Archiv
25. Februar 2013

Sie haben den Tsunami überlebt

Ivo Zemp sitzt in einem Internetcafé in Phuket, als der Tsunami auf die Küste der Insel trifft. Das Ehepaar Moor wird am Frühstücksbuffet ihres Hotels in Khao Lak von der Springflut überrascht. Und Vincenzo Carlino und seine Frau überleben in Sri Lanka dank dem Roman «Der Schwarm». Drei Schicksalsberichte.

Phuket nach dem Tsunami
Ein Bild der Zerstörung: Phuket nach dem Tsunami. (Bild: zVg.)

… in Phuket, Thailand, 2004: Ivo Zemp (46)

Architekturhistoriker Ivo Zemp überlebte den Tsunami in Phuket. (Bild: zVg.)
Architekturhistoriker Ivo Zemp überlebte den Tsunami in Phuket. (Bild: zVg.)

«Von Zeit zu Zeit steigen in mir die Emotionen an das Ereignis wieder hoch. Dann gedenke ich im Stillen der Opfer.» Der aus Obwalden stammende Architekturhistoriker Ivo Zemp war am Morgen des 26. Dezember 2004 in einem Internetcafé nahe dem Strand von Phuket, als die rund 16 Meter hohe Wand aus Wasser um ihn herum fast alles mit sich riss – Häuser, Bäume, Autos und natürlich Menschen und Tiere. «Ich hatte nur überlebt, weil das Gebäude so massiv gebaut war», erinnert er sich. In den darauffolgenden Tagen erlebte er, wie zwischen Einheimischen und Touristen spontan menschliche Nähe und Solidarität entstand. Neun Jahre nach der Katastrophe sagt Ivo Zemp: «Viele Tote waren zu beklagen, sodass bereits einige Tage nach der Flutwelle die Forderungen der thailändischen Behörden einsetzten, die zahlreichen Verstorbenen – aufgrund der Seuchengefahr – nach buddhistischem Brauch zu verbrennen. Dagegen haben sich Überlebende erfolgreich gewehrt, vor allem europäische und amerikanische Staatsangehörige. Das prägende Ereignis führte unter anderem dazu, dass ich meine Doktorarbeit an der ETH Zürich dem Thema Feuerbestattung gewidmet habe.»* Die Katastrophe habe ihn zudem vieles gelehrt: «Ich bin geduldiger, achtsamer und mitfühlender als zuvor. Und mein Glaube an das Gute im Menschen ist seither stärker denn je.»

* Das Buch mit dem Titel «Die Architektur der Feuerbestattung – Eine Kulturgeschichte der Schweizer Krematorien» von Ivo Zemp ist Ende letzten Jahres im Verlag hier + jetzt erschienen

… in Khao Lak, Thailand, 2004: Anita (49) und Raymond Moor (57)

Die Moors verbringen auch heute noch ihre Winterferien in Khao Lak und unterstützen seither ein Kinderheim moralisch und finanziell. (Bild: zVg.)
Die Moors verbringen auch heute noch ihre Winterferien in Khao Lak und unterstützen seither ein Kinderheim moralisch und finanziell. (Bild: zVg.)

Anita und Raymond Moor aus Nidwalden sassen gemütlich beim Frühstück, als sie plötzlich bemerkten, dass sich das Meer stark zurückgezogen hatte. «Wir schauten uns an und sagten zueinander: ‚Komisch, das ist aber nicht wie bei einer gewöhnlichen Ebbe.’ Es hatte ausgesehen wie aus einem Naturschauspiel – faszinierend.» Aber genau das sei vielen Menschen zum Verhängnis geworden, erzählt die Immobilienbewirtschafterin Anita Moor: «Die Leute gingen runter zum Meer. Auch ich wollte mir das Schauspiel aus nächster Nähe ansehen, aber mein Mann sagte: Nein, das ist eine Springflut. Wir müssen rennen!» Er packte sie an der Hand. Aber dann war sie bereits da, die 13 Meter hohe Wand aus Wasser, und riss die beiden auseinander. Anita Moor: «Ich wurde gegen das Frühstücksbüffet geschlagen, der Raum füllte sich mit Wasser, ich fiel in Ohnmacht.» Bewusstlos trieb sie mit der Flut mit.

Ihr Mann war in der Zwischenzeit von einem Gegenstand schwer am Kopf getroffen worden. Er hatte ein Nahtoderlebnis, bevor eine Einheimische ihn hatte aus dem Wasser ziehen können. Auch Anita Moor kam wieder zu Bewusstsein und konnte sich aus eigener Kraft in Sicherheit bringen. «Erst als das Wasser zurückgegangen war, konnte man das ganze Ausmass sehen: Trümmer und Leichen, am Boden und auf Palmen.» Direkt vor ihren Augen sei eine schwangere Frau gestorben.

Ein ganzes Jahr haben die beiden gebraucht, um das traumatische Erlebnis zu verarbeiten. «2005 ist irgendwie an uns vorübergegangen», sagt Anita Moor. Auch heute noch denke sie jeden Tag an die Katastrophe. Das Ereignis wirke nachhaltig, und zwar nicht nur negativ: «Das Materielle ist in den Hintergrund gerückt und die inneren Werte in den Vordergrund. Ich empfinde eine unbeschreiblich grosse Demut und Dankbarkeit, dass wir überlebt haben.»

Die Moors verbringen auch heute noch ihre Winterferien in Khao Lak und unterstützen seither ein Kinderheim moralisch und finanziell. Vieles erinnere nicht mehr an die Katastrophe – aber, so Anita Moor, «das Resort, wo wir waren, ist für die Thai ein rotes Tuch; sie sagen, es habe Geister. Es sind dort sehr viele Leute umgekommen.»

Tusnami er- und überlebt: Vincenzo Carlino – in Sri Lanka

Der damals 31-jährige Vincenzo Carlino verbrachte mit seiner Freundin (und heutigen Frau) Tania Strandferien auf Sri Lanka. Am 26. Dezember war er etwas früher aufgestanden als seine Partnerin, er ging zum Meer und las, im Restaurant auf seine Partnerin wartend, im Buch «Der Schwarm» von Frank Schätzing. Als sie dazu kam, tranken sie gemeinsam Kaffee. «Wir mussten dabei immer wieder zum Meer schauen», erzählt der heute 40-Jährige, «es war sehr unruhig und wurde mit jeder Welle lauter. Die Wellen kamen immer näher ans Restaurant heran. Nach einer Minute lagen die Liegestühle bereits im Meer. Und es stieg noch immer höher. Die einheimische Kellnerin blieb ruhig, also auch wir. Aber ich wollte nicht, dass die Liegestühle zerstört werden, deshalb sprang ich vom Restaurant ins Meer, um die Stühle an Land zu bringen.» Der Zürcher merkte erst im Wasser drin, welche Kraft dieses entwickelt hatte, und rettete sich sofort wieder ins Trockene. Jetzt standen alle auf. Die Kellnerin schrie. Es war nun allen klar, dass hier etwas nicht stimmte.

Carlino wollte sich und seine Freundin in Sicherheit zu bringen. Aber diese stand wie paralysiert da, und er konnte wegen des hohen Wassers nicht zu ihr vordringen. Dann sah er, wie auch die Tiere flüchteten und wie direkt vor den Augen seiner Freundin ein Hund mühsam aufs Dach kletterte. Sie stieg ihm nach und konnte sich so vorerst in Sicherheit bringen. Auch Carlino konnte sich später auf dasselbe Dach retten. Der Wasserspiegel stand etwa sechs bis acht Meter höher als zuvor. Plötzlich bemerkten sie, dass sich das Meer wieder zurückzog. «Am Anfang ganz langsam», erinnert sich Carlino, «doch dann zog es alles mit sich, was nicht niet- und nagelfest war. Während rundherum Bungalows auseinanderbrachen, hielt unseres stand. Und dann war das Meer aufs Mal fort. Wir stiegen vom Dach runter und schauten aufs Meer hinaus. Aber da war gar kein Meer mehr. Es war weg. In dem Moment erinnerte ich mich an eine Stelle im Buch ‚Der Schwarm’. Das rettete uns das Leben. Wir rannten nur noch. Denn ich wusste: Jetzt kommt eine riesig hohe Welle.»

In den darauffolgenden Stunden und Tagen erlebte das Paar, das sich retten konnte, die Hilfsbereitschaft der Einheimischen – Familien nahmen sie und andere Touristen in ihren Häusern auf, in der Hauptstadt Colombo war ein Nobelhotel zu einem Zufluchtsort umfunktioniert worden. Das Paar ist danach nicht sogleich nach Hause zurückgekehrt, sondern wollte das Erlebte vor Ort verarbeiten. Obwohl sie sehr viel Glück gehabt hatten, hinterliess die Katastrophe Spuren, wie Carlino sagt: «Alle meine Ängste waren intensiver geworden. In der Zwischenzeit habe ich gelernt, die Ängste wahrzunehmen und sie zu konfrontieren – dadurch sind sie schliesslich auch wieder verschwunden.»

Erinnerung an die vielen Opfer der Tsunami-Katastrophe in Khao Lak. (Bild: zVg.)
Erinnerung an die vielen Opfer der Tsunami-Katastrophe in Khao Lak. (Bild: zVg.)

Autor: Esther Banz