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23. Mai 2016

Die Senioren-WG ist die Wohnform der Zukunft

Eine Erhebung des Bundes zeigt: In vielen Kantonen wird sich die Zahl der Rentnerinnen und Rentner bis 2045 mehr als verdoppeln. Insbesondere Frauen werden ihren Lebensabend vermehrt in Wohngemeinschaften oder Generationenhäusern verbringen.

im Seniorenheim
Statt im Seniorenheim werden viele Rentner künftig in einer Wohngemeinschaft leben. (Bild: Keystone)

Ddie Zahl der Einwohner in der Schweiz wird bis 2045 um 22 Prozent ansteigen, wobei die einzelnen Altersklassen sich sehr unterschiedlich entwickeln werden. Das geht aus Szenarien des Bundesamts für Statistik hervor, das die Bevölkerungsentwicklung bis 2045 durchspielt.

Die Unter-20-Jährigen legen gesamtschweizerisch 13 Prozent zu, die 20- bis 64-Jährigen hingegen nur 8 Prozent. Viel stärker fällt dagegen der Zuwachs bei den Personen ab 65 Jahren aus: Sie verzeichnen ein Plus von 79 Prozent. Denn die Babyboom-Jahrgänge kommen bald ins Rentenalter. Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung, was den Anteil der Rentner ebenfalls ansteigen lässt.

Am stärksten wächst die Zahl der Personen über 65 im Kanton Schwyz – um mehr als 115 Prozent. Aber auch in Freiburg, im Thurgau, in Obwalden und im Aargau dürfte sich ihre Zahl mehr als verdoppeln. Für die Generationenforscherin Pasqualina Perrig-Chiello (siehe unten) verbinden Männer und Frauen unterschiedliche Vorstellungen mit dem Alter: «Männer leben meist bis ans Lebensende in einer Partnerschaft und sind umsorgt. Betagte Frauen dagegen sind meist alleinstehend, verwitwet oder geschieden.»
Sie seien gesundheitlich stärker eingeschränkt und finanziell schlechter gestellt und daher meist auf Hilfe angewiesen. Deshalb sorgen ältere Frauen laut Perrig-Chiello bereits heute vor: «Sie gründen Wohngemeinschaften, ziehen in Generationenhäuser oder entscheiden sich für betreutes Wohnen.»

DAS EXPERTENINTERVIEW

Pasqualina Perrig-Chiello (63) ist Psychologieprofessorin
Pasqualina Perrig-Chiello (63) ist Psychologieprofessorin und Generationenforscherin.

«Alle wollen lange leben, aber niemand möchte als alt bezeichnet werden»

Pasqualina Perrig-Chiello (63) ist Psychologieprofessorin und Generationenforscherin.

Die neue Bevölkerungsstatistik zeigt, dass der Anteil der Über-65-Jährigen stark ansteigen wird. Ist die Schweiz darauf vorbereitet?
Diese Zunahme hat man erwartet, es besteht kein Grund zur Panik. Es wird an Lösungsansätzen gearbeitet – etwa an der Reform der AHV, an der beruflichen Vorsorge und an einer nationalen Strategie zur Prävention nichtübertragbarer Krankheiten. Aber es besteht noch Handlungsbedarf.

In welchen Bereichen?
Man vergisst gern, dass insbesondere die Familien herausgefordert sind. Betagte Menschen möchten vermehrt bis ans Lebensende in ihren vier Wänden leben. Ohne die Hilfe von Familienangehörigen – zumeist der Töchter – geht das nicht. Diese Hilfe, die für die Gesellschaft eine enorme Einsparung an Pflegekosten bedeutet, ist wiederum mit anderen Kosten verbunden.

Inwiefern?
Frauen, die betagte Verwandte pflegen, verdienen weniger und haben eine schlechtere berufliche Vorsorge. Sie fehlen in der Arbeitswelt, und damit fehlen ihre Sozialleistungen der Gesellschaft. Somit ist Hilfe und Pflege von Angehörigen keine rein familiäre, sondern auch eine gesellschaftliche Angelegenheit, zumal viele dieser Frauen in einen Vereinbarkeitskonflikt zwischen Beruf und Familie geraten, weil sie zunehmend berufsorientiert, besser gebildet und häufiger alleinstehend sind.

Was erwarten Sie von den Arbeitgebern, was von den Politikern?
Es braucht flexible Arbeitsmodelle, Betreuungszulagen, Entlastungsmöglichkeiten. Der politische Wille, das Engagement für die Familie zu unterstützen, ist zwingend. Denn was sind die Alternativen? Noch höhere Kosten für die Gesellschaft.

Die Kosten strapazieren die Solidarität zwischen den Generationen. Wie lässt sich dieses Problem lösen?
Häufig ist die Rede von den Jungen die für die Alten zahlen. Das ist schlichtweg falsch. Die Jungen werden immer älter, bevor sie zahlen. Ihre Ausbildung dauert länger, sie brauchen lange, bis sie sich beruflich und familial verankern. Es ist die mittlere Generation, die am meisten unter Druck steht.

Wie könnte man sie entlasten?
Wir müssen die bisher gültige Phasengestaltung des Lebens – Ausbildung, Arbeit, Ruhestand – überdenken. Die Jungen sollten etwa schon früher Verantwortung übernehmen und nicht erst Ende 20 in der Arbeitswelt Fuss fassen. Ältere sollten weiterarbeiten können, wenn sie das können und wollen. Genauso selbstverständlich wie lebenslange Weiterbildung sollten lebenslanges Arbeiten und lebenslange Musse werden. Wir müssen diese Phasen über das ganze Leben besser verteilen.

Wer über 50 ist, hat oft Mühe, eine neue Stelle zu finden.
Das ist ein ungelöster Widerspruch – auch hier braucht es ein Umdenken. Kontinuität, Erfahrung und Kompetenz sind ebenso wertvoll wie Dynamik, Jugendlichkeit und Flexibilität.

Warum ist Alter so negativ besetzt?
Der Mensche hatte schon immer ein zwiespältiges Verhältnis zum Alter. Alle wollen lange leben, aber niemand möchte als alt bezeichnet werden. Das hat mit Angst vor altersspezifischen Verlusten zu tun: Verlust von Gesundheit, Autonomie, Einfluss und Schönheit.

Wie geht es den Leuten nach der Pensionierung?
Im Gegensatz zur landläufigen Meinung gut. Die Jahre zwischen 60 und 80 sind in der Regel gute Jahre. Das zeigen die Befindlichkeitskurven rund um den Globus. Nach der Pensionierung nimmt der Druck ab – viele empfinden die neue Lebensphase als Befreiung. Sie sagen sogar: «Das Alter ist meine beste Zeit.» 

Autor: Monica Müller