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12. März 2012

«Selbst Säuglinge haben schon eine Privatsphäre»

Remo Largo (68) ist einer der renommiertesten Schweizer Kinderärzte. Seine Bücher «Babyjahre», «Kinderjahre» und «Jugendjahre» gehören zu den Standardwerken unter den Erziehungsratgebern.

Remo Largo (68) ist einer der renommiertesten Schweizer Kinderärzte.
Remo Largo (68) ist einer der renommiertesten Schweizer Kinderärzte. (Bild: zVg.)

Remo Largo, wie viel Privatsphäre braucht ein Kind?

Umso mehr, je älter es ist. Selbst ein Säugling hat schon eine Art Privatsphäre, indem er beispielsweise nicht immer gleich bereit ist, mit den Eltern in einen sozialen Kontakt zu treten.

Ab wann stört es Kinder, wenn man mit anderen über ihre Belange spricht, zum Beispiel darüber, ob sie schon trocken sind oder in wen sie verliebt sind?

Kinder sind ab etwa vier Jahren beschämt, wenn andere etwas über sie erfahren, was ihnen peinlich ist. Genauso, wie sie stolz sind, wenn sie in einer bestimmten Sache gelobt werden.

Je älter Kinder werden, desto mehr haben sie das Bedürfnis, dass sich Eltern nicht einmischen. Wie verläuft diese Entwicklung?

Respektvoll mit einem Kind umzugehen, ist etwas ganz Wichtiges. In allen Belangen, in denen das Kind schon kompetent ist, sollten sich die Eltern nicht mehr einmischen oder es gar blossstellen.

Vor allem bei Teenagern stehen Eltern zwischen dem Recht ihres Kindes auf Privatsphäre und der Verantwortung für sie. Zum Beispiel wenn sie sich Sorgen machen, ihr Kind könnte Schulden haben oder Drogen nehmen. Ist es in diesem Fall vertretbar, das Zimmer zu durchsuchen?

Im Zimmer eines Jugendlichen haben die Eltern nichts mehr zu suchen. Der Jugendliche soll selber für Ordnung sorgen. Die Eltern erlauben es ja auch nicht, wenn der Jugendliche ihr Zimmer ohne Erlaubnis «besucht». Zu Schulden oder Drogen: Je schneller sich die Eltern eingestehen, dass sie die Kontrolle über den Jugendlichen verloren haben, sobald er aus dem Haus ist, umso besser. Sie müssen ihm sagen: Wir können dich nicht mehr beschützen. Du musst nun selbst die Verantwortung für dich übernehmen. Sie sollten aber immer auch klar ihre Meinung sagen, zum Beispiel zu Bedenken über den Alkoholkonsum, aber immer anmerken: Du bist dafür verantwortlich, was du tust.

Mit Facebook und anderen Plattformen hat sich die Beziehung von Privatem zu Öffentlichem verändert. Wie können Eltern ihre Kinder hier schützen und unterstützen?

Das Problem ist doch, dass die Jugendlichen mit dem Internet besser umgehen können als ihre Eltern. Also: Schutz und Beratung sollten nicht von den Eltern, sondern von Personen kommen, die wirklich kompetent sind. Dafür sollten Eltern sorgen — und sich anschliessend von Sohn und Tochter belehren lassen.

Autor: Andrea Fischer