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04. November 2013

Teilen ist das neue Haben

Karin Frick vom Gottlieb-Duttweiler-Institut prophezeit, dass wir künftig mehr teilen werden. Mit Lust.

Karin Frick vom Gottlieb-Duttweiler-Institut
Karin Frick: «Wenn ich online offen bin und alles teile, ist es normal, wenn ich das auch im realen Leben tue.»

Karin Frick, bitte bringen Sie die Ergebnisse der aktuellen Studie «Sharity» auf den Punkt.

Wir sagen, dass unsere Gesellschaft in Zukunft mehr teilen wird, entweder freiwillig oder notgedrungen.

Das ist eine sehr unspektakuläre Aussage.

Ja, Teilen ist eben eine angeborene Verhaltensweise, jede Gemeinschaft funktioniert als Zusammenschluss nur, weil die Mitglieder untereinander teilen. In Zukunft werden wir das noch viel häufiger tun als bisher.

Haben wir früher nicht mehr geteilt?

In den Grossfamilien unserer Vorfahren war es stark verbreitet: Zehn und mehr Menschen teilten sich eine Toilette oder einen Kühlschrank. Mit dem aufkommenden Wohlstand in den 60er-Jahren und der gleichzeitig einsetzenden Massenproduktion wurde aber alles anders: Plötzlich konnte sich fast jeder eine eigene Wohnung leisten, mit Fernseher und Waschmaschine nur für eine Person. Die Folge war unter anderem, dass Teilen aus der Mode kam und einen Beigeschmack von Bedürftigkeit erhielt.

Weshalb wird Teilen jetzt wieder trendig?

Das hat vor allem mit dem grossen Erfolg der sozialen Netzwerke zu tun. Dort teilt man alles, das ganze Programm besteht daraus. Wir teilen freiwillig, die meisten Menschen lieben es, Informationen, Erlebnisse, Erfahrungen und Tipps auszutauschen. Sie erhalten mehr Aufmerksamkeit und fühlen sich besser. Und wer heute im digitalen Leben teilt, wird es morgen auch im realen Leben eher tun.

Sie meinen, weil wir heute Fotos auf Facebook stellen, teilen wir morgen auch das Auto?

Die Richtung stimmt. Wenn ich online offen bin und alles teile, ist es normal, wenn ich das auch im realen Leben tue.

Gemäss der Studie gehört das Teilen zum guten Benehmen wie Velofahren, Energie sparen oder gesund essen. Es wirkt fast schon zwinglianisch.

Ja, Verantwortung und Moral schwingen dabei mit. Es kann aber auch Spass machen, wenn man ein Vorhaben lustbetont anpackt. Insgesamt sind wir dank Facebook, Twitter und Co. bereit dazu, mehr von uns zu zeigen und zu teilen. Das Misstrauen gegenüber dem Fremden nimmt ab, die Leute öffnen ihre Haustüren für fremde Menschen wie etwa bei «airbnb», einer Buchungs-Website für private Unterkünfte. Gleichzeitig entstehen ständig neue Plattformen für Mitfahrgelegenheiten, es werden sogar wieder Autofahrten geteilt.

Sie sprechen – laut der Studie – vor allem von gebildeten, in Grossstädten lebenden jungen Frauen, die eng mit Internet und sozialen Netzwerken verbunden sind.

Die junge Internetgeneration geht voran, Städte sind anonymer als Dörfer und eignen sich besser für das Ausprobieren neuer Lebensformen. Wenn einer auf dem Land Tomaten züchtet, ist das normal. Tut er es aber in der Stadt, dann entsteht daraus vielleicht ein Trend.

Schon in den 80er-Jahren sagte Harvard-Professor Martin Weitzman, der allgemeine Wohlstand liesse sich erhöhen, wenn alle teilen würden.

Ja, aber erst heute wird es aufgrund der neuen Technologien richtig einfach, sich dabei zu organisieren, etwa mit Doodle. Das Beispiel Auto zeigt es: In der Stadt ist es praktischer, keines zu haben, weil man sich ohne Auto freier fühlt, weniger zahlt und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Velo erst noch schneller unterwegs ist. In Zukunft werden die meisten Menschen in Städten wohnen, hier brauchen wir neue Lebenskonzepte, weil der Raum beschränkt und teuer ist.

Wir teilen vor allem deshalb, weil nicht mehr jeder genug für sich selber hat.

Das ist ein Grund. In einer anderen Studie («The Age of Less» – Anm. d. Red.) sprechen wir davon, dass wir künftig alle weniger zur Verfügung haben werden und die Wirtschaft weniger wachsen wird als bisher. Der Wohlstand nimmt ab, und wir greifen wieder auf die Logik unserer Grosseltern zurück: Sie hatten weniger und mussten es teilen.

Sie propagieren aber die Lust am Teilen.

Wir teilen einerseits aus Notwendigkeit, aber auch, weil wir unser Umfeld in unser Leben einbeziehen wollen. Und schliesslich teilen wir, weil gewisse Dinge wie etwa Weintrinken einfach keinen Spass machen, wenn man allein ist.

Teilen ist das neue Haben: Jeder will sofort alles, und weil er es sich nicht leisten kann, muss er teilen. Teilen ist der Akt, um mehr zu haben.

Zumindest ist diese neue Form des Habens nachhaltiger und ökologischer als simples Haben, und es führt uns zusammen statt auseinander. Es geht auch darum, dass ich etwas nicht mehr unbedingt besitzen muss, wenn ich es haben will. Interessant wird das etwa bei der Mode: Wir lieben die Lust auf Abwechslung und tragen gern verschiedene Kleider. Müssen wir deswegen ganze Kleiderschränke mit eigenen Kleidungsstücken füllen? Das könnte sich ändern.

Teilen ist auch ein neues Geschäftsmodell. Die Autoindustrie ist bereits eingestiegen.

Unsere Gesellschaft entwickelt sich gerade vom Retail- zum Rentail-Zeitalter. Sharity-Formen sind durchaus ökonomische Geschäftsmodelle – letztlich rechnet sich ja nur ein Trend, der auf Resonanz stösst. Auch Facebook-Chef Mark Zuckerberg kann sich einen Trend nicht kaufen, der muss bereits latent vorhanden und von gewissen Menschen vorgelebt sein.

Bleiben wir bei der Autoindustrie: Der private Autokauf hat angezogen, seit die Wirtschaft positive Signale aussendet. Sobald es uns besser geht, wollen wir nicht mehr teilen.

Wir wissen allerdings nicht, ob die Käufer von privaten Autos eher älter sind oder eben Junge, die anders ticken und beispielsweise bereits «airbnb» nutzen. Die momentane Zunahme von privaten Autokäufen spricht nicht gegen einen langfristigen Trend des Teilens.

Anderseits stehen eine Milliarde Chinesen kurz davor, endlich ein eigenes Auto zu besitzen. Die wollen das bestimmt nicht teilen.

Wenn man bedenkt, dass asiatische Grossstädte bereits enorm unter Verkehrs- und Umweltproblemen leiden, wäre es geradezu grotesk, wenn jeder Chinese sein eigenes Auto fahren würde. Deshalb positioniert sich etwa die südkoreanische Hauptstadt Seoul als «Top Sharing City». In aufstrebenden Volkswirtschaften wird es vielleicht der Staat sein, der Teilen verordnet, weil das Land sonst nicht mehr funktionieren würde.

In der Studie heisst es unter anderem, es zähle nicht mehr so sehr, was einer habe, sondern was er nicht zu besitzen brauche. Das tönt für einen Afrikaner ziemlich schräg.

Zugegeben, es ist westlich und urban. Zugespitzt könnte man sagen, es sei der Lebensstil von Kindern wohlhabender Eltern, die Soziologie studiert haben und in Städten leben. Gleichzeitig ist es nun mal so, dass Trends kaum aus Entwicklungs- und Schwellenländern kommen, aber ihre Elite oft im Westen studiert, die neuen Lebensstile annimmt und später in ihren Ländern verbreitet.

Es scheint fast, als könne sich niemand dem neuen Trend entziehen.

Wahrscheinlich ist es der Umstand, dass sich viele Menschen und Institutionen einbringen können, und zwar nicht nur Hilfsorganisationen oder bedürftige Menschen.

Kurz und gut: Was bringt es mir persönlich, etwas mit anderen zu teilen?

Es macht ganz einfach Spass und bringt neue Freiheiten: Wer sich zum Beispiel die Kosten für teuren Wohnraum spart und stattdessen eine Wohnung teilt, hat das Geld, sich eine Putzfrau oder einen Koch zu leisten. So wird das Leben stetig einfacher und angenehmer.

Autor: Daniel Sidler

Fotograf: Markus Bertschi