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22. September 2014

Servus in der Genusshochburg

Sie erinnert landschaftlich an die Toscana und wartet mit Spezialitäten, naturnahen Erlebnissen und gut gelaunten Menschen auf: Die Südsteiermark in Österreich ist ein kleines Paradies für Geniesser.

Blick in die Südsteiermark
Die hügelige Rebberglandschaft der Südsteiermark erinnert an einen gepflegten Zengarten.

Wenn es Reben hat, fühle ich mich wohl!», sagt Sabrina Dreisiebner-Lanz (34) und lächelt verschmitzt. Kein Wunder, die Schweizerin hat in der Steiermark eine wichtige Aufgabe: Sie berät Winzer der Südoststeiermark und in Sachen Bioweine die Betriebe in allen drei Weinbaugebieten des österreichischen Bundeslandes.

In Zürich geboren, in Langnau am Albis, Küsnacht, Nepal und Gümligen aufgewachsen, dann wohnhaft in Küsnacht und Oberrieden, ist die Weinbauberaterin nach einem Deutschlandabstecher nun in der Steiermark angekommen. Von ihrem neuen Zuhause schwärmt sie in den höchsten Tönen.

Im Keller des Weinguts Tement lagern viele feine Weine.
Im Keller des Weinguts Tement lagern viele feine Weine.

Die hügelige Landschaft mit den vielen Rebbergen mag die Önologin zu jeder Jahreszeit. Beeindruckend, wie die Stimmung im Sommer vom nahen Mittelmeerraum geprägt ist, der Herbst golden strahlt und der Winter eine grosse Ruhe bringt. Die Vielfalt der Kulinarik, die verschiedenen Weinsorten, die Weinphilosophien – all das gefällt ihr.

Genauso wie die Menschen, die sie als sehr offen und locker empfindet, was wohl auch dem mediterranen Einfluss zu verdanken ist. «Ich habe mich hier viel schneller zu Hause gefühlt als in Deutschland», erzählt sie. In Leibnitz bei Graz hat sie mit ihrem Lebenspartner Johann Dreisiebner (59) und der dreijährigen Tochter Johanna ihren Lebensmittelpunkt gefunden.

Graz, Genusshauptstadt mit toller Aussicht

In Graz, der Lieblingsstadt von Sabrina Dreisiebner-Lanz, sammeln die meisten ausländischen Steiermarkbesucher ihre ersten Eindrücke. Viele lauschige Gassen und Höfe laden zum Schauen und Verweilen ein, und alle Sehenswürdigkeiten sind gut zu Fuss erreichbar. Man kann sich treiben lassen, sich verlaufen, ohne sich dabei zu verirren. Und so landet man früher oder später auf dem Schlossberg, entweder zu Fuss, mit der Schlossbergbahn oder dem Panoramalift, der im Berginnern in einem Stollen fährt. Auf dem Aussichtsberg geniesst man die Sicht auf Graz und sein eigenwilliges Kunsthaus. Es wurde 2003 errichtet, wegen seiner futuristischen Form bekam es Spitznamen wie «Wildschwein», «Kunst-UFO» und «Friendly Alien». Es ist architektonisches Wahrzeichen von Graz, genauso wie der Uhrturm auf dem Schlossberg.

Sabrina Dreisiebner-Lanz ist passionierte Weinbauberaterin und Önologin.
Sabrina Dreisiebner-Lanz ist passionierte Weinbauberaterin und Önologin.

Wer vom Ausblick über das Dächermeer von Graz nicht genug bekommen hat und dem Hausberg (fast) auf Augenhöhe begegnen möchte, besucht das Restaurant Freiblick in der obersten Etage des Kaufhauses K&O, eigentlich Kastner & Öhler. Vor lauter Aussicht sollte man jedoch die feinen Kleinigkeiten nicht verpassen, die im modernen, luftigen Restaurant angeboten werden.

In der Genusshauptstadt Graz findet man ohnehin viele tolle Restaurants und Spezialitätengeschäfte. Sie sind alle in den Strassen und Gassen in der Gegend des Hauptplatzes zu finden. Im «Bermuda-Dreieck» zwischen Mehlplatz, Prokopigasse und Färberplatz ist auch abends immer etwas los. Hier trinkt man beispielsweise im «Eckstein» gern ein Glas Wein oder ein Bier. Oder man besucht die etwa zehn Gehminuten entfernte Oper. Es handelt sich um das zweitgrösste Opernhaus Österreichs. Möglicherweise landet man in der nahe gelegenen «Kitchen12», wo Ferdinand (51) als autodidaktischer Quereinsteiger frisch, gut und einheimisch kocht und von Tochter Mimi (17) beim Servieren tatkräftig unterstützt wird. Wenn die Zeit reicht, ist Ferdinand für einen Schwatz zu haben.

Weingüter und Feste entlang der Weinstrasse

Ob der Vielseitigkeit, die diese Stadt mit dem Unesco-geschützten, besterhaltenen Stadtkern Mitteleuropas bietet, wundert es nicht, dass sie die Lieblingsstadt von Sabrina Dreisiebner-Lanz ist. Doch ihre eigentliche Leidenschaft gehört dem Land. Entlang der südsteirischen Weinstrasse – sie führt durch 14 Gemeinden – bewirtschaften 950 Winzer etwa 2340 Hektar Weingarten. Es reiht sich Hügel an Hügel, deren Nordhänge meist von Wald bedeckt sind. Und wo keine Rebstöcke stehen, wachsen Obstbäume und Kürbisse.

Vom Café Freiblick aus sieht man zum Grazer Uhrturm.
Vom Café Freiblick aus sieht man zum Grazer Uhrturm.

Aus der Ferne wirken die Weinberge, als wäre ein Riese mit dem grossen Rechen durch die Landschaft gefahren. Und wer zwischen dem Jakobitag (25. Juli) und Allerheiligen (1. November) durch das südsteirische Weinland reist, den begleitet ein stetes Klappern, das von eigentümlichen Windrädern herrührt. Klapotetz nennt sich diese Vogelscheuche, die mit einem «Ruder» ausgerüstet ist, das mancherorts an einen Hexenbesen erinnert. Auf dem Weingut von Wolfgang Maitz ist das ganze Jahr über ein Klapotetz zu sehen. Doch viel mehr Genuss bietet hier eine Weindegustation. Welschriesling, Weissburgunder, Morillon, Sauvignon Blanc und Muskateller werden im Weinlokal gereicht und im Laden verkauft. Wer mag, kann hier auch im Weinberg übernachten. Diese Kombination trifft man in der Steiermark oft. Auf der Pronegg kann man Ferien im Weinberg und Bauernhof verbringen. Die vielen Tiere erfreuen besonders die Kinder, während die Erwachsenen im lauschigen Garten eine Jause (Zvieri) geniessen und dabei auf die vom Sonnenlicht golden eingefärbten Weinberge schauen.

Durch und durch biologisch-dynamisch wird auf dem Weingut Tauss angebaut. Und Gäste, die hier übernachten, frühstücken nach biologischen Standpunkten reichhaltig und gut. Wer mit Roland Tauss einen Spaziergang durch den Weinberg unternimmt, erfährt einiges über seine schöpfungsnahe Arbeitsweise. Seinen Trauben lässt er die Zeit, die sie brauchen, und sein Wein soll Kraft geben, nicht schwächen …

Kleine Trödelläden in der Sackstrasse in Graz.
Kleine Trödelläden in der Sackstrasse in Graz.

Entlang der Weinstrasse werden fast das ganze Jahr über Feste gefeiert. Den krönenden Abschluss bildet jeweils im Oktober das Herbstfest in der Weinstadt Leibnitz. Doch zu den vielleicht schönsten Erlebnissen zählt «Tischlein deck dich im Weingarten». Es findet jeweils um die Sonnenwende und immer an einem anderen Ort statt, beispielsweise oberhalb des Weinbergs Hochsulz des Weinguts Dreisiebner Stammhaus.

Auf einem Hügel stehen weiss gedeckte Tische und rote Stühle, eingerahmt von Rebstöcken und der südsteirischen Landschaft. Während Gang für Gang – fünf insgesamt – aufgetischt und der stets passende Wein eingeschenkt wird, geht die Sonne in den Hügeln am Horizont unter. Die Stimmung steigert sich ins Zauberhafte, und schliesslich grüssen glitzernd die Sterne vom steirischen Himmel. Wie gut, gibt es das Wein­Mobil, das «Weinberg-Taxi», das die Gäste sicher nach Hause bringt.

Autor: Inge Jucker

Fotograf: Inge Jucker