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31. März 2014

Selbstgespräch: Pro und Contra

Wenn Kinder mit sich selbst reden, ist das völlig normal. Gilt das auch bei Erwachsenen? Forscher widersprechen sich. Anders bei den Kleinen: Hier sieht die Wissenschaft fast nur Vorteile – die Übersicht im Artikel rechts.

Selbstgespräche sind in den meisten Fällen nützlich und gesund
Selbstgespräche sind in den meisten Fällen nützlich und gesund. (Symbolbild: Fotolia).

«Sie motivieren, kontrollieren und sind gesund.»

«Sie führen zu einem tieferen Selbstwertgefühl.»

Beide Sätze fassen unabhängige Forschungsergebnisse rund um das Thema «Selbstgespräch bei Erwachsenen» kurz und knapp zusammen. Die Studien wurden zwischen den Jahren 2010 und 2013 an nordamerikanischen und deutschen Universitäten durchgeführt, und sie widersprechen sich praktisch in allen Punkten. Nachfolgend die unterschiedlichen Begründungen der Forscher und eine abschliessende Einschätzung eines Experten, welche Tendenz die richtige ist.

Positive Auswirkungen

«Dass sich ein Lebewesen selbst Nachrichten vermitteln kann, ist einzigartig», sagt die Psychologin Dolores Albarracin von der Universität Illinois. Sie geht noch weiter und meint, dass das eines der wichtigsten Werkzeuge sei, mit dem Menschen ihr Verhalten leiten. Der Dialog mit dem eigenen Ich verhindere vielfach, sich impulsiven Entscheidungen hinzugeben», ergänzt Alexa Tullet von der Universität Toronto. Darüber hinaus hilft es bei der Konzentration und beim Lernen: «Viele Menschen können sich Sachen besser merken, wenn sie vor sich hin reden, da das den Merkeffekt verbessert, sagt Dirk Wedekind von der Universität Göttingen.»

Negative Auswirkungen

«Ich schaffe das!» Sich selbst motivieren und anspornen hilft bei der Bewältigung einer Herausforderung. Denkt man. Stimmt aber nicht, sagen Forscher der Universitäten Waterloo und New Brunswick. «Positive Sätze über sich selbst zu wiederholen mag bestimmten Personen helfen, aber gerade bei denen, die sie am dringendsten bräuchten, gehen sie nach hinten los», schlussfolgern sie. Das heisst: Wer ohnehin ein tiefes Selbstwertgefühl besitzt, kann das durch ein lobendes Selbstgespräch nicht steigern. Sätze wie «Ich bin ein liebenswerter Mensch» würde in solchen Fällen Gedanken ans Gegenteil aufkommen lassen, argumentieren die Forscher.

Fazit: Es gibt eine Grenze

Fast alle Menschen reden mit sich selbst – wenig überraschend neigen Einzelkinder öfter dazu als Kinder mit Geschwistern. Ansonsten weiss die Forschung wenig darüber, wer häufiger dazu tendiert. Klar ist nur, dass die meisten das Instrument Selbstgespräch nur dann nutzen, wenn sie sich unbeobachtet fühlen. Wenn ein Satz in der Öffentlichkeit rausrutscht, fühlen sich viele peinlich berührt.

Dabei ist das gar nicht notwendig. Wer nur unregelmässig und in passenden Situationen mit sich selbst spricht, kann positive Effekte daraus ziehen und sich beispielsweise motivieren. Laut Peter Falkai, Psychotherapeut von der Universität München, ändert sich das nur, «wenn Menschen aus ihrer Sicht nicht mit sich selbst, sondern mit anderen sprechen». Dann sei die Grenze zum krankhaften Selbstgespräch überschritten, so Falkai. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn sich jemand mit einem verstorbenen Verwandten oder einem imaginären Freund unterhält.

Autor: Reto Vogt