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10. August 2015

Sie strahlte. Und litt.

Bänz Friedli empfiehlt Ariella Käslins Buch.
Bänz Friedli empfiehlt Ariella Käslins Buch.

Baff und begeistert war ich vor einigen Jahren, als ich dieser jungen Frau an einem der Anlässe begegnete, an denen der freundliche Aeschbi vor Publikum einigen Leuten freundlich Fragen stellt. Baff über die Gelassenheit, mit der sie über ihre ­Erwartungen ans Leben sprach. Begeistert darüber, wie sie – zu jener Zeit der ­ Liebling der Nation schlechthin und eben zum ­dritten Mal zur Sportlerin des Jahres ­gekürt – nahezu nebenbei bemerkte: «Ich bin kein Promi.» Sie, die Unglaub­liches geleistet und in ihrer Disziplin als erste Schweizerin Europameisterschafts-­Gold und Weltmeisterschafts-Silber ­errungen hatte – sie wollte niemand ­Herausragendes sein? Solch ein junger Mensch mit einer so grossen Reife! Ich ging nach Hause und sagte zu Frau und Kindern: «Läck, diese Ariella Kaeslin …!»

Bänz Friedli (50) ist beeindruckt.
Bänz Friedli (50) ist beeindruckt.

Nun lese ich, welche Überwindung just solche Podiumsgespräche sie jeweils kosteten: weil sie sich mickrig vorkam und fürchtete, nichts Gescheites zu sagen zu haben. Ausgerechnet sie, deren Abgeklärtheit mich frappierte, war innerlich voller Zweifel. Das Buch, in dem Ariella Kaeslin sich den Journalisten Christof Gertsch und Benjamin Steffen anvertraut, zeigt in aller Nüchternheit auf, wie zehrend, wie brutal Spitzensport sein kann. Es erzählt die Geschichte eines Mädchens, das mit vier zur Turnerin wurde, die halbe Jugend fern der Familie in Magglingen zubrachte, unter einem Trainer, der seine Athletinnen als «fette Kühe» titulierte und doch zu Beginn jeder Einheit Küsschen von ihnen verlangte. Die Entbehrungen und Schmerzen werden geschildert, die Erfolge schliesslich und, fast gleichzeitig, die Erschöpfungsdepression. So einfach, dass sie jemandem die Schuld zuwiesen, machen es sich die Autoren nicht. Sie legen nur dar; äusserst präzise, nie sentimental. Ein überaus starkes Stück Sportjournalismus ist das und ein Lehrstück darüber, wie die Medienwelt mit Menschen umgeht, wie die Öffentlichkeit sich ihr «Schätzchen der Nation» zurechtlegte, es vereinnahmte.

Von Ariella Kaeslin lernen wir: Niemand ist ein Promi. Der «Promi» ist nur, was andere auf einen projizieren. Ich habe grössten Respekt vor ihrem Mut, eben gerade nicht den Promi herauszukehren, sondern die Persönlichkeit, die dahintersteckt. Vor ihrem Mut, ihr «Leiden im Licht» – so der Buchtitel – zu entblössen. Ein Buch für alle, die sich auch nur an­nähernd für Sport interessieren, ­darüber hinaus aber ein Buch für Eltern, für junge Frauen – für alle. Sollten Sie es noch nicht gelesen haben: Tun sie es! Mich hat es zu Tränen bewegt.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli