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26. März 2012

Sie teilt die Rente mit ihren Vögeln

Die Simmentalerin Verena Stauffer lebt ganz für ihre Tiere. Sie hegt und pflegt ihre Schützlinge und wurde dafür mit einem Swiss Award ausgezeichnet. Doch sie bräuchte Geld, um ihr Engagement weiterzuführen.

Verena Stauffer mit Bubo, dem 27-jährigen Uhu. Ein Dauerpensionär.

Gixi hat Hunger. Der zweijährige Mäusebussard hat soeben Verena Stauffers Garten in Oberwil BE angeflogen und verlangt nach Essen. «Gixi hat einen Flügeldefekt», erklärt die 70-jährige Bernerin, «er kann nicht lange in der Luft bleiben und nicht selber nach Futter jagen. Er wird wohl für immer bei mir bleiben.» Still lächelnd reicht Stauffer dem Greifvogel ein paar tote Küken. Sie sind Gixis Leibspeise.

Hinter Stauffers behäbig wirkendem Holzhaus zwitschert, schnarrt und gackert es ununterbrochen. Die Geräusche kommen aus einer Zeile Holzvolieren, die den Garten säumen. Sie bilden die Vogelstation der Bernerin, hier beherbergt sie seit zwölf Jahren verletzte, kranke oder verstossene Vögel, zurzeit gut 35. Manchmal befinden sich auch Eichhörnchen, Igel und Schildkröten unter den Pensionären. Sie nimmt jedes Tier auf, umsorgt, füttert, pflegt und verarztet es notfalls. Einfache Brüche schient die ausgebildete Ornithologin selbst, bei komplizierten Fällen sucht sie einen Tierarzt auf.

Für ihr Engagement hat Stauffer im Januar den Swiss Award in der Kategorie «Helden des Alltags» bekommen. Mit ihrem typischen sanften Lächeln auf dem Gesicht sass sie im Publikum im Zürcher Hallenstadion und nahm ihren Preis entgegen. Es folgten ein Auftritt in der DRS-1-Radioshow «Persönlich» und einer bei «Aeschbacher» im Fernsehen. «Eine tolle Erfahrung», sagt die Rentnerin über den kleinen Medienmarathon. Doch sie sei froh, wieder im Simmental bei ihren Schützlingen zu sein. Noch liegt die Gegend unter einer Schneeschicht begraben, der Winter dauert hier etwas länger als andernorts. Doch Stauffer ist gewappnet: Mit dem Frühling kommen auch die Jungvögel. Spaziergänger, Tierärzte, Nachbarn und Förster bringen winzige Meisen, Spatzen, Waldschnepfen, Mehlschwalben oder Mauersegler, die sonst kaum eine Überlebenschance hätten. Dann ist die Vogelschützerin von sechs Uhr früh bis spätabends damit beschäftigt, hungrige Schnäbel zu stopfen. Manchmal hilft die 21-jährige Enkelin Tanja mit.

Dem Turmfalken geht es gut in Verena Stauffers «Tierspital». Er ist als Jungvogel aus dem Nest gefallen und wird von ihr wieder aufgepäppelt.
Dem Turmfalken geht es gut in Verena Stauffers «Tierspital». Er ist als Jungvogel aus dem Nest gefallen und wird von ihr wieder aufgepäppelt.

Auf Zypern rettet sie Zugvögel aus Fangnetzen

In der spärlichen Zeit, die nicht ihren vierbeinigen und gefiederten Freunden gehört, fertigt Verena Stauffer Dekorationsobjekte aus Ästen, Steinen und anderem Naturmaterial an. Diese stellt sie aus und verkauft sie. Seit ihrer Ausbildung zur Exkursionsleiterin führt sie auch Ausflugsgruppen durch die Natur und berichtet in Kindergärten und Schulen über ihre Erfahrungen mit Tieren. «Kinder sind das schönste Publikum», sagt die sechsfache Mutter.

Zudem fliegt Stauffer jedes Jahr mit einer Freundin nach Zypern, um Zugvögel aus Fangnetzen zu befreien. Dass Wildvögel gefangen und gegessen werden, findet Verena Stauffer schrecklich. Sie, die das Fliegen über alles liebt, findet, ein Vogel müsse in Freiheit leben. Deshalb lässt sie ihre Schützlinge fliegen, sobald sie fit dafür sind. Dafür bringt sie sie auf eine Anhöhe in der Nähe ihres Hauses. «Da hinauf», sagt Stauffer und zeigt auf einen kleinen Gipfel, der sinnigerweise Rossberg heisst.

Tiere gehören schon seit der Kindheit zu Verena Stauffers Leben. Ihr Schulweg, gut eine Stunde Fussmarsch, führte das Mädchen über Felder und durch Wälder, es gab immer etwas zu entdecken. Verena Stauffer und ihre Schwester nahmen oft Käfer mit nach Hause und bauten ihnen Krankenhäuschen aus Streichholzschachteln. Das Krabbelvieh überlebte den Spitalaufenthalt nicht immer.

Wenn sich kein Sponsor findet, droht der Vogelstation das Ende

Heute steigt die Überlebenschance von Tieren in der Obhut der Ornithologin. Aber die Volieren im Garten sehen immer noch aus wie von Laienhand zusammengezimmert. Und da liegt auch das Problem. Der Veterinärdienst war da, aufgeschreckt durch einen unbekannten Zeitgenossen. Der Befund: Die Behausungen entsprechen nicht den modernen Tierschutzauflagen. «Noch dieses Frühjahr muss ich alles abreissen und neu bauen», sagt Stauffer. 40'000 bis 50'000 Franken wird sie das schätzungsweise kosten. Das kann die Rentnerin unmöglich alleine berappen. Bereits teilt sie ihre AHV mit den Tieren.

Die Vögel aufgeben zu müssen, wäre mein Ende.

Seit ihrer Auszeichnung zur Heldin des Alltags ist auch das eine oder andere Couvert mit Geldscheinen bei ihr eingetroffen. Doch das reicht nicht. Wenn Stauffer nicht einen grosszügigen Geldgeber findet, muss sie die Station aufgeben. «Das wäre gleichzeitig mein Ende», sagt sie und streicht gedankenverloren Dior über den Kopf, ihrem kalbsgrossen Schweizer Sennenhund, den sie von einem Leben an der Kette befreit hat. «Das würde ich nicht verkraften.»

Mäusebussard Gixi kann wegen eines Flügeldefekts nicht mehr selbst jagen und ist deshalb auf das Futter angewiesen. Verena Stauffer: «Gixi wird wohl immer bei mir bleiben.»
Mäusebussard Gixi kann wegen eines Flügeldefekts nicht mehr selbst jagen und ist deshalb 
auf das Futter angewiesen. Verena Stauffer: «Gixi wird wohl immer bei mir bleiben.»
Auch Stockenten leben bei der Rentnerin.
Auch Stockenten leben bei der Rentnerin.

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Daniel Rihs