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27. April 2015

Sicherheitsnetz für den Notfall

Ausbildung statt Sozialhilfe – das ist der Grundgedanke von diversen kantonalen Berufsbildungsprojekten. Im Zürcher Netz2 unterstützt ein Team von Beratern Jugendliche, die aus verschiedenen Gründen den Berufseinstieg verpasst haben.

Kindertagesstätte in der Villa Ninck
Jan Bühler bei der Arbeit in der Kindertagesstätte der Villa Ninck in Winterthur.

Allein im Kanton Zürich scheitern jedes Jahr 1000 bis 1500 Jugendliche beim Berufseinstieg. Und wer in der Schweiz den Weg in den Arbeitsprozess verpasst, hat schnell mal ein Problem. Viele dieser jungen Leute landen früher oder später bei der Sozialhilfe und kommen kaum mehr aus ihr raus. Besonders gefährdet sind Jugendliche aus schwierigen Familienverhältnissen, mit gesundheitlichen oder psychischen Problemen. Jugendliche wie Jan Bühler*.

Wann immer er sich gestresst fühlt, und dafür brauchte es noch vor einiger Zeit nicht viel, reagiert er mit psychosomatischen Beschwerden im Magen-Darm-Bereich, die ihn jeweils für einige Tage ausser Gefecht setzen. Deswegen musste er seine Kochlehre abbrechen. Dazu kam ein unstetes Zuhause: Nachdem die Eltern sich getrennt hatten, wohnte Jan zuerst bei der Mutter, zog dann wegen fast täglicher Streitereien zum Vater und scheiterte schliesslich bei der Gründung einer WG. Mehr und mehr Helfer scharten sich um den Jugendlichen, der schliesslich in einer betreuten Wohngruppe landete.

Dann kam Rita Ammann (63) ins Spiel. Sie ist eine Case Managerin beim Amt für Jugend und Berufsberatung des Kantons Zürich und Mitarbeiterin des noch jungen Angebots Netz2. Sie übernahm die Gesamtkoordination von Jans sämtlichen Betreuern, Therapeuten und IV-Vertretern und begleitete ihn als persönliche Beraterin auf seinem Weg zurück aus dem Chaos. Leicht war das nicht, und es gab auch immer wieder Rückschläge. Eine weitere Kochlehre brach Jan nach kurzer Zeit ebenfalls ab. «In einer Küche ist es stressig, der Umgangston ist rau», erzählt er. Etwa ein Jahr habe es gedauert, bis es ernsthafte Fortschritte gab, sagt Rita Ammann, die ihn nun seit Mai 2013 betreut.

Das richtige Mass an Druck finden

Jan Bühler hat danke Netz2 grosse Fortschritte gemacht.
Jan Bühler hat danke Netz2 grosse Fortschritte gemacht.

«Jan Bühler war immer kooperativ, aber zu Beginn sehr unzuverlässig. Er war es gewohnt, nur so in den Tag hinein zu leben. Manchmal tauchte er schlicht nicht auf oder wurde wegen Kleinigkeiten krank.» Das Geheimnis sei letztlich gewesen, das richtige Mass an Druck zu finden, sagt Ammann. «Zu viel ist schlecht, zu wenig aber auch.»

Seit über einem Jahr macht der 22-Jährige nun in der Kindertagesstätte Villa Ninck in Winterthur ZH ein Praktikum als Kleinkindbetreuer. Zuerst betrug sein Pensum nur 5 Stunden pro Woche, heute sind es 80 Prozent; ein Mal pro Woche geht er abends zusätzlich zur Schule. Im Sommer darf er in der Villa Ninck die dreijährige Lehre zum Fachmann Kleinkindbetreuung beginnen.

«Er hat wahnsinnige Fortschritte gemacht», sagt Villa-Ninck-Geschäftsführerin Brigitte Gahr (52). «Es war wirklich eine Freude, das zu erleben.» Jan spielt mit den Kindern, hilft bei der Essenszubereitung und tut all das mit viel Geduld und sichtlichem Vergnügen. «Ich bin extrem gern hier, nach den Ferien habe ich mich richtig gefreut, dass ich wieder arbeiten gehen darf», sagt der etwas schüchtern wirkende junge Mann, der inzwischen auch eine eigene Einzimmerwohnung in Oberwinterthur bewohnt, dabei allerdings noch immer betreut wird.

Rita Ammann sagt, der Betreuungsbedarf habe stark nachgelassen. Dennoch wird sie ihn bis zum Ende des ersten Lehrjahrs weiter begleiten. «Die ersten drei Monate sind eine kritische Zeit», sagt sie. «Die Herausforderung für ihn wird sein, die Leistungsfähigkeit aufrechtzuerhalten. Aber wenn alles gut geht, kann sich Netz2 Mitte 2016 wohl zurückziehen.»

Jan schätzt die Situation ähnlich ein. «Mir ist bewusst, was für ein grosses Konstrukt um mich herum besteht, aber es war der richtige Weg, all diese Hilfe anzunehmen.» Noch immer gibt es ab und zu Durchhänger, Tage, an denen er sich vom Papierkram für seine Wohnung überfordert fühlt. Dennoch ist er optimistisch. Sein Traum: «In vier bis fünf Jahren will ich komplett selbständig sein, eine eigene Wohnung und einen guten Job als Kleinkindbetreuer haben.»

Netz2 existiert seit 2010 – mehr als ein Drittel der 425 betreuten Jugendlichen von 14 bis 24 Jahren konnten seither eine Lehre beginnen. Das Angebot kostet Kanton und Gemeinden jährlich rund eine Million Franken. Das Geld jedoch ist gut investiert. Laut einer Evaluation spart der Staat bei jedem Jugendlichen von Netz2, der eine Lehre ­abschliesst, mehr als 100 000 Franken. Insbesondere teure stationäre Aufenthalte in Heimen oder Kliniken können dank Netz2 vermieden werden. Ähnliche Projekte gibt es auch in anderen Kantonen (siehe Box rechts).

Isabel von Beckerath (48) ist seit bald zwei Jahren Case Managerin bei Netz2 und betreut derzeit 20 Jugendliche im Alter von 16 bis 21 Jahren. «Alle haben in mehreren Lebens­bereichen Schwierigkeiten – familiär, gesundheitlich, beruflich, manchmal auch mit dem Gesetz. Einige haben ein unterstützendes Umfeld, andere gar nicht.» In jedem Fall sind bereits viele Betreuer am Werk; Netz2 übernimmt die Gesamtkoordination mit dem Ziel, dem Jugendlichen einen Weg zu einer Berufsausbildung zu bahnen oder ihn dort zu halten. Die Klienten werden über Fachstellen gemeldet und müssen einverstanden sein, von Netz2 begleitet zu werden. Der Prozess dauert in den meisten Fällen mehrere Jahre.

Auch Jugendliche aus gutem Haus

«Zu Beginn will ich den Jugendlichen kennenlernen, mit ihm herausfinden, wo er steht, was Stärken und Schwächen sind, wo er Hilfe braucht, was seine Hoffnungen sind», sagt Isabel von Beckerath. Anschliessend entwickeln sie gemeinsam einen Plan, um sich Etappe für Etappe dem Ziel anzunähern – in Zusammenarbeit mit Therapeuten, Ausbildnern, Sozialdiensten und der Familie. «Für manche ist das Ergattern einer Lehrstelle vergleichbar mit dem Ersteigen der Eigernordwand. Da ist nur schon eine geordnete Tagesstruktur ein grosser Fortschritt.» Längst nicht alle kommen aus schwierigen Familienverhältnissen. «Auch Jugendliche aus gutem Haus und mit intakten Familien können aus der Bahn geraten.» Etwa 20 Prozent der Klienten sind Ausländer.

Isabel von Beckerath betreut seit bald zwei Jahren Jugendliche bei Netz2.
Isabel von Beckerath betreut seit bald zwei Jahren Jugendliche bei Netz2.

Die Betreuung zeigt meist rasch eine gewisse Wirkung. «Aber genauso häufig gibt es Rückschritte oder Umwege», sagt von Beckerath. «Manchmal dauern gewisse Entwicklungsschritte sehr lange. Geduld zu haben, ist wichtig für einen Case Manager.» Zudem sollte man strukturiert und kommunikativ sein. «Humor und Gelassenheit helfen auch.» Läuft es für längere Zeit gut, steht sie nur noch auf Stand-by, ist quasi Sicherheitsnetz für den Notfall. Wenn ein Jahr nach Start einer Lehre alles klappt, schliesst sie den Fall ab. «Aber natürlich können sich die Jugendlichen jederzeit wieder melden, falls was sein sollte.»

Ein etwas untypischer Fall ist Patrick Meier* (19). Seine Betreuerin Brigitta Buess (60) bezeichnet ihn gar als «den Sonderbarsten», den sie hat – und sie begleitet ihn schon seit Herbst 2011. Meier hat eine intakte Familie, ist bei guter physischer Gesundheit, wirkt selbstbewusst und intelligent. Sein Problem: «Ich habe nicht immer die Wahrheit erzählt.» Nicht nur gegenüber den Eltern und den Freunden hat er überraschend glaubhaft wilde Geschichten erzählt, auch gegenüber Lehrmeistern. «Manchmal hat er Krankeiten erfunden oder behauptet, gewisse Dinge zu haben oder zu können. Und wenn das aufflog, musste er gehen», sagt Brigitta Buess. Etwa während einer Dachdeckerlehre, die er nach der Schule begonnen hatte.

Eine Erklärung für sein Verhalten hat Patrick Meier bis heute nicht. «Das war bei mir einfach irgendwie so drin, seit der Schulzeit.» Mittlerweile ist er in psychotherapeutischer Behandlung. Brigitta Buess vermutet, es mangle ihm an Selbstwert. «Er hält sich für nicht gut genug und versucht, das mit seinen Übertreibungen zu kompensieren.»

Patrick Meier mag die Arbeit mit den Tieren, auch wenn sie anstrengend ist.
Patrick Meier mag die Arbeit mit den Tieren, auch wenn sie anstrengend ist.

Problematisch war vor allem, dass er die Schuld immer bei den anderen suchte und sich zu Unrecht von seiner Umgebung bestraft fühlte. Sein Problembewusstsein hat sich laut Buess in letzter Zeit jedoch gebessert. Auch die Beziehung zu seinen Eltern, bei denen er noch immer wohnt, hat sich entspannt. Und Buess’ Geduld scheint sich auch beruflich auszuzahlen. Seit bald zwei Jahren macht Patrick Meier in einem geschützten Rahmen ein Berufsattest als Agrarpraktiker bei der Müller Agrarprodukte AG in Steinmaur ZH, betreut von einer Sozialpädagogin. Dort kümmert er sich vor allem um die Tiere, darunter viele Schafe, Hühner und ein paar Pferde. «Die Arbeit ist anstrengend, aber macht Spass.»

Er findet, er sei zuverlässiger geworden. «Früher bin ich zu Hause geblieben und habe irgendeine Krankheit erfunden, wenn ich morgens keine Lust hatte zu arbeiten. Heute beisse ich mich durch und gehe trotzdem.» Er habe gelernt, dass es ohne Zuverlässigkeit nicht gehe. «Aber ich muss weiter trainieren, immer die Wahrheit zu sagen.»

Intellektuell habe er problemlos das Potenzial für den ersten Arbeitsmarkt, sagt Brigitta Buess. Die Auswirkungen des Selbstwertmangels machten den Einstieg dort jedoch schwierig. «Die sozialpädagogischen Massnahmen könnten die Chancen stark verbessern», sagt Buess. Noch lieber als in der Landwirtschaft würde Patrick Meier als Lastwagenfahrer arbeiten. «Das wäre mein Traum. Ansonsten will ich einfach in meinen eigenen vier Wänden wohnen, meinen Lohn verdienen, frei und selbständig sein, wie alle anderen Menschen auch.»

*Namen der Redaktion bekannt

Fotograf: Daniel Auf der Mauer