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27. Mai 2013

Sicher ist sicher

Die Französischaufgaben an sich wären nicht das Problem. Man müsste sie nur ins Aufgabenbüchlein eingetragen haben. Hat man dies versäumt und findet dann kurz vor dem Eindunkeln heraus, was man auf den nächsten Tag lernen müsste … Dann bräuchte man nur noch das Franzbuch, in dem die zu lernenden Vokabeln stehen. Man hat es natürlich in der Schule liegen lassen. Und wenn ich «man» sage, meine ich unseren Sohn. Den Ihren vermutlich auch. Denn sosehr ich mich gegen Geschlechterstereotypen sperre, die lieben Söhne sind schon etwas eifriger im Vergessen und Verdrängen und Grad-etwas-anderes-im-Kopf-Haben als die Töchter, nicht wahr? (Gegenbeispiele willkommen als Kommentar nach dieser Kolumne oder per Mail an leserbriefe@migrosmagazin.ch !)

«Grad etwas anderes im Kopf …»
«Grad etwas anderes im Kopf …»

Also: Der Bub hat Franzufzgi, aber das nötige Material nicht dabei. Den Eden, der gleich nebenan wohnt, brauchen wir gar nicht zu fragen. Er ist französischer Muttersprache, ihm können die Ufzgi folglich gestohlen bleiben; und wenn, dann hätte auch er das Buch bestimmt nicht dabei — so oft, wie der hier schon angeklopft hat, ob er die fälligen Seiten im Mathi-Buch kopieren dürfe … Bleibt Simon, unten am Stutz. Und weil ich ein Lieber bin, der Hans noch Akkordeon üben sollte und ohnehin schon recht verzweifelt ist, gehe ich persönlich zu Simon runter. Doch dort wird mir beschieden, was ich geahnt habe: Auch er hat sein Franzbuch nicht. Elena, vielleicht, Alma, Lorenzo? Ich starte meine übliche Tour durchs Quartier. (Bitte keine Zuschriften an obige Adresse, ich solle die Saugoofen nicht so verwöhnen, wer etwas versäumt habe, müsse das selber ausbaden — sonst lernten sie es nie … Das weiss ich alles. Theoretisch.)

Grad etwas anderes im Kopf …

«We don’t need no education», singt Hans unlängst beim Mittagessen vor sich hin, «we don’t need no thought control …» — «Woher hast du das denn?», entfährt mir, «aus der Nostalgiehitparade?» Darauf Hans, Bratkartoffeln mampfend: «Wir singen es in der Schule.» Sie singen «Another Brick in the Wall» von Pink Floyd, den Song wider alle Autoritäten, insbesondere schulische, in der Schule?! Da handelt es sich ja wohl um ein klassisches Paradox. Wäre in meiner Kindheit nicht möglich gewesen, dass wir im Unterricht den englischen Satz «Lehrerinnen, Lehrer! Lasst uns Kinder in Ruhe» hätten singen müssen. Damals, 1979, war «The Wall» ja ganz frisch, schon fast verstohlen hörten wir uns die Doppel-LP immer und immer wieder an, sie hatte den Ruch des Verbotenen. Und dass ein Musiklehrer seinen Kinderchor an der Aufnahme hatte mitwirken lassen, geriet in England zum Skandal. «Aber weisst du, Vati», raunt nun unser Zwölfjähriger, nachdem er sein Glas Rivella in einem Zug geleert hat, «der Text ist bescheuert: ‹Wir brauchen keine Erziehung, keine Bildung …› Wären diese Musiker nämlich nicht gebildet gewesen, hätten sie das Lied gar nicht schreiben können.» Schon hat der Junge den romantischen Schwachsinn, den ich einst inbrünstig mitsang, als solchen entlarvt.

Eben, die Franzwörtli. Die Möglichkeiten, sich vergessene Schulunterlagen zu beschaffen, sind ja zunehmend mannigfaltig. Die Kinder fotografieren Aufgabenblätter und Buchseiten ab und schicken sie sich per iPad, Mail und WhatsApp zu. Dennoch, ich schwörs, werde ich im nächsten Schuljahr verfahren wie Nachbarin Maria, Mutter zweier Söhne: Sie hat daheim zu Beginn des Semesters das gesamte Französischbuch fotokopiert. Sicher ist sicher.

Bänz Friedli live: 6.6. Lueg ob Burgdorf BE.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli