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12. Mai 2014

«Sich korrekt und konform verhalten ist wichtiger geworden»

Der Soziologe Ernest Albert sieht Zusammenhänge zwischen dem neu erwachten Interesse am volkstümlichen Schlager und aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen in der Schweiz.

Ernest Albert, der «Musikantenstadl» ist seit 1981 auf Sendung, scheint unverwüstlich und zieht auch Jüngere an. Wie kommts?

Viele Junge in der Schweiz wachsen in periurbanen Räumen auf, also in der äusseren Agglomeration, einer zersiedelten Zwischenwelt zwischen Stadtrand und richtigem Land. Oft interpretieren sie das leicht trotzig als ländlich und interessieren sich auch für die Kulturangebote, die damit assoziiert werden.

Ernest Albert (46) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am soziologischen Institut der Universität Zürich
Ernest Albert (46) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am soziologischen Institut der Universität Zürich

Die Sendung scheint im Vergleich zu früher poppiger und moderner geworden zu sein. Ist das eine Konzession an die Jüngeren?

Auf jeden Fall. Es gibt heute zum Beispiel ganz selbstverständlich Synthesizerklänge zu hören und sogar ultratiefe Bässe, wie man sie vom Techno kennt. Zum Teil sind es schlicht Popsongs. Aber es ist wichtig, dass wir den dominierenden Schlagerstil in solchen Sendungen unterscheiden von den traditionelleren Stilen wie dem Ländler oder der Chormusik. Was auch kaum vorkommt sind Liedermacher, also Folkmusik, bei der auch kritische Töne erlaubt sind. Der volkstümliche Schlager neigt nicht gerade zu Gesellschaftskritik.

Wie wichtig ist es, dass deutsch gesungen wird?

Wichtig. Dadurch gibt es keinerlei Sprachbarrieren, unabhängig vom Bildungsstand. Ebenfalls wichtig: Wer sich den «Musikantenstadl» ansieht, weiss, was ihn erwartet: Er muss nichts befürchten, das zu schräg ist oder irritieren könnte. Für die Zuschauer im Saal kommt das Gemeinschaftserlebnis hinzu. Da kann jeder mitschunkeln und sich zugehörig fühlen.

Mit Dagobert, Beatrice Egli oder Helene Fischer gibt es ein paar echte neue Schlagerstars, und die CD-Verkäufe brechen in fast allen Sparten ein, nur beim Schlager nicht.

Das liegt aber auch daran, dass dieses Publikum eine weniger hohe Affinität zu elektronischen Medien hat und deshalb eher noch CDs kauft als iTunes-Files runterlädt.

Wer hört gern Schlager?

Viele ältere Semester haben ihn schon immer gemocht, einige Jüngere sind im Elternhaus damit aufgewachsen und entdecken ihn nun wieder neu. Viele Junge aus der äusseren Agglomeration müssen es erst einmal bewältigen, dass ihre Eltern dorthin gezogen sind, vermissen dort Wurzeln und sind auf der Suche nach einer Identität. Die probieren verschie­dene Stilrichtungen aus, gehen mal an eine Tranceparty und mal in Lederhosen zum Schlagerkonzert. Es gibt auch ironische Zugänge: Man schaut mit Freunden den «Musikantenstadl», um sich darüber lustig zu machen.

Steckt dahinter auch eine Art Sehnsucht nach einer ­heilen Welt, wie sie in den Texten oft zelebriert wird? Oder gar eine politische Ideologie?

Viele Anhänger dieser Musik würden sich wohl eher dem rechtskonservativen oder patriotischen Lager zuordnen. Der Schlager ist musikalisch und textlich aber auch extrem anspruchslos und kann so die anspruchsvollen Herausforderungen im Berufs- und Privatleben ausgleichen. Er bietet Entlastung und Erholung. In den letzten Jahrzehnten wurde ständig gefordert, man solle sich selbst verwirklichen, kreativ und innovativ sein – das musste irgendwann zu einer Gegenreaktion führen. Es kann nicht jeder ein innovativer Star sein. Der volkstümliche Schlager verspricht zudem eine Rückzugsmöglichkeit ins vermeintlich Lokale, als Reaktion auf die starke Internationalisierung und Globalisierung der letzten Zeit.

In anderen Bereichen gibt es ähnliche Entwicklungen: Magazine über Landliebe verkaufen sich besser als andere. Es gibt immer mehr Hobbygärtner. Das Schwingfest erfreut sich grosser Beliebtheit. Die ­Jugend wünscht sich nichts so sehr wie Familie und Häuschen. Das hängt doch alles zusammen, oder?

Das denke ich auch. Und es hat gesellschaftliche Folgen: Die Landliebe – verstanden als Sehnsucht nach dem Häuschen – führt ja gerade dazu, dass das Land zersiedelt wird. Die Masseneinwanderungs-Initiative war darin erfolgreich, etwas Ähnliches zum Problem zu erklären, nämlich den zuwanderungsbedingten sogenannten Dichtestress. Am Oktoberfest, das mittlerweile überall kopiert wird, lassen sich Gemeinschaft und Geselligkeit auf engem Raum offenbar geniessen. Vielleicht sollte man sich daran erinnern, was diese Kultur der Bierseligkeit in den 20er-Jahren mitzuverantworten hatte: Sie war damals in München ein fruchtbarer Boden für die Nazibewegung. Etwas vergleichbar Aggressives lässt sich heute allerdings nicht feststellen, und so muss es auch bleiben.

Aus all diesen Dingen könnte man schliessen, dass die Gesellschaft wieder traditioneller, heimatverbundener, weniger weltoffen wird. Oder kurz: bünzliger.

Diese These ist in der Tendenz wohl richtig und lässt sich sogar statistisch stützen. Das internationale Forschungsprogramm European Social Survey führt alle zwei Jahre eine Wertebefragung in den europäischen Ländern durch – auch in der Schweiz. Dabei hat sich gezeigt, dass sich zwischen 2002 und 2010 einige Werte klar verändert haben: Sich korrekt und konform zu verhalten und dafür belohnt zu werden, ist wichtiger geworden. Das Gleiche gilt für Traditionen und Bräuche sowie den Wunsch, in einer sicheren Umgebung zu leben. Weniger wichtig geworden sind Kreativität, neue Ideen sowie das Verständnis für verschiedene Menschen. In anderen Ländern Westeuropas fallen eher Trends hin zum Postmaterialismus und Altruismus auf.

Sollte uns diese gegenläufige Entwicklung in der Schweiz Sorgen machen?

Man kann Gesellschaften als sich selbst regelnde Systeme auffassen. Wenn der Trend lange genug in eine Richtung gegangen ist, entwickelt sich fast automatisch ein Gegentrend. Wir sollten aber immer wachsam bleiben und beobachten, wie stark so ein Trend wird und wie lange er andauert. Es ist ein Unterschied, ob ein Trend die Demokratie gefährdet oder Bürger gegen eine bestimmte Gruppe aggressiv macht, oder ob man einfach feststellen muss: Aha, die finden dasselbe toll, was schon mein Grossvater gemocht hat. Ich sehe den aktuellen Trend als eine gewisse Korrektur vorheriger gesellschaftlicher Tendenzen, die, wenn sie zu weit gehen sollte, ihrerseits korrigiert werden dürfte. Allerdings funktionieren solche Regelprozesse nur, wenn sich manche von uns in der Tat Sorgen machen.

Autor: Ralf Kaminski