Archiv
28. Oktober 2013

Selber schuld

Bänz Friedli war auch mal jung.

Lassen Sie es mich rasch loswerden: Ein Bravo an meine Heimatgemeinde im Bernbiet! Sie lehnte es letzte Woche ab, eine Ausgangssperre über Kinder und Jugendliche zu verhängen. Nach 22 Uhr dürften sich unter Zwölfjährige nicht mehr im öffentlichen Raum aufhalten, sah ein Polizeireglement vor, das ein Teil des Gemeinderats hatte in Kraft setzen wollen. Einfach wegsperren! Und das nannten sie dann auch noch «Jugendschutz». Die Gemeinde, kann ich Ihnen sagen, ist sehr ländlich. Warum sollte, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen, ein Jugendlicher nicht nach 22 Uhr noch unterwegs sein dürfen, wenn er von einer Orchesterprobe oder einem Turntraining heimkehrt? Absurd. Und es war wie immer, wenn es um die Jungen geht: Man meint ganz, ganz vereinzelte Übeltäter und macht pauschal «die heutige Jugend» schlecht.

Jugendliche, die sich einmischen, wunderbar!

Im Abstimmungskampf malte der Gemeindepräsident den Teufel an die Wand: Von einem Zehnjährigen schwadronierte er, der nachts um ein Uhr mit einem Rucksack voller Wodkaflaschen aufgegriffen worden sei. Dumm nur, dass sich das Beispiel bei genauem Nachfragen als frei erfunden erwies. (Und hätte es den Wodka-Buben tatsächlich gegeben, wäre nicht er das Problem gewesen, sondern seine Eltern.) Ein Ausgangsverbot für Jugendliche? Andernorts wurde es verhängt, teils für bis zu 16-Jährige. Und in manchen Zürcher Gemeinden vom Verwaltungsgericht wieder aufgehoben, weil es verfassungswidrig ist. Himmel, wie hilflos ist eine Elterngeneration, die sich ihrer Jugendlichen mittels Ausgangssperren zu erwehren sucht?

Jugendliche, die sich einmischen, wunderbar!
«Jugendliche, die sich einmischen, wunderbar!»

Da, wo ich herkomme, begehrten die Jugendlichen gegen das Ansinnen auf, und mir heimelte es, als ich letzthin meine Mutter besuchen ging. Es war etwas los in der Gemeinde. Transparente hingen an Zäunen: «Nein zum Polizeireglement!» Leintücher waren vor Fenster gespannt: «Wir lassen uns nicht knechten!» Jugendliche, die sich einmischen, die mitreden wollen im Gemeinwesen, die ihre Meinung kundtun — wunderbar! Es erinnerte mich an meine eigene Jugend, daran, wie wir vor 29 Jahren im Dorf gegen den Abbruch eines alten Hauses kämpften, in dem wir Filme zu zeigen und ziemlich schräge Theaterstücke aufzuführen pflegten. Mit Flugblättern und Plakaten wehrten wir uns. Und mit genau solchen Losungen, wie die Jugendlichen sie nun wieder auf Leintücher pinselten. Sie erreichten ihr Ziel nur halb, diesmal. Teile des Reglements, das gegen Lärm, Schmierereien und herumliegenden Müll vorgehen will, wurden angenommen; Überwachungskameras sollen montiert werden. Aber, hey, Jugendliche sind nun mal jugendlich und machen auch mal Seich. Mit Kameras und Ausgangssperren ist ihnen nicht beizukommen. Im Gegenteil, man bietet ihnen damit nur neue Möglichkeiten zur Übertretung. Am gescheitesten würde man den Jungen begegnen, indem man sich für sie interessiert und sich daran erinnert, dass man selber mal jung war. Und jetzt kann ich es ja sagen, es ist verjährt: Derjenige, der 1983 «Welche Bausau baute diesen Saubau?» an eine Betonwand sprayte, war ich. Nicht, dass ich auf den Spruch besonders stolz wäre, auch nicht auf die Tat. Ich will nur sagen, dass die heutige Jugend keinesfalls schlimm ist. Deshalb ein grosses Merci nach Wohlen bei Bern! Ein Merci an die Gemeindeversammlung, welche die Ausgangssperre abgeschmettert hat.

Eines freilich hat der Gemeindepräsident erreicht: Er hat die Jugendlichen politisiert. Ätsch!

Friedli live: 3.11. Melchnau BE, mit Tinu Heiniger.

Bänz Friedli (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

Die Hausmann-Hörkolumne , gelesen von Bänz Friedli (MP3)

Die Hörkolumnen bei iTunes

Die Hörkolumnen mit RSS-Client

www.derhausmann.ch
Sein Facebook-Auftritt

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli