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10. März 2014

Selbstversuch Fasten

Redaktorin Andrea Freiermuth hat eine Woche auf feste Nahrung verzichtet. Ihr Fazit.

Zwei Personen vor einem See in Decken gehüllt, am Tee trinken
Alltag des Fastens: Teetrinken, ausruhen und mit Mitfastenden plaudern.

Mehr zum Thema:Lesen Sie die Tagebucheinträge der Redaktorin und erleben Sie Ernährungsberaterin Karin von Burg im Videointerview: zum Artikel

Die Krokusse spriessen, und der Frühling liegt in der Luft. Höchste Zeit, den Winterspeck loszuwerden. Vielleicht sogar mit einer radikalen Hungerkur?

Ich habs versucht. Ich habe mich für eine Fastenwoche angemeldet und mich sechs Tage lang von Fruchtsäften und Gemüsebrühen ernährt. Erstes Fazit: minus drei Kilogramm.

Das klingt nach einem Erfolgserlebnis, ist es aber nicht. Mindestens ein Kilogramm macht bloss der Mageninhalt aus, den ich mir inzwischen wieder angefuttert habe. Ein weiterer Teil ist Muskelmasse. Schrumpft sie, kann der Körper weniger Energie verbrennen, was zu mehr Gewicht führt, wenn wieder normal gegessen wird. Sicher habe ich während meiner Fastenwoche auch ein wenig Fett verbrannt, aber da mein Körper der Ernährungslage nach dem Nahrungsentzug misstraut, versucht er die Depots sobald wie möglich wieder aufzufüllen.

Betriebsleiterin Rolf Arnold und Jacqueline Stöckli schauen aus dem Fenster hinaus.
Aufmerksame Gastgeber: Betriebsleiterin Rolf Arnold und Jacqueline Stöckli.
Andrea Freiermuth wärmt sich am Kachelofen auf.
Fastende frieren ständig: Andrea Freiermuth wärmt sich am Kachelofen auf.

Ernährungsberaterin Karin von Burg, die mich und meine Mitfastenden auf dem Hof de Planis (siehe Box rechts) besucht hat, rät klar vom Fasten als Weg zur Gewichtsreduktion ab: «Kilos, die während der Safttage purzeln, hat man bald wieder auf den Rippen. Ausser man stellt die Ernährung dauerhaft um.» Die 42-Jährige verweist auf die Lebensmittelpyramide der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung, die unter anderem fünf Portionen Früchte und Gemüse am Tag empfiehlt.

Auch der populären Fastenliteratur, die das Fasten als Jungbrunnen preist und von Entgiften und Entschlacken schwärmt, steht Ernährungsberaterin von Burg kritisch gegenüber: «Es gibt keine Beweise, dass der Körper beim Fasten Gift abbaut – und die viel zitierten Schlacken hat noch niemand gefunden.» Studien zum Thema Fasten gibt es zwar viele, aber keine einzige entspricht streng wissenschaftlichen Kriterien.

Bringt Fasten folglich gar nichts? Ich finde doch. Es war eine spannende Erfahrung. Nie hätte ich gedacht, dass ich fast eine Woche lang auf feste Nahrung verzichten kann. Erstaunt war ich auch, dass ich keinen Hunger leiden musste.

Energieschübe, Glücksgefühle – aber ich hab nichts davon

Dazu muss man wissen: Bei den meisten Fastenkuren wird nicht nur auf Nahrung verzichtet, sondern das Verdauungssystem aktiv gesäubert. Entweder indem man einen Einlauf macht und Wasser in den Mastdarm pumpt oder Glaubersalz einnimmt. Beides führt zu Durchfall und hat zur Folge, dass der Körper irritiert innehält und das Hungergefühl vorübergehend einstellt.

Kilos, die während der Safttage purzeln, hat man bald wieder auf den Rippen.

Saft aus Spinat, Zuchhetti und Orangensaft.
Zum Trinken gibts nur Säfte, wie den aus Spinat, Zucchetti und Orangensaft.

Viele Fastende berichten über Energieschübe und Hochgefühle ab dem dritten Fastentag. Hierfür gibt es sogar eine biologische Erklärung: Beim Fasten wird nachweislich mehr vom Glückshormon Serotonin produziert, während sich sein Abbau gleichzeitig reduziert.

Mir persönlich war dieses Erlebnis leider vergönnt. Allerdings fühlte ich mich mit der Zeit etwas entrückt. Ich konnte mich nicht mehr richtig konzentrieren, und es passierte mir, dass ich einfach mal eine halbe Stunde dasass, den Kohlmeisen vor dem Fenster zusah und an Nichts dachte. Dann wieder gab es Momente, in denen ich glaubte, glasklare Gedanken und super Ideen zu haben.

Vielleicht ist es dieses Gefühl, das manche Leute meinen, wenn sie sagen, dass Fasten süchtig mache. Oder dass es zu innerer Gelassenheit und einer tieferen Spiritualität führe.

In diesem Zusammenhang ist interessant, dass alle grossen Religionsstifter Fastenerfahrung haben und ihren Anhängern Fastenregeln auferlegten. Allerdings haben die Menschen allerlei Tricks gefunden, um diese Fastengebote zu umgehen. So verzichten Moslems während des Ramadans nur tagsüber auf Nahrung. Und die christlichen Mönche haben allerlei Leckereien erfunden, um die Fastenzeit nicht fleischlos überstehen zu müssen.

Fasten kann den Impuls zu einer Ernährungsumstellung geben

Was mir beim Fasten eindeutig am besten gefallen hat, war das Fastenbrechen. Ich erlebe derzeit alle Gerüche und Geschmäcker sehr intensiv. Süss schmeckt süsser, scharf schärfer und salzig wird mir sogar schnell zu viel. Und ja: Ich habe mir vorgenommen, weniger Koffein zu konsumieren und langsamer zu essen. Bis jetzt konnte ich mich ohne Problem an meine Vorsätze halten. Allerdings ist das momentan auch noch nicht so schwierig: Mit der zweiten Tasse Kaffee beginnt mein Magen zu pulsieren und nach drei Bissen habe ich in der Regel keinen grossen Hunger mehr.

Klangtherapeutin Monica Fopp mit ihren Instrumenten, im Hintergrund liegen die Fastenden auf der Yogamatte.
Mit Klangtherapeutin Monica Fopp gehen die Fastenden auf eine Klangreise, können Yoga-Stunden nehmen und sich mit Shiatsu verwöhnen lassen.

Insofern glaube ich durchaus, dass Fasten ein Impuls setzen kann, um die Ernährung dauerhaft umzustellen. Dieser Meinung schliesst sich auch Ernährungsberaterin Karin von Burg an: «Fasten kann allenfalls eine Möglichkeit sein, Körper und Geist neu zu erfahren, das eigene Ernährungsverhalten zu überdenken, die Hektik des Alltags abzulegen und sich in Achtsamkeit zu üben.» Sofern man zum Fasten motiviert sei und sich im Vollbesitz seiner körperlichen und psychischen Kräfte befindet, nicht schwanger, nicht depressiv und nicht frisch operiert ist und keine Gicht hat.

Übrigens: Einen Energieschub durfte ich dann doch noch erleben. Einfach erst nach dem Fasten. Kaum war ich wieder zu Hause, begann ich mein Büro aufzuräumen, Bücher auszusortieren, Unterlagen zu ordnen, Ballast zu entsorgen. Eine Aufgabe, die ich schon mehr als ein halbes Jahr vor mich hergeschoben hatte.

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Tina Steinauer