Archiv
01. Februar 2016

Senioren nutzen neue Freiheiten

Das Älterwerden ist vielfältiger geworden. Davon profitiert auch die 83-jährige Nelly Wolf. Wie die Mehrheit der Senioren möchte sie so lange wie möglich zu Hause wohnen. Dabei helfen ihr auch moderne Kommunikationsmittel.

Einen geruhsamen Lebensabend auf der Bank vor dem Haus geniessen. Der Sohn oder die Tochter wohnt mit der Familie gleich nebenan. Das Grosi hilft da und dort, fühlt sich nützlich und hat Freude an den Enkeln … So sah früher das Alter aus. Oder zumindest die Idealvorstellung davon. Denn in der Realität gab es in Grossfamilien oft Probleme.
Heute haben Senioren die Wahl zwischen zahlreichen Wohnmodellen. Es gibt Seniorenresidenzen, Alterswohnungen, Wohngemeinschaften, Betagtenheime oder einfach die lieb gewonnene Singlewohnung.

Heute wird man anders alt als früher

Beim Stichwort Single machen Kulturpessimisten gern auf die Einsamkeit im Alter aufmerksam. Sie hat aber in den vergangenen Jahren nicht zu-, sondern eher abgenommen: Fühlte sich 1979 jeder vierte über 80-Jährige einsam und isoliert, stellte die Einsamkeit 2011 bei dieser Altersgruppe nur noch für jeden Fünften ein Problem dar.
Altersforscher François Höpflinger (67) hat eine Erklärung für diese Entwicklung: «Heutige Senioren pflegen mehr Freundschaften ausserhalb der Familie. Sie nutzen moderne Kommunikationsmittel und profitieren von einem gut ausgebauten ÖV-Netz.» Zudem seien sie tendenziell fitter und wohlhabender als noch die Generation davor, wodurch sich ihnen mehr Möglichkeiten böten.

Die Mehrheit möchte zu Hause bleiben

Auch wenn es heute viele verschiedene Wohnmodelle für Senioren gibt, möchte die Mehrheit so lange wie möglich in einer ganz normalen Wohnung oder in ihrem Haus bleiben: 90 Prozent der über 65-Jährigen lebt in traditionellen Paar- und Single-haushalten. Selbst im Alter von 85 plus leben noch zwei Drittel im angestammten Heim. Möglich ist dies unter anderem dank des Einsatzes von Familienangehörigen oder Spitex-Organisationen: Rund eine halbe Million Senioren ist gemäss einer Studie der Universität St. Gallen zu Hause auf Hilfe angewiesen, knapp die Hälfte davon wird von der Spitex betreut.

WGs stossen medial auf viel Sympathie

Gemeinschaftliche Wohnprojekte im Alter wie etwa Wohn- oder Hausgemeinschaften finden viel mediale Beachtung und stossen bei Fachleuten auf Sympathie. Die für den «Age Report 2013» befragten Personen beurteilen wohngemeinschaftliches Altern jedoch mehrheitlich negativ: Nur 17 Prozent bejahen eine solches Wohnmodell, immerhin 6 Prozent mehr als noch vor einer Dekade. In die Realität umgesetzt wird diese Wohnform jedoch nach wie vor von einer kleinen Minderheit – wahrscheinlich auch, weil derzeit nur wenig Wohnraum vorhanden ist, der sich für gemeinschaftliches Wohnen im Alter eignet.
Fest steht: Das Altwerden ist in den vergangenen Jahren flexibler geworden.Und diese Tendenz wird sich dank des technologischen Fortschritts weiter verstärken. In Zukunft werden Hochbetagte vielleicht einen Avatar zur Party schicken und sich via elektronisches Alter Ego mit den Gästen unterhalten. Und wer ins Pflegeheim muss, nimmt über einen Bildschirm weiterhin am Leben der Liebsten teil.

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Jorma Müller