Für deine Leistung und ­deinen Mut›. Mein Selbstbewusstsein war am Boden zerstört, aber dieser eine Satz hat mich stark fürs Leben gemacht.
Anette Wolffram

... das Gang-Girl

«Barbara, Daniela und mich gabs damals nur im Dreierpack. Wir sassen immer nebeneinander und erschienen ab und zu in denselben altrosafarbenen Sweatshirts und hellblauen Poloshirts zum Unterricht. Wir spickten, pubertierten, kicherten, bis uns die Bauchmuskeln wehtaten. Einmal wurden wir deswegen sogar aus der Turnstunde geworfen. Doch das Lachen hat uns über Schulstress, Notendruck, Lernen, Kummer über Babyspeck und unerreichbare Märchenprinzen hinweggerettet.»
Dora Horvath

... das Sporttubeli

«Ich mag Sport, sehr sogar. Am besten gefällt er mir, wenn ich anderen dabei ­zusehen kann – mit einem kühlen Bier in der einen und einer warmen Bratwurst in der anderen Hand. Selbst muss ich mich nicht unbedingt bewegen. Dass ich ein Bewegungslegastheniker bin, haben meine ehemaligen Mitschülerinnen und Mitschüler schon früh erkannt: Sie wählten mich immer zuletzt in ihre Mannschaft.»
Reto Vogt

... die Streberin

«Meine Schulhefte waren piekfein, die Noten meist unübertroffen, die Chemie zwischen meiner Lehrerin und mir stimmte. Ich war nur ein halbes Naturtalent, ich büffelte. Und in Fächern, in denen es um Zahlen ging, waren Spickzettel mein Rettungsanker. Meine Mitschüler fanden das mässig lustig, schwankten zwischen Neid und Mobbing. An einer Klassenzusammenkunft vor vier Monaten sagte einer zu mir: ‹Du warst einfach eine Streberin.›»
Sabine Lüthi

... der Träumer

«Die besten Geschichten entstanden, wenn ich meinen Kopf in die linke Handfläche legte und auf die Wandtafel blickte, die dann langsam verschwamm. So unternahm ich mit meiner Französischlehrerin mehrere romantische Weltreisen und lebte vorübergehend in den Romanen von Albert Camus. Letztere las ich tatsächlich alle – und schaffte dank guter ­Französischnoten sogar den ­Schulabschluss.»
Dani Sidler

... das Enfant Terrible:

«Zwei unfreiwillige Schulwechsel, fast eine übersprungene Klasse, viele überforderte Lehrer, zahlreiche Elterngespräche, gute Noten: meine Bilanz von neun Leidensjahren Schule. Es war ein Kampf. Ich fand das meiste zu ruhig, zu brav, zu strukturiert. Noch heute finde ich das meiste zu ruhig, zu brav, zu strukturiert. Zum Glück bin ich mir treu geblieben.»
Anne-Sophie Keller